Autor Thema: Nachtstück  (Gelesen 65 mal)

Sufnus

Nachtstück
« am: Februar 19, 2019, 21:32:45 »
Und noch was Älteres...

Nachtstück

Mit freundlicher Routine legt
die Nacht ihre gestirnte Decke
behutsam auf die blinden Flecke.
Die Augen sauber ausgefegt,

damit nichts Grelles uns erschrecke,
schon traumumwandelnd, halb bewegt
und sichelmond- und sternumhegt,
gehn wir die innerliche Strecke

und finden Frieden… finden Frieden?
Wer schreit? Wer schreit da? Bis aufs Blut?
Schreit unter lauter Schatten? Wut!

Die Dunkelheit. Das alte Verderben.
Seid auf der Hut!
Der Morgen zählt die Scherben.
« Letzte Änderung: Februar 24, 2019, 15:18:35 von Sufnus »

Curd Belesos

Re: Nachtstück
« Antwort #1 am: Februar 22, 2019, 21:37:51 »
moin Sulfnus,

die letzte Zeile lese ich als Aufforderung, doch entspräche es meinem Lesegefühl mehr, wenn sie lauten würde: "Der Morgen zählt die Scherben."

Ein gutes "altes" Nachtstück, das ich gerne gelesen habe.

LG
CB
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

Erich Kykal

Re: Nachtstück
« Antwort #2 am: Februar 23, 2019, 00:47:30 »
Hi Suf!

Schön gedichtet!

Ein paar Hinweise:

Mit freundlicher Routine legt
die Nacht ihre gestirnte Decke
behutsam auf die blinden Flecke.
Die Augen sauber ausgefegt,

Das "ihre" in Z2 muss in deinem Takt unnatürlich auf Silbe 2 betont werden. Man kann es zwar "vernuscheln", aber optimal ist es nicht. Mögliche Alternative:

Mit freundlicher Routine legt
der Dämmerung gestirnte Decke
behutsam sich auf blinde Flecke.
Die Augen sauber ausgefegt,


damit nichts Grelles uns erschrecke,
schon traumumwandelnd, halb bewegt
und Sichelmond- und Stern-Umhegt, Nach dem ersten Bindestrich ist eine Leerstelle, zwischen "und" und "Stern" fehlt der Bindestrich, und zuletzt: "sichelmond- und sternumhegt" schreibt man klein und hinten zusammen, weil hier als Adjektive verwendet.
Vermeidbar wäre dieses überkomplexe Konstrukt, wenn du es einfach als Einschub auslegtest: "... halb bewegt, // von Sichelmond und Stern umhegt, // gehn wir ...".

gehn wir die innerliche Strecke

und finden Frieden… finden Frieden?
Wer schreit? Wer schreit da? Bis aufs Blut?
Schreit unter lauter Schatten? Wut!

Die Dunkelheit. Das alte Verderben. Senkungsprall "alte Verderben". Lösung: "Die Dunkelheit, das Urverderben."
Seid auf der Hut!
Am morgen zählt die Scherben. "Am Morgen" groß, weil hier Nomen.


Sehr gern gelesen!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Nachtstück
« Antwort #3 am: Februar 24, 2019, 15:17:48 »
Lieber Curd, lieber eKy!
Habt Dank für Eure Anmerkungen! :) Curds Vorschlag für die letzte Zeile entspricht der Erstfassung - ist, wenn ich jetzt nochmal drüber nachdenke, leichter lesbar und treffender... vielen Dank also für diesen Hinweis, lieber Curd! :)
Und eKys Anmerkungen zu den metrischen Stolperstellen sind natürlich vollkommen richtig - ich möchte sie hier lieber so stehenlassen, um das Gedicht einem mehr Prosa-artigen Ton anzunähern.
Die Sichelmondstelle hab ich vorsichtig angepasst, der erste Strich hinter dem S(s)ichelmond ist dabei als Ergänzungsstrich gedacht, nicht als Bindestrich. Und der Morgen strahlt jetzt mit großem M ist aber eh - auf der Linie von Curds Vorschlag - in den Rang des Subjekts erhoben worden.
Liebe Grüße Euch beiden! :)
S.

Agneta

Re: Nachtstück
« Antwort #4 am: März 14, 2019, 11:29:07 »
die Nacht, lieber Sufnus, soll uns, selbst in Albträumen Erkenntnis bringen, Befreiung, Verarbeitung der blinden Flecke, die wir tagsüber verdrängen. Manchmal klappt es scheinbar nicht. Da braucht es wohl auch tagsüber eine Befassung mit dem Blindgewaschenen. Das lese ich aus diesem, ja, fast verzweifelt wirkenden Stück.
Wut schreit bis aufs Blut... irgendwie eine Komposition, die sich mir nicht fügen will. Man hasst jemanden "bis aufs Blut", Aber schreien bis aufs Blut?
LG von Agneta