Autor Thema: Dorfmensch  (Gelesen 3479 mal)

Eisenvorhang

  • Gast
Dorfmensch
« am: Mai 21, 2020, 10:10:44 »
Ich ging des Nachts am Stern entlang,
der Kühle galt mein frisches Leid,
der Mond zog über Feld und Hang,
warum betrübt mich, Nacht, dein Kleid?

Der Regen kam und in sein Fallen
floss ich befremdet wie ein Wasser;
ich wurde Regen und ein Wallen...
Die Sterne schienen so viel blasser.   

Ich sehn mich nach der Welt, wo Herzen
verträumt von ihrer Heimat singen,
wo Wälder atmen, keine Schmerzen
tagtäglich mit der Fremde ringen.

So schweig ich mich in meine Mitte
und streich die eigne Welt mir bunt
und form aus Fremdem eine Bitte
und sehn mich an den Schatten wund.

Nie wieder traf ich treue Seelen,
die so von wahrer Freundschaft singen
in fremden Landen, und ihr Fehlen
verhindert traurig sein Gelingen.

Wie ich, so suchen manche Leute
in traumgeborenem Bestreben,
wie lang vordem, so wieder heute
wie Kinder noch im Dorf zu leben.
« Letzte Änderung: Mai 21, 2020, 13:37:21 von Eisenvorhang »

Erich Kykal

Re: Dorfmensch
« Antwort #1 am: Mai 21, 2020, 12:52:50 »
Hi, EV!

Sehr gelungen und schön, stimmig und tief!  :)

Folgende Detailbemerkungen:

S3Z3 - Das "dort" klingt im Zusammenhang etwas befremdlich und gespreizt, wahrscheinlich wolltest du so ein zweites "wo" verhindern, aber ich halte den Abstand für groß genug, und in einer Aufzählung kann sich das Einstiegswort ruhig wiederholen, das verleiht dem Ganzen Rhythmus und Sinnzusammenhang. Ich hätte ein zweites "wo" hier nicht gescheut.
Wichtig: am Zeilenende hier kein Komma nach "Schmerzen": Der Satz geht in der Folgezeile fugenlos weiter.

S4Z3 - Etwas schwer verständlich, weil hier ein Artikel fehlt zu "Bitte". Alternative: "und form aus Fremdem eine Bitte,". In Z2 und 3 dieser Str. würde ich übrigens trotz "und" Kommata setzen, zur sprachlichen Strukturierung, und um die Sinneinheiten/Bilder abzugrenzen.
Das Bild vom "Wundsehnen" habe ich übrigens selbst schon in frühen Gedichten verwendet, mindestens zweimal. Wie kommt's? Haben wir unbewusst eine gemeinsame Vorlage, oder kamen wir tatsächlich parallel unabhängig zu dieser Formulierung?

S5Z2 - Kein Komma am Zeilenende, Satzteil geht weiter.

S6Z3 - Komma nach "heute".


Ein traurig einsames LyrIch erzählt von einer sorgenfernen Kindheit auf dem Lande.
Ich selbst vermag das Bild des "an der Welt verwundeten Romantikers" ja sehr gut nachzuvollziehen. Vielleicht waren wir einfach ZU sensibel für den Kontakt mit Menschen ...

Auch ich wuchs (zumindest teilweise, an Wochenenden und in den Ferien) in ländlichem Idyll mit viiiieeeel Natur drumherum auf, und es gab immer oder meistens eine Handvoll Kinder in grob ähnlichem Alter zum Spielen und Toben, Bandengründen, Wälder und Teiche erforschen und "Cowboy und Indianer-Spielen" ...


Sehr gern gelesen!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Eisenvorhang

  • Gast
Re: Dorfmensch
« Antwort #2 am: Mai 21, 2020, 13:38:32 »
Hallo Erich,

deine Vorschläge übernehme ich sehr gern, da sie für mich die Problemstellen lösen.
Ich bedanke mich auch für deine Geduld gegenüber meiner Betriebsblindheit.  ;D O0

vlg

EV

gummibaum

Re: Dorfmensch
« Antwort #3 am: Mai 21, 2020, 14:18:49 »
Lieber Eisenvohang,

ich bin in Großstädten aufgewachsen, lebe aber seit 20 Jahren auf dem Dorf und nah der Natur und genieße es.

Ein sehr schönes Gedicht.
Mit Freude gelesen.

Gruß gummibaum

 

Eisenvorhang

  • Gast
Re: Dorfmensch
« Antwort #4 am: Mai 21, 2020, 18:47:12 »
Hallo gummibaum,

ich schätze, dass alles seine Vorzüge und Nachteile hat.
Mir war immer der anonymisierte Großstadttechno zu viel. Überall Gemensche und nur wenig Natur.
Als ich dann wieder in die Heimat kehrte, wurde sie zu einer "Heilmat".
Seither steht Heimat für mich für Heilung und seit dem verstehe ich auch das Drama der Heimatslosigkeit.
(Wie sie beispielsweise die Wolgadeutschen haben und viele andere auch).

Danke für deinen Kommentar! Ich freue mich.

vlg

EV

Sufnus

Re: Dorfmensch
« Antwort #5 am: Mai 22, 2020, 09:01:13 »
Hi EV!
Dem Friedensversprechen eines Lebens fern der Städte kann ich auch einiges abgewinnen! :)
Du hast dem Sehnsuchtston eines Flüchtigen, der vom Menschenlärm verletzt wurde, sehr wirksam Ausdruck verliehen!
Eine kleine sprachliche Unklarheit in der vorletzten Strophe: "verhindert traurig sein Gelingen" - da ist für mich der grammatische Bezug von "sein" nicht klar... sollte es "mein" heißen?
Sehr gern gelesen!
S.

Eisenvorhang

  • Gast
Re: Dorfmensch
« Antwort #6 am: Mai 22, 2020, 09:45:23 »
Hallo Sufnus,

ich danke dir für den Kommentar. Ursprünglich stand in der letzten Zeile "Traurigsein", dies war mir aber zu allgemein und allumfassend, weswegen ich es in ein temporäres Empfinden setzen wollte. Nämlich in "traurig sein".
https://www.duden.de/rechtschreibung/traurig_sein

Aber ob das zu 100 Prozent richtig ist...   ;D Weiß der Geier, wenn du es aber kritisierst, wird es wohl hinken, der Schinken.
Dann münz ich es in Traurigsein wieder um.

vlg

EV

Sufnus

Re: Dorfmensch
« Antwort #7 am: Mai 22, 2020, 09:53:14 »
Hi EV!
Vielen lieben Dank für die Aufklärung, ich habe "sein" als Pronomen (wessen Gelingen? => sein Gelingen) gelesen und nicht als Verb... mit Deiner Erklärung wird es mir jetzt klar... es würde mich interessieren, ob die anderen Leser die Zeile gleich richtig kapiert haben... in der Tat ist "das Traurigsein" etwas anderes und wie Du richtig schreibst viel umfassenderes als "traurig sein"... :)
LG!
S.

Erich Kykal

Re: Dorfmensch
« Antwort #8 am: Mai 22, 2020, 11:39:25 »
Hi EV, Suf!

Ob die Landleute wirklch anders sind als jene in der Stadt? Menschen bleiben Menschen, egal wo. Auf dem Land gibt es Kleingeisterei, Frommelei, Getratsche und Gerüchte, man lächelt sich an und denkt sich allerlei dabei. In der Stadt ist man anonymer, genießt so mehr Freiheiten, die allerdings auch oft missbraucht werden.
Am Land kennt jeder jeden - oder zumindest das Gerede darüber. In der Stadt kennt keiner keinen - aber geredet wird natürlich trotzdem. Die Hausparteien ersetzen die dörfliche Gerüchteküche.
Auf dem Land hat man mehr Abstand, man kann seine Musik laut aufdrehen, die ganze Nacht laut durchmachen usw. - aber denken die Menschen drumherum deshalb anders oder besser von einem? Sind sie anders oder besser? Ich habe meine Zweifel ...

Dass es schöner, naturnäher und gesünder ist, auf dem Land zu wohnen, kann ich immer unterschreiben. Wenn man ohne Menschen auskommt, geradezu optimal!  ;D

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

AlteLyrikerin

Re: Dorfmensch
« Antwort #9 am: Mai 25, 2020, 14:41:05 »
Lieber Eisenvorhang,
auch mir gefällt Dein Gedicht über den Dorfmenschen sehr gut. "Dorf" verstehe ich hier mehr als Metapher denn als Ortsbestimmung. Denn es gibt ja wirklich lebendige, kreative städtische Milieus und ländliche Bereiche, in denen ich mir immer noch gut die Hexenverfolgung vorstellen kann.
Was S5, Z4 angeht
Zitat
verhindert traurig sein Gelingen.
, habe ich unwillkürlich ein Possesivpronomen gelesen. Da liegt meiner Meinung nach an folgendem:"Verhindert traurig sein", diese systaktische Sequenz würde das Wort sein eindeutig als Verb transportieren. "Verhindert traurig sein Gelingen", hier ist es aber anders. Gelingen wird verhindert. Traurig wird hier zum Adverb und das Wort sein wird auf Gelingen bezogen und kann so nur als Possesivpronomen gelesen werden, denke ich.Doch insgesamt ein wunderbarer Text mit existentuieller Tiefe.
Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.

Eisenvorhang

  • Gast
Re: Dorfmensch
« Antwort #10 am: Mai 26, 2020, 20:31:11 »
Hallo liebe AL (darf ich abkürzen?),

diese Stelle war knifflig. In der Urfassung stand "Das Traurigsein", mir war dies aber zu allumfassend und ich fand keine andere Möglichkeit.
Dann blätterte ich im Duden und stieß auf die Unterscheidung Traurigsein / traurig sein - https://www.duden.de/rechtschreibung/traurig_sein
Welches temporäre Trauer ausdrückt, die sich auf das Gelingen beziehen soll, welches dadurch verhindert wird.

Ich schrieb bereits zu Sufnus, dass ich mir nicht sicher bin, ob das so stimmig ist.
Wenn du aber einen Vorschlag hast, wäre ich offen! (sehr gern sogar)
Wichtig war mir hier: Eine gewisse Dichte zu erzeugen.

vlg

EV


AlteLyrikerin

Re: Dorfmensch
« Antwort #11 am: Mai 27, 2020, 12:46:17 »
Lieber Eisenvorhang,

die Abkürzung sei Dir gestattet.
Was die diskutierte Stelle angeht, kann ich darum keine Verbesserung vorschlagen, weil ich schlichtweg den Sinn nicht verstehe.

Meine Interpretation: Das "Fehlen … treuer Seelen verhindert …[ein] Gelingen. Wessen Gelingen, oder was für ein Gelingen wird verhindert?
Gar nicht vorstellen kann ich mir, dass ein Fehlen treuer Seelen ein traurig sein verhindert. Also kann das wohl nicht gemeint sein. Wenn das Gelingen der Freundschaft gemeint ist, dann passt "sein" Gelingen nicht. Dann müsste es ihr Gelingen heißen.

Aber ich kann mit diesen Lesarten auch völlig daneben liegen. Meine Entschuldigung wäre, das Substantiv Gelingen ist hier syntaktisch so in den Vers eingefügt, dass es schwer zu verstehen ist. Vielleicht steh ich aber auch bloß auf der Leitung.

Liebe Grüße, AlteLyrikerin.