Autor Thema: Hurenviertel  (Gelesen 3840 mal)

Erich Kykal

Hurenviertel
« am: Mai 14, 2017, 10:11:06 »
Im Dunkelgrau der spiegelnassen Straßen
entheiligt sich die Unschuld jeder Stunde,
wird fortgewaschen mit den welken Träumen
Gestrauchelter, wo immer sie auch fielen.

Und jeglicher Kredit, den sie besaßen,
vertan, verspielt in dieser kalten Runde,
die keine Träume tragen kann: sie räumen
das Feld, wo Gier und Wollust Fangen spielen.

Der Takt, darin sie ihre Zeit bemaßen,
diktierte jedes Wort aus ihrem Munde,
rechtfertigte das klägliche Versäumen
von Menschlichkeit in unerreichten Zielen.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

wolfmozart

Re: Hurenviertel
« Antwort #1 am: Mai 14, 2017, 16:20:49 »
Hallo Erich,

technisch wie meistens 1a, besonders das Reimschema gefällt mir sehr und ist nicht leicht durchzuziehen.

Die Aussage deprimierend aber sehr professionel in Szene gesetzt.

Ich verharmlose manchmal die Prostitution, aber dein Poem wird wohl der Realität sehr nahe kommen.

Grüße wolfmozart

Erich Kykal

Re: Hurenviertel
« Antwort #2 am: Mai 14, 2017, 17:27:11 »
Hi WM!

Wer mich kennt weiß, dass ich nichts gegen Prostitution habe (zB "An eine namenlose Hure", von mir auch auf YouTube zu hören).

Die hier "Gestrauchelten" sollen nicht nur die Huren sein, sondern - vor allem - ihre Kunden! Die reden sich ihren bezahlten "Gebrauch" gerne schön oder versuchen ihn ganz zu verschweigen. Diese Doppelmoral und kulturelle Feigheit finde ich verwerflicher als das ehrliche Angebot der "Dirnen".
Sie ist auch verantwortlich dafür, dass sich Zuhälter und organisiertes Verbrechen in diesem Umfeld breitmachen können! So werden Frauen einmal mehr zum Objekt der Ausbeutung und Unterdrückung, bloß weil das patriarchalische System zu feige ist, aufrichtig zur Inanspruchnahme solcher Dienste zu stehen! Und wieder mal ist es mit die Religion, die da vieles verzerrt und verdorben hat! Als ob es "ethischer" wäre, Menschen zu verachten, die bestimmte Dienstleistungen anbieten, nur weil sie nicht zur arroganten Grundbotschaft passen: "Seid fruchtbar und mehret euch!" und sich nicht der allgemeinen Lust- und Körperfeindlichkeit dieser behaupteten Lebenswahrheit unterwerfen!

Hier wollte ich eigentlich nur ein tristes Stimmungsbild entwerfen, eine verregnete Stadtszene, aber es passiert mir oft, dass immer noch was Menschliches, Moralisches, Philosophisches mit reinspielt! Als könnte ich den moralischen Zeigefinger einfach nicht ruhen lassen!  ::) :-[

Vielen Dank für deinen Kommi!  :)

LG, eKy
« Letzte Änderung: Mai 15, 2017, 16:50:15 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re: Hurenviertel
« Antwort #3 am: Mai 17, 2017, 19:46:19 »
Lieber Erich,

sowohl Dein Gedicht als auch Deine Ausführungen sind schiere Wortkunst und dieserhalben ein Genuß - ich lese das eine mit so viel Gewinn wie die andre.

Prostitution, eine der übelsten Sklavenarbeiten, wird nie wirklich menschlich für die Mädchen und Frauen werden, solange der Makel des Unanständigen oder Verbotenen daran haftet. Das ist allein das "Verdienst" der Kirche und der Kirche bis heute untertanen weltlichen Gesetze. Und wie  bei allen "verbotenen" Genüssen, steckt die entsprechende Mafia dahinter, auch wenn sie nicht so heißt.

Aber sonderbar, daß so viele Gedichte über das Thema den vor Nässe glänzenden Boden mit sich führe.

Zutiefst zustimmende Grüße
von
Cypi
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re: Hurenviertel
« Antwort #4 am: Mai 17, 2017, 21:29:58 »
Hi Cypi!

Vielen Dank für das vollmundige Lob!  :)

Der Vollständigkeit halber soll erwähnt sein, dass sich diese rigide Ablehung der Prostitution auch aus den seit der Antike grassierenden Geschelchtskrankheiten ergab, deren Eindämmung den Gesellschaften schon aus wirtschaftlichen Gründen wichtig war. Die Angst vor Ansteckung diskreditierte den Berufsstand der Sexarbeiterinnen mindestens ebenso wie die körperfeindliche christliche Moral. Man bedenke: Vom Mittelalter bis fast in die Moderne bestand der abendländische Kulturkreis praktisch NUR aus religiösen Fanatikern mit einer Heidenangst (witzige Wortwahl!) vor dem Fegefeuer und den ewigen Strafen der Hölle!

Das strophenübergreifende Reimschema ergab sich aus meiner derzeitigen Lustlosigkeit beim Dichten (uninspirierte Phase). Ich schrieb die erste Str. einfach so dahin und scherte mich erst ab Str. 2 um den Gleichklang.

LG, eKy
« Letzte Änderung: Juli 06, 2026, 09:29:38 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

wolfmozart

Re: Hurenviertel
« Antwort #5 am: Mai 25, 2017, 13:58:59 »
Hallo Erich und cyparis,

Damit kein Mißverständnis aufkommt: Auch ich verurteile aufs schärfste die Slaverei der Frauen in der Prostitution.
Aber die Idee der Prostitution an sich, also Eros anzubieten für Menschen die sonst ihre Libido nicht ausleben können, ist wohl so alt wie die Menschheit selbst und befriedigt wahrscheinlich ein gesellschaftliches Grundbedürfnis.
Allein die Umstände dabei sind meist sehr bedenklich, ja kriminell.
Da spielt wohl eine bürgerliche Doppelmoral mit. Und die Kirche, die ihr erwähnt habt, hat ja auch bekannterweise gröbere Probleme mit der Sexualität.

Ob sich die Rahmenbedingungen in diesem "Gewerbe" wohl jemals deutlich verbessern werden?

Lieben Gruß wolfmozart

gummibaum

Re: Hurenviertel
« Antwort #6 am: Mai 25, 2017, 19:15:59 »
Hallo Erich,

schön-hässliche Bilder unerfüllter Lebenspläne, deren Opfer Spielball zwischen Gier und Lust geworden sind.

Deprimiert genossen.

LG gummibaum




Erich Kykal

Re: Hurenviertel
« Antwort #7 am: Mai 25, 2017, 19:56:52 »
Hi Gum!

Ach du Armer! Immer noch niedergeschlagen? Na hoffentlich bessert sich das bald, ich wünsche es dir!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re: Hurenviertel
« Antwort #8 am: Mai 27, 2017, 10:38:13 »
Lieber gummibaum,

auch ich wünsch Dir das!
Weckt der Sonnenschein die Lebensgeister?

Liebe Grüße
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

wolfmozart

Re: Hurenviertel
« Antwort #9 am: Mai 27, 2017, 11:37:22 »
Hallo gummibaum,

ich wünsch dir gute Besserung von deiner Niedergeschlagenheit.

Wenn ich sowas hab dann versuch ich mit Belohnungen (Süßigkeiten,....  ) meine Stimmung zu heben.
Und ganz wichtig: Fest zu glauben dass es  wieder vorbeigeht.

LG wolfmozart

Erich Kykal

Re: Hurenviertel
« Antwort #10 am: Oktober 25, 2020, 09:39:44 »
Hi WM!

Heute gibt es eigentlich - zumindest in Großstädten - überall sog. Laufhäuser, von den Gemeinden selbst betrieben oder zumindest erlaubt, wo Prostituierte ein Zimmer mieten können, ganz ohne Zuhälter. Sie versteuern ihre Einnahmen ganz normal wie andere Berufsgruppen auch.

Immer noch kriminell hingegen ist der Mädchenhandel von Banden aus dem Osten, die naive Mädchen in ihren Heimatländern mit Versprechungen von Wohlstand locken und dann, eingeschüchtert oder drogenabhängig, hierzulande in billigen Puffs gleich hinter Grenzen oder auf dem Straßenstrich illegal verheizen. Dieses Problem existiert wohl weltweit, wo ein großes Wohlstandsgefälle existiert: Araber lassen sich "Sklavinnen" (offiziell Kinder- oder Hausmädchen) aus Afrika oder Indien kommen - und kaum je wieder gehen, der westliche Päderast tummelt sich gern im fernen Osten und vögelt phillipinische kleine Jungs für wenig Geld, und Amerikaner vergnügen sich kostengünstig in Mittel- und Südamerika mit möglichst minderjährigen Conchitas ...

In solchen Sümpfen menschlicher Niederungen blüht natürlich das Verbrechen. Traurig, aber wie der Drogenkonsum eigentlich nie ausrottbar. Der einzelne Mensch mag gut sein - die Menschheit insgesamt ist es mit Sicherheit nicht!  ::)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.