Autor Thema: Herbsthaikus  (Gelesen 858 mal)

Sufnus

Herbsthaikus
« am: November 05, 2018, 13:08:28 »
Herbstelang sucht
das flackernde Augenlicht
nach Rosenzuspät.

***

Inneres Nieseln.
Der Wind treibt die Farben ein.
Dunkle Gedanken.

***

Am Rand der Straße
steht niemand und fragt leise
nach unserem Weg.

***

Worte und Farben
täuschen die Buntheit nur vor:
Herbstcamouflage.

Agneta

  • Gast
Re: Herbsthaikus
« Antwort #1 am: November 03, 2019, 18:00:55 »
der dritte gefällt mir am besten. LG von Agneta

Erich Kykal

Re: Herbsthaikus
« Antwort #2 am: November 03, 2019, 18:29:30 »
Hi Suf!

Bin kein Fan dieser japanischen Form (ein alter Spruch von mir lautet: "Haikus sind perfekt für jene, die mit langen Sätzen überfordert sind!"  ;D), aber hier finde ich: Wenn du die einzelnen Dreizeiler zu einem EINZIGEN Gedicht zusammenfügtest, hätte es für mich als Leser ausreichend lyrischen Gehalt, um es trotz Reimlosigkeit gut zu finden!  ;)

Von den einzelnen "Werken" gefällt mir eindeutig das erste am besten, allein schon für den wunderschönen hauptwörtlichen Gebrauch "Rosenzuspät" - wundervoll!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

Re: Herbsthaikus
« Antwort #3 am: Juni 29, 2020, 13:41:17 »
gefalen mir gut Sufnus. Herbstlich nachdenklich, ein wenig melancholisch. Schön. LG von Agneta

a.c.larin

Re: Herbsthaikus
« Antwort #4 am: September 11, 2020, 18:54:07 »
hi sufnus,

hübsche kleine farbtupfer sind das!

Rosenzuspät  ist auch mein Favorit!  ;)

lg, larin

Sufnus

Re: Herbsthaikus
« Antwort #5 am: Oktober 07, 2020, 10:31:18 »
Ihr Lieben!!!
Da haben sich manche Kommentare angesammelt und ich bin gar nicht darauf eingegangen! Schande über mein Haupt! Tatsächlich habe ich all die Zeit den Haikufaden nicht mehr beguckt und mir ist überhaupt nicht aufgefallen, dass sich hier unerwiderte Anmerkungen gesammelt haben. Partielle Blindheit also offenbar - erst, als ich heute über kurze Gedichte nachdachte und mir das (der?) Haiku in den Sinn kam, stolperten meine Augen nach langer Zeit wieder über diese stille Ecke des Forums.
Ich glaube, meine Versuche mit der japanischen Form sind einigermaßen europäisch ausgefallen und treffen nicht so recht die tuschetupfige Filigranität des Gedankens, die im Japanischen (soweit für mich in Übersetzungen beurteilbar) so meisterhaft-unangestrengt realisiert wird.
Vielleicht hat eKys Gedanke einiges für sich: Wenn die Kunst des Weglassens, die beim Haiku so fröhliche Urständ feiert, schon nicht erreicht wird, sind die Splitter vielleicht besser zusammengefasst zu denken... die Geburt der Plapperhaftigkeit aus dem Geiste der Gedankenschwere...  8) 
Lieben verspäteten Dank jedenfalls für Eure Kommentare und viele Grüße!
S.

Rocco

Re: Herbsthaikus
« Antwort #6 am: November 27, 2020, 04:19:52 »
Hallo Leute,

wenn ihr erlaubt, zwei Vorbemerkungen:

ein Gedicht ist ein Gedicht.

Auch Haikus sind Gedichte, aber mit Besonderheiten.

Deine Beispiele, Sufnus, erzeugen alle Nachhall, weil man über sie nach- und weiter denken kann. Genau das sollen Gedichte. Vor diesem Hintergrund ist die Haikufrage zweitrangig. Gedichte sind Gedichte.

Was macht ein Haiku aus? Ehrliche Antwort: Selbst ein Japaner könnte dir nur sagen, was ein gutes Haiku für ihn selbst ausmacht.

In Japan gibt es verschiedene Haiku-Schulen, die alle etwas anderes sagen.

Wahr ist auch, dass es vier große Klassiker gibt, an die sich die Mehrheit orientiert, aber eben nur orientiert.

Die Bedeutung der großen Klassiker besteht darin, dass sie das Haiku erneuert haben, jeder auf seine Weise. Wobei jeder Klassiker, für sich in Anspruch nahm, ganz genau zu wissen, was ein gutes Haiku von einem schlechten unterscheidet.

Ok, was sind Merkmale eines guten Haiku?

Ich behaupte (und nicht: man sagt!), ein gutes Haiku versucht dem Geist eines Haiku nahe zu kommen.

Keine Bange, jetzt wird es nicht esoterisch!

Der Geist besagt, dass man sinnlich schreiben soll. Japaner sind konkret und dann erst abstrakt. Wir Europäer sind gern abstrakt und dann erst konkret. Will sagen: Ein Japaner schreibt erst etwas über verblüte Rosen, bevor er einer verflossenen Liebe nachtrauert. Wir Europäer schließen, umgekehrt, von der verflossenen Liebe auf die welken Rosen.

Ein Haiku sagt nicht mehr als nötig. Wir Europäer glauben, die Japaner seien Erbsenzähler. Warum? Bei uns gibt es die Vorgabe, ein Haiku habe aus 17 Silben zu bestehen. Erstens zählen Japaner keine Silben, sondern, wenn überhaupt, Moren. Und zweitens hat japanisch viele kurze Wörter. Heißt, ein Japaner, wenn er spricht, kann, ohne darauf zu achten, mühelos in Haikus reden. Wunder der Sprache!

Japaner haben Listen mit Signalwörtern. Spricht ein Japaner von Amseln, meint er nicht allein Vögel, sondern auch die symbolische Bedeutung. Beispiel: Im Deutschen verwenden wir die Aster. Das ist eine Herbstblume, die auch Vergänglichkeit meint. Solche Listen bräuchten wir auch.

Haiku, ursprünglich, behandelte nicht die Natur, sondern Themen aus der Natur. Eine, in Japan, noch heute andauernde Diskussion. (Soll man ursprünglich dichten, oder modern.)

Ein Haiku soll authentisch sein. Heißt, er soll berühren. Bei uns würde man sagen: Herzschmerz. Ist aber zu stark verkürzt. Daher: der Haiku soll eine Einladung an den Leser sein, sich mit den Gedicht zu identifizieren.

Daraus folgt: Das Haiku lehnt alles Künstliche, Posenhafte, Affektierte ab. Es muss alles authentisch sein. (Echt, wahr, natürlich.)

Das ist meine Einschätzung. Ein Japaner würde noch den religiösen Aspekt hervorheben. Und sicher noch anderes.

Was will ich sagen: Ein Haiku ist ein Gedicht. Hat man ein Gedicht verfasst, ist das gut. Berücksichtigt man noch den Haiku-Geist, ist das besser.

Ich hoffe, ich konnte für reichlich Verwirrung sorgen!

Einen schönen Abend

Rocco





« Letzte Änderung: November 27, 2020, 04:28:27 von Rocco »