Autor Thema: Der Ring des Polykrates  (Gelesen 60 mal)

gummibaum

Der Ring des Polykrates
« am: Oktober 05, 2018, 15:44:54 »
Ganz Samos fürchtet den Bezwinger
und ehrt ihn doch und schätzt sein Glück.
Ich kröne funkelnd ihm den Finger
und lenke heimlich sein Geschick.

Soeben prahlt er vor dem König
Ägyptens hoch auf dem Palast:
„Dies alles ist mir untertänig!
Bin ich nicht glücklich, werter Gast?“

Der Gast mag dies nur halb bejahen
und warnt: „Du bist noch nicht am Ziel.
Noch lebt ein Feind und kann bald nahen.“
Ich hör’s und hab die Hand im Spiel.

Und kaum, dass er das Wort gesprochen,
erscheint der Bote aus Milet:
„Der Feind sank hin, vom Speer durchstochen!“
Er zeigt den Kopf, der tropft und geht.

Mein Stein beginnt vergnügt zu blinken.
Der Gast jedoch erschaudert sehr
und mahnt: „Noch kann die Flotte sinken,
und all dein Glück ertrinkt im Meer.“

Mein Glanz eilt fort, und ohne Schaden
durch wilder Wogen Urgewalt
erreicht die Flotte, reich beladen
mit Beute, unsern Hafen bald.

Der Kreter Schiffe sind dagegen
versprengt und greifen nicht mehr an.
Der Gast ist sprachlos, ihn bewegen
Gedanken, wie das enden kann:

„Mein Freund, dein Glück ist sehr gefährlich.
Es weckt der Götter Zorn und Neid.
Drum opfere, was unentbehrlich
erscheint und strafe dich durch Leid.“

Ein Schreck durchfährt mich, und tatsächlich
streift der Tyrann im Wankelmut
vom Finger mich und wirft mich plötzlich
im hohen Bogen in die Flut.

Nun ruf ich selbst, der dinglich Schwache,
das Opfer auf dem Meeresgrund,
die Götter an, und ihre Rache
spült mich in einen großen Schlund.

Noch ist es dunkel in dem Fische,
dann fängt man ihn, ich kehr zurück.
Der Koch zeigt mich dem Gast bei Tische
und rühmt des Ringbesitzers Glück.

Der Gast erblasst, er fühlt die Neige
des Glückes, das schon bald entflieht.
Er schifft sich ein, und ich verschweige,
was nun mit meinem Herrn geschieht...


(nach Schillers Ballade)
« Letzte Änderung: Oktober 05, 2018, 18:22:28 von gummibaum »

Erich Kykal

Re: Der Ring des Polykrates
« Antwort #1 am: Oktober 05, 2018, 17:41:27 »
Hi Gum!

S8Z1 - da fehlt das "ist".

Sehr ergötzlich zu lesen, klar und unverschnörkelt (besser als Schiller, wenn du mich fragst!), dieses neue Perspektivgedicht zu einem Klassiker! (Wird das tatsächlich eine eigene Serie bei dir? Eine gute Idee!)

Leider - oder ganz bewusst - verschweigt das Ende der Originalgeschichte! Hat nun der abergläubische Gast Recht, und der Tyrann geht unter - oder versöhnt sich der Ring wieder mit seinem Besitzer? Oder hat der Ring sich nur eingebildet, Macht zu haben, und alles "Glück" war blinder Zufall oder eben einer besseren Strategie geschuldet?

Was sollte das Originalwerk dem Leser vermitteln: Illusion und Zufall - oder Schicksal und Magie?

So macht es jedenfalls garadezu zwanghaft Lust, das Original zu lesen, um zu erfahren, was die Perspektive des Ringes offen lässt. Aber ich bin sicher, dein Werk sollte dir mehr bedeuten als bloß eine gute Werbung für die Klassiker! Mir jedenfalls schon!

Sehr gern gelesen!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Der Ring des Polykrates
« Antwort #2 am: Oktober 05, 2018, 19:29:43 »
Danke, lieber Erich.

das Orinal führt nicht weiter. Schiller lässt offen, was mit Polykrates passiert. Nur auf Schillers Quelle (Herodot) könnte ich zugreifen. Dann passt es aber nicht mehr in die Humorsparte:

Der Gast erblasst, er fühlt die Neige 
des Glückes, das schon bald entflieht.
Er schifft sich ein, und ich verschweige
am liebsten, was danach geschieht:

Mein Herr schenkt einem das Vertrauen,
der ihm die Macht nimmt und gewährt,
zum Hohn am Kreuz sein Reich zu schauen,
was mir das Göttliche entehrt...   

 
« Letzte Änderung: Oktober 06, 2018, 15:32:19 von gummibaum »

Sufnus

Re: Der Ring des Polykrates
« Antwort #3 am: Oktober 08, 2018, 11:23:17 »
Wirklich bewundernswert virtuose Verse, gummibaum! :)
Interessant ist hier die Verschiebung des inneren Gehalts der Geschichte. Im Original haben wir die Gegenüberstellung des "Scheinriesen" Polykrates auf der einen Seite und der Schicksalsspiele allmächtiger Götter auf der anderen Seite: Ein Lehrstück über die menschliche Hybris und die Flüchtigkeit des Glücks.
Bei Deiner Version der Sage erscheint in dem offenbar magischen Ring (eine im Original nicht enthaltene Facette) die archaische Gestalt des Tricksters, ein mächtiges, aber nicht allmächtiges Zwitterwesen, das zwischen der menschlichen und der göttlichen Sphäre angesiedelt ist und mit einem ganz eigenen, grimmigen Humor ausgestattet, seine undurchsichtigen Spiele mit Menschen und Göttern spielt. Vergleichbar vielleicht mit dem Mephisto in Faust.
Dieses neu eingeführte Element erzeugt einen beim im Großen und Ganzen recht ernsthaften Schiller nicht vorhandenen humoristischen Ton, der durch seinen Distanz-schaffenden Effekt dem Gedicht selbst eine Art Zwitterstellung zwischen Persiflage und Hommage verleiht.
Sehr genussvoll gelesen! :)
S.
« Letzte Änderung: Oktober 08, 2018, 11:25:56 von Sufnus »

gummibaum

Re: Der Ring des Polykrates
« Antwort #4 am: Oktober 09, 2018, 13:28:35 »
Danke, lieber Sufnus, für deinen kenntnisreichen Kommentar. Ich weiß ihn und dein Lob zu schätzen.

Mit vielen Grüßen
gummibaum