Autor Thema: Im Puls  (Gelesen 2297 mal)

Agneta

  • Gast
Im Puls
« am: August 24, 2019, 11:51:59 »
Im Puls

Der Wasserstrahl schießt in erhabene Höhe,
geboren aus Nichts, verspringt er ins Weit
hinauf, immer steiler nach oben, nach oben,
als könnt ihn nichts halten, den silbernen Stoß,
als wär er geladen mit tausenden Funken
und trunken, betrunken vom Beben.

Das Sonnenlicht bricht in ihm bunte Zirkone,
vor dunstigem Reif verschillert der Schweif.
in pulsendem Strange, der plötzlich, ganz plötzlich,
als wäre er bange, erzittert und fällt.
Weil nichts ihn mehr hält als gepflasterter Stein,
als wär ihm kein eigenes Sein.


Erich Kykal

Re: Im Puls
« Antwort #1 am: August 24, 2019, 13:12:49 »
Hi Agneta!

Zuerst hab ich die erste Zeile als xXxXxXxXxXx gelesen, das geht nämlich da auch - erst in Z2 habe ich das eigentliche Schema erkannt: xXxxXxXxxX. Allerdings schaut schon Z3 wieder anders aus: xXxxXxxXxxXx. Na, jedenfalls würde Z1 anders gelesen da dazupassen: xXxxXxxXxxXx.

Schauen wir also mal das Ganze an:

xXxxXxxXxxXx
xXxxXxXxxX
xXxxXxxXxxXx
xXxxXxxXxxX
xXxxXxxXxxXx
xXxxXxxXx

xXxxXxxXxxXx
xXxxXxXxxX
xXxxXxxXxxXx
xXxxXxxXxxX
xXxxXxxXxxX
xXxxXxxX

Wir haben also: in S1 und 2 eine jeweils mittig um eine Silbe verkürzte 2. Zeile und in S2 2 abweichende Kadenzen in Z5 und 6, dem einzigen Reim.

Ich erlaube mir zum Vergleich eine taktlich ausgeglichene Variante:

Der Wasserstrahl schießt in erhabene Höhe,
geboren aus Tiefe verspringt er ins Weit
hinauf, immer steiler nach oben, nach oben,
als könnt ihn nichts halten, den silbernen Stoß,
als wär er geladen mit tausenden Funken
und trunken, betrunken von luftigem Beben.

Das Sonnenlicht bricht in ihm bunte Zirkone,
in dunstigem Glitzern verschillert der Schweif
in pulsendem Strange, der plötzlich, ganz plötzlich,
als wäre er bange, erzittert und fällt,
weil nichts ihm mehr bleibt als gepflasterte Erde,
als wäre ihm unten kein eigenes Leben.


So wären alle Zeilen gleich taktend (xXxxXxxXxxX(x)), und statt eines Paarreims würden sich die jewiligen Endzeilen der Strophen reimen.


Die Conclusio hat sich mir sinngemaß nicht so ganz erschlossen:  Der Strahl erzittert und fällt, WEIL ihn nichts anderes hält als der Boden? Das ergibt für mich keinen Sinn, keinen physikalisch gesetzmäßigen Zusammenhang. Selbst wenn man den Boden als Gleichnis für Gravitation nimmt - da passt das "gepflastert" dann nicht dazu, denn sowohl  die Oberfläche des Bodens als auch dieser selbst für sich betrachtet hätten viel zu wenig Masse für ausreichend Schwerkraft - da müsste schon ein kräftigeres Wort wie "Erde" her, wohinter man sowohl den Boden sehen kann wie auch einen ganzen Planeten, der das Wasser anzieht. Ich habe mir einen für mich passenderen Kausalzusammenhang erlaubt. Entscheide selbst, ob es zu deiner Intention passt.


Insgesamt ein schönes Werk, das nach meinem persönlichen Gusto mehr Reime verdient gehabt hätte!  ;)

Dennoch sehr gern gelesen und beklugschustert!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

  • Gast
Re: Im Puls
« Antwort #2 am: August 25, 2019, 13:00:39 »
lieber Erich,
ich wollte mal wieder was richtig klassisches schreiben, darum die daktylische  Form.
Die Metrik ist bewusst so gesetzt, auch in der jeweils 2. Zeile, um stilistisch die Dramatik des Steigens und Fallens zu erwirken. Diese ist auch da. Es gibt dafür auch einen Namen.
Im Puls, der Titel ist wichtig, würde man passivisch lesen und irgendwie sind Springbrunnen ( obwohl dies fast eine Beleidigung für den wundervollen, riesigen in Schloss Morsbroich ist, wo ich gerne und oft mit dem Enkel hingehe) ja, obwohl sie aktiv scheinen, fremdgesteuert. Sie agieren im Puls eines anderen, nämlich der Pumpe. Die wiederum liegt unter Pflasterstein.
Hier habe ich also den Springbrunnen als Symbol für einen Menschen oder einen Lebensweg gewählt.
LG und lieben Dank von Agneta
« Letzte Änderung: August 25, 2019, 17:29:54 von Agneta »

Erich Kykal

Re: Im Puls
« Antwort #3 am: August 25, 2019, 16:41:21 »
Hi Agneta!

Dein Argument in Ehren, aber ein sauberer daktylischer "Puls" würde so aussehen:

Entweder über Kadenz (männlich u. weiblich alternierend):

XxxXxxXxxXx
XxxXxxXxxX

Oder über Auftakt (betont u. unbetont alternierend):

xXxxXxxXxxX
XxxXxxXxxX

Oder über die Heberzahl:

XxxXxxXxxX
XxxXxxX

Oder über Heberzahl, kombiniert mit Kadenz:

XxxXxxXxxXx
XxxXxxX

bzw.

XxxXxxXxxX
XxxXxxXx

Auch Auftakt in Kombination mit Kadenz ist möglich:

xXxxXxxXxxXx
XxxXxxXxxX

bzw.

XxxXxxXxxXx
xXxxXxxXxxX


ABER: Das Weglassen einer rhythmisch wichtigen Silbe mitten in der Zeile (xXxxXxXxxX - Zeile 2 in jeder Strophe) ist nach meinem lyrischen Gespür KEIN "Puls", sondern einfach nur ein Taktfehler.


LG, eKy
« Letzte Änderung: August 25, 2019, 16:43:47 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

  • Gast
Re: Im Puls
« Antwort #4 am: August 25, 2019, 17:25:38 »
Daktylen, lieber Erich, sind ein böses, kleines Ding. Ich glaube, der Fachbegriff für diese beiden jeweils zweiten Zeilen heißt Spondäus. Da gibt es viele Feinheiten, auch nicht vollendete Daktylen (katalaktische). Auch Schiller hat diese genutzt, um die Dramatik mit einem eingeschobenen Trochäus zu steigern.
Natürlich habe ich die Gedankenspiele, die du vorschlägst, selbst längst durch. Darum ja, das Beben, auf das sich dann gut Leben gereimt hätte. Wenn du aber mal laut liest, klingt diese gleichförmige Variante langweilig, die Dramatik ist weg. Und diese wird eben grade durch den Bruch in Z. 2 und den verkürzten also unvollständigen, herbeigeführt. , im letzten Vers noch verstärkt durch männliche Kadenz . Darum habe ich Sein gewählt anstatt Leben.

Du siehst also, es ist kein "Fehler", sondern eine absichtlich gewählte Nuance des ewig Gleichförmigen. Durch di Zäsur, die bei einer Elegie die unbetonte Silbe im Pentameter weglässt, ist es ach keine richtige Elegie. Aber es gefällt mir so.

Außerdem: es ist nicht nur UNTEN kein eigenes Leben, es gibt überhaupt kein eigenes Leben ohne Puls von außen für einen Springbrunnen.

LG und danke dennoch für deine Mühe. von Agneta

« Letzte Änderung: August 25, 2019, 17:37:17 von Agneta »

Erich Kykal

Re: Im Puls
« Antwort #5 am: August 25, 2019, 19:44:31 »
Vielen Dank für die Info.  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
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Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Im Puls
« Antwort #6 am: August 26, 2019, 11:11:24 »
Sehr schöne Wort- und Wasserspiele, Agneta, ich mags sehr! :)
Vor allem gefallen mir natürlich wieder die Variationen zum Thema Reim. Wenn eKy hier gerne mehr Reime sähe, dann meint er natürlich die klassischen Endreime, die tatsächlich sparsam verwendet wurden. Davon abgesehen herrscht aber wahrlich kein Mangel an Binnenreimen, Assonanzen, Konsonanzen usw.
Und der "hüpfende" Rhythmus passt sehr gut zum Bild der glitzernden Wassertropfen (bunte Zirkone - gefällt mir auch sehr gut, dieser Vergleich!).
Sehr gerne gelesen!
S.

Agneta

  • Gast
Re: Im Puls
« Antwort #7 am: August 30, 2019, 21:40:05 »
ich freue mich über dein Lob, lieber Sufnus, danke schön. Ja, Zirkone sind sehr schöne Steine, nicht zu verwechseln mit Zirkonia= Glas. Zirkone sind die ältesten Edelsteine der Welt und haben dieselbe Lichtbrechung wie Diamanten. Sie wurden lange nicht mehr gefunden. Nun werden sie wieder gemint in Kambodscha. Ich habe mir soeben eine roten Zirkon gekauft, sehr selten. Und sehr schön! Immerhin ein 4 Karäter. Seit meiner Studienzeit hat mich ein Freund damit angesteckt, mit der Leidenschaft für Edelsteine. Ich sammle sie allerdings mit Goldfassung GG in diesem Falle ein Ring.
Das Wasserspiel erinnerte mich an die Lichtbrechung der Zirkone.
Im Übrigen hat dieses Gedicht dasselbe Thema wie deines, über das wir sprachen: Freiheit, Abhängigkeit...
LG von Agneta
« Letzte Änderung: August 30, 2019, 21:42:06 von Agneta »

gummibaum

Re: Im Puls
« Antwort #8 am: September 02, 2019, 19:31:56 »
Liebe Agneta,

man sieht den Strahl deutlich vor sich: Austeigen in mehreren Schüben, annhalten und zerstäubend fallen. Dazu die Lichteffekte. Sehr schön.

Mit Freude gelesen.
LG g

Agneta

  • Gast
Re: Im Puls
« Antwort #9 am: September 03, 2019, 09:15:32 »
so sollte es sein, lieber Gum. Vielen Dank. LG von Agneta