Autor Thema: Selbstavatare  (Gelesen 1477 mal)

Erich Kykal

Selbstavatare
« am: April 02, 2017, 11:59:34 »
Wie Tropfen treiben wir im Meer der Mienen,
das uns umflutet in der großen Stadt,
der lauten Welt, die keine Bremsen hat,
nur eilende Gestalten, die ihr dienen.

In ihrem Lauf erinnern sie an Bienen:
Bewegte Puppen - wesenlos und matt
erscheinen sie: fast wie an Menschen statt
sich hier berührend, nur bedient von ihnen.

Wie ferngesteuert aus versperrten Räumen,
darein kein Licht und kein Empfinden fällt,
wo sieche Seelen in verseuchten Träumen

sich selbst bedauernd fragen, wer sie leitet:
Wer lustlos ihre Fernbedienung hält,
bis sie dem ungeschaffnen Gott entgleitet.
« Letzte Änderung: April 04, 2017, 18:48:02 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Selbstavatare
« Antwort #1 am: April 02, 2017, 23:49:09 »
Ja, die Avatare nehmen zu, die Menschen ab. Eine blicklose Starre und Gleichförmigkeit in den Verhaltensmustern lässt Fernsteuerung vermuten.

Sehr gern gelesen, Erich.
LG gummibaum


cyparis

Re: Selbstavatare
« Antwort #2 am: April 03, 2017, 15:36:38 »
Lieber Erich,

ich hab bis heute keine allgemeingültige Bedeutung des Ausdrucks "Avatar" übermittelt bekommen.
Für mich sind es die Bilder, die sich Poeten für ihre Nicknamen zulegen. So bin ich Thing in Poetry mit dem Bild eines Thingplatzes.
Gesichtlos.
Aber das bist Du ja nicht (auch auf keiner Deine Plattformen).
Du meinst die gesichtslose Menge, die wie ferngesteuert wirkt?
Aber das sind ja auch wir für die anderen.

Der "siechende Verstand" ist krass, erschreckend.
Von ihm sind die Wiesenbewohner sicherlich nicht infiziert.

Habe bei Deinem Gedicht kein gutes Gefühl, ganz und gar nicht.

Lieben Gruß
von
Cyparis

Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re: Selbstavatare
« Antwort #3 am: April 03, 2017, 17:40:26 »
Hi Gum, Cypi!

Das Gedicht bezieht sich auf die "gesichtslose Menge", die Masse der Fremden, unter denen man Fremder ist, die gleichgültigen, unbewegten Mienen der Passanten. "Unter vielen allein" könnte man auch sagen, aber zum Teil ist die Gesellschaft an sich konturloser, anonymer, gleichgültiger geworden. "Geht mich nichts an!" oder "Bloß nicht einmischen!" oder "Könnte eine Falle sein!" oder "Ich will keine Schwierigkeiten!" oder "Igitt! Ich will den nicht anfassen!" sagt sich mancher, der an einem Kollabierten vorbeigeht, der vielleicht ohne seine Hilfe stirbt - mitten in der City, am hellichten Tag!

Avatare bezeichnen heute "Platzhalter" für das eigene Ich, die eigene Persona im Internet, wenn man anonym bleiben möchte, aus welchen Gründen auch immer. Die Unpersönlichkeit, die hohle Fassade dieser Maskierung erinnert an/ist übertragbar auf diese gleichgültige Menge: sie alle tragen irgendwie Masken, als seien sie gar nicht bei sich, sondern würden nur gefühlslose Puppen fernsteuern, entweder von daheim oder als Passagiere im eigenen Körper - sie verhalten sich, als ginge die reale Welt sie gar nicht (mehr) an!

Mittlerweile soll es Menschen geben, die ernstlich glauben, ihr "wahres Leben" finde in der Cyberwelt statt und nicht in der Wirklichkeit, bzw. ihre Avatare im Netz sind ihnen wirklicher als das, was sie in der Realität darstellen.
Übertzrägt man das Bild der "vorgespiegelten Persona" auf diese Wirklichkeit, erscheinen die meisten Passanten in den Großstädten eben auch wie Puppen, unpersönliche Hüllen, die so tun, als ginge das Leben um sie sie gar nichts an, als durcheilten sie es nur, weil sie eben gerade müssten. - Selbstavatare eben, Scheinpersönlichkeiten, Masken im weitesten Sinne ...

Man kann sich auch fragen, ob die in S1 erwähnte "Stadt" eine echte ist oder eine im Cyberspace, ob du in der "echten Realität" spazieren gehst oder durch ein computergenerieres Scheinbild wandelst, den eigenen Avatar fernsteuernd - die Grenzen verschwimmen mehr und mehr ...
Spieler in Computerspielwelten erkennen die Avatare von Mitspielern nach einer Weile im Spiel als wirklich so existente Wesen an - da fragt man sich doch ...

LG, eKy
« Letzte Änderung: April 03, 2017, 17:48:19 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.