Autor Thema: Rilke  (Gelesen 3647 mal)

AlteLyrikerin

Rilke
« am: Mai 25, 2020, 10:52:53 »
Wer je das Spiel mit Worten liebte,
ist schnell von dir bezaubert, ja besetzt
und gänzlich eingenommen worden.

Wer wurde nicht berührt vom Kreis,
der ohne Aussicht auf Vollendung
doch stets begonnen werden muss?

Wer war so stark, den Wirkgesetzen
deiner Verse nicht einfach nachzugehen,
sondern dem eignen Wortsinn zu vertrauen?
« Letzte Änderung: Mai 26, 2020, 16:38:30 von AlteLyrikerin »

Martin Römer

  • Gast
Re: Rilke
« Antwort #1 am: Mai 25, 2020, 11:46:38 »
Willkommen auch an diesem - recht edelvollen - Gestade!

Du wirfst ein Lächeln mir in meine stille Brust!
Ich dünkte mich dereinstens dergestalt erhaben.
Anheut brauch ich nicht mehr mit Abenteuerlust
nach wundersamer Lebensdinglichkeit zu traben...

AlteLyrikerin

Re: Rilke
« Antwort #2 am: Mai 25, 2020, 11:50:58 »
Hallo Martin,

Danke, dass Du gelesen und so freundliche Verse zurück gegeben hast.

Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.

Agneta

  • Gast
Re: Rilke
« Antwort #3 am: Mai 25, 2020, 12:02:18 »
noch ein Rilke-Fan, ja und ein wirklich klangvolles Gedicht. Die Lyriker zeigen uns wie man mit Worten, die wir selbst nicht finden, Dinge benennen kann.
Gefällt mir sehr gut, dein Einstand, gekonnt und rund.
Die Verkürzungen würde ich nicht machen, da es kein Reimgedicht ist und sie auch nicht den Kadenzen geschuldet sind. Deshalb würde ich nachzugehen und Vertrauen schreiben.
Sehr gerne gelesen und genickt mit lG von Agneta

gummibaum

Re: Rilke
« Antwort #4 am: Mai 25, 2020, 12:10:15 »
Willkommen, liebe AlteLyrikerin.

Schön, dass du dem Nachwirken von Rilkes Dichtung so gehaltvolle Verse schenkst.

Grüße von gummibaum


Erich Kykal

Re: Rilke
« Antwort #5 am: Mai 25, 2020, 12:10:27 »
Wer je das Spiel mit Worten liebte,
ist nicht von dir bezaubert, ja besetzt
und gänzlich eingenommen worden.

Wer wurde nicht berührt vom Kreis,
der ohne Aussicht auf Vollendung
dennoch begonnen werden muss.

Wer war so stark den Wirkgesetzen
deiner Verse nicht einfach nachzugehn,
sondern dem eignen Wortsinn zu vertraun?

Hallo, AL! (Ich kürze deinen Nick mal frech ab, ich tippe nicht so gern ... - ich hoffe, du verzeihst mir das!)

Schöne Sprache, auch wenn mir persönlich die Reime fehlen - Rilkes Lyrik atmet ja erst so richtig im harmonischen Gleichklang. Ja, er hat auch ungereimt geschrieben, siehe "Duineser Elegien" als bekanntestes Beispiel - aber ich muss gestehen, diese habe ich nur ein einziges Mal gelesen (im Gegensatz zum Rest, den ich sicher dutzende Male genossen habe), das sagt genug. Ich bin eben ein alter Reimefex!

Habe auch schon die eine oder andere Hymne auf diesen Lyrikgott geschrieben - mein absoluter Lieblingsdichter! Bin zwar im Gegesatz zu ihm "ungläubig" und stolz darauf, aber sein "Stundenbuch" lese ich dennoch gern, einfach allein schon der Schönheit der Sprache wegen, und weil seine Worte so zu Herzen gehen.


Dein Text ist sehr schön und sprachlich des indirekt Gepriesenen durchaus würdig, leider hältst du den unbetonten Auftakt nicht durch - ist das gewollt, um zur Conclusio hin Dramatik zu generieren, oder im schwelgerischen Schöpfungsprozess einfach so passiert?

S2Z3, S3Z2 und 3 sind jedenfalls im Auftakt betont, im Gegensatz zum Rest. Da stolpert der Leser ...
Zudem muss am Ende der ersten und zweiten Str. ein Fragezeichen stehen, sonst wird das Konstrukt zur verneinenden Aussage, vor allem in S1.
S3Z1 braucht unbedingt ein Komma nach "stark".
Die Verkürzungen in S3Z2 und 3 sind mE. unnötig und sogar die Hochsprache störend. Nur eines saubereren Kadenzenschemas wegen würde ich die Sprache nicht verstümmeln.

Hier eine Version, die alle meine Hinweise berücksichtigt. Nimm, was dir brauchbar erscheint, finde eigene Alternativen oder lass es, wie es ist - immer deine Entscheidung!

Wer je das Spiel mit Worten liebte,
ist nicht von dir bezaubert, ja besetzt
und gänzlich eingenommen worden?

Wer wurde nicht berührt vom Kreis,
der ohne Aussicht auf Vollendung
doch stets begonnen werden muss?

Wer war so stark, den Wirkgesetzen
erhabner Verse niemals nachzugehen,
dem eignen Wortsinn einzig zu vertrauen?

Das Hebungsschema ist ebenfalls unrhythmisch, aber da die Verse ungereimt sind und man sich so mehr auf den Sprachfluss der einzelnen Sätze konzentriert, fällt das nicht weiter negativ ins Gewicht: 454 - 444 - 455 (in der von mir korrigierten Version)

Vielen Dank für diese schöne indirekte Eloge auf den Meister aller Meister! Sehr gern gelesen!  :)

LG, eKy

Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Rilke
« Antwort #6 am: Mai 25, 2020, 12:24:26 »
Hey AL! :)

Mit Rilke hast Du, würd ich sagen, einen punktgenauen Einstand geliefert! :D Hier tummelt sich so mancher Rilkefan (und ich würde mich auch dazu zählen, selbst wenn er nicht mein allerhöchster lyrischer Hausgott ist, aber in meinem subjektiven Olymp ist er doch ziemlich weit vorne mit dabei :) ).
In Strophe 1 bin ich mir nicht ganz sicher, ob das, was Du sagen wolltest, auch das ist, was ich da herauslese (aber ich lese vielleicht auch verkehrt?)...

Die Strophe

"Wer je das Spiel mit Worten liebte,
ist nicht von dir bezaubert, ja besetzt
und gänzlich eingenommen worden."

würde ich so in Prosa übersetzen:

(1) "All diejenigen, die das Spiel mit Worten liebten, sind von Dir nicht bezaubert (usw.) worden. "

Ich denke aber, Du meintest (in Prosa):

(2) "Wer (der das Spiel mit Worten liebte) wäre nicht von Dir bezaubert worden?"

Inhaltlich sagt für mich (1) fast das Gegenteil von (2) aus. Dabei ergibt Aussage (2) im Kontext Rilke und im Kontext Deiner weiteren Zeilen für mich mehr Sinn, aber (meines Erachtens) steht das so nicht da... *hilfesuchend nach eKy schiele*

Vorschlag:

Ist nicht ein jeder, der das Spiel
mit Worten liebte, Dir erlegen,
bezaubert, ja sogar besetzt,
und gänzlich eingenommen worden?

Und in Z8 ergibt sich für mich ein den Lesefluss zerstörender Hebungsprall von "Deiner", den ich vielleicht um der Glättung und eKys Sensorium willen ein wenig weicher gestalten würde...
Vorschlag:
Wer war so stark den Wirkgesetzen
in deinem Vers nicht nachzugehen,

Durch diese Glättung würde der Wechsel in die eher prosaische Rede in der letzten Zeile (die metrisch auch "aus dem Rahmen fällt") stärker betont werden.

Auf alle Fälle gerne und sehr angeregt gelesen! Ein schöner Beitrag, liebe AL! :)

LG!

S.

EDIT: Ah... jetzt war meine alte PC-Mühle zu langsam und eKy hat sich schon geäußert... :) ... wie ich sehe (wenn ich recht sehe) hat er sich aber nicht zur Sinnverkehrung von S1 geäußert (bzw. ihm scheint das Setzen eines Fragezeichens zu genügen)... hm.... jetzt bin ich verwirrt... nun denn... ich gehe nochmal in mich... :)
« Letzte Änderung: Mai 25, 2020, 12:27:00 von Sufnus »

AlteLyrikerin

Re: Rilke
« Antwort #7 am: Mai 25, 2020, 13:58:03 »
@Agneta,

vielen Dank für Deinen freundlichen Kommentar. Dein Argument, auf die Verkürzungen zu verzichten, überzeugt mich.

@gummibaum,

Danke fürs Lesen und Dein Willkommen.

@Erich Kykal,

Fragezeichen und Komma nehme ich gerne an (hätte ich auch selbst sehen müssen).
Die Reime fehlen Dir. Ich habe auch Gereimtes Geschrieben (eher weniger), aber einen kleinen Krieg habe ich schon mit den Reimen. Sie üben oft einen Zwang auf den Inhalt aus. Oft sind sie zu trivial. Wer braucht denn wirklich noch mehr von Sonne und Wonne und Lüften mit Düften?
Den unbetonten Auftakt habe ich nicht durchgehalten. Ja, das mache ich oft, weil mir eine streng durchgehaltene Metrik gar nicht wichtig ist in einem ungereimten Gedicht. Es kommt mir dann nur auf eine stimmige Rhythmik an, die den Inhalt gut transportiert. Aber ich verstehe gut, dass es Leser wie auch Dichter gibt, die das nicht goutieren können.
Gerne übernehme ich "doch stets begonnen werden muss" in S2 Z3.
Dein Vorschlag für die dritte Strophe passt nicht zu meinen Intentionen. Es geht mir nicht darum Rilkes großartigen Stilmitteln "niemals" nachzugehen oder sie gar nicht als Lehrling auszuprobieren. Aber die Mutlosigkeit ein ewiger Rilkeklon zu bleiben statt eigene lyrische Wege zu gehen, sehe ich kritisch. Das Motiv, auch in der Lyrik  eigene Kreise zu beginnen, selbst auf die Gefahr hin sie nicht im Sinne einer künstlerischen Vollkommenheit vollenden zu können, ist mir als Conclusio und metaphorische Antwort zu Strophe 2 wichtig. Vielleicht habe ich dafür aber noch nicht die beste Form gefunden.

@Sufnus,

 über das grammatikalische Problem der ersten beiden Verse habe ich auch lange nachgedacht. Ich sehe die Konstruktion so:
"Wer ist nicht von dir bezaubert, ...". Dieser fragende Satz ist, denke ich korrekt. Zwischen dem Fragewort und dem Rest ist ein Einschub gesetzt, der den Personenkreis näher beschreibt. Das ist im Deutschen erlaubt, das nicht wie z.B. das Englische mit dem SPO-Prinzip eine restriktivere Konstruktionstechnik vorgibt. Im Lateinischen ist das noch freier, wie jeder geplagte Schüler sich erinnert, und gerade in der Lyrik ungemein kreativ konstruiert worden. Vielen Dank auch für Deine Anregungen zu Strophe 3, über die ich nochmals intensiv nachdenken muss.

Ich bin wirklich beeindruckt von der Qualität Eurer Textkritik. Herzlichen Dank Euch allen, AlteLyrikerin.


Eisenvorhang

  • Gast
Re: Rilke
« Antwort #8 am: Mai 25, 2020, 14:34:21 »
Liebe AL,

hier geht es um Anziehung und dem Lösen von Abhängigkeit.
Aus handwerklicher Sicht ist es nahezu ein Unding einen Rilke zu kopieren, denn viele Hobbydichter (mich eingeschlossen), scheitern bereits an Rilkes Dichtheit und so münden Wortgeschöpfe oft in ein prosahaftes Fließen, welches sich warmer Töne bedient. Selbst wer diese Hürde zu überwinden weiß, der hat noch Rilkes Welt zu verstehen, um sich Rilke überhaupt nähern zu können. Hier verweise ich mit großer Ehrfurcht auf "Vitali erwachte". https://www.youtube.com/watch?v=VF-o1biexYY
Was ich irre finde ist, dass ich eigentlich die Prosa von Rilke besser finde als seine Gedichte.
 
Diesen Weg zu gehen, sich epigonal anzunähern, kann auch Vorteile bieten was Weiterentwicklung betrifft, denn gerade als Anfänger ist es wichtig einen Fixpunkt oder ein Vorbild zu haben.

Ich denke aber, dass irgendwann von allein der Punkt kommt, wo man seinen eigenen Weg geht. Hier bietet gerade die moderne Lyrik gute Möglichkeiten und Freiheiten.

Was die Kritik der ersten Strophe betrifft, so gebe ich Sufnus recht, denn sie ist etwas im Vergleich zu den anderen drei Strophen inkonsistent, ja gar widersprüchlich, denn sie sagt aus, dass jeder, der das Spiel liebte, nicht von R. bezaubert war. Oder täusche ich mich hier?

Die Ungleichmäßigkeiten in Metrum und Form sind in Anbetracht deiner Argumentation völlig stimmig. Hier gehe ich mit Agneta eins, weil ich finde, dass freie Formen im Metrum ambutationsfrei verbleiben dürfen.
Wie immer schreibst du Gedichte, an denen man sich herrlich aufreiben kann und das finde ich immer sehr faszinierend.

Sehr gern gelesen!

vlg

EV
« Letzte Änderung: Mai 25, 2020, 14:37:51 von Eisenvorhang »

AlteLyrikerin

Re: Rilke
« Antwort #9 am: Mai 25, 2020, 16:03:56 »
Lieber Eisenvorhang,

herzlichen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Da du nun schon der zweite Kommentator bist, der die ersten beiden Gedichtzeilen anders versteht als sie gemeint sind, werde ich sie umstellen:

Wer ist nicht von dir bezaubert, ja besetzt
und gänzlich eingenommen worden,
der je das Spiel mit Worten liebte?

Was meinst Du dazu?

Eisenvorhang

  • Gast
Re: Rilke
« Antwort #10 am: Mai 25, 2020, 16:16:02 »
So ist das für mich tadellos! Sehr schön! :-)

Agneta

  • Gast
Re: Rilke
« Antwort #11 am: Mai 25, 2020, 19:26:34 »
wie war es vorher? Mir scheint dies ungalant. Ich glaube, ich fand es perfekt vorher...aber ich liebte ja auch Latein mit seinen Schachtelsätzen...GGG
LG von Agneta

AlteLyrikerin

Re: Rilke
« Antwort #12 am: Mai 26, 2020, 12:25:53 »
die ursprüngliche Fassung findest als Zitat in Erichs Kommentar. Mir erscheint die aktuelle Umstellung de ersten beiden Zeilen auch nicht so "elegant", aber sie ist eindeutig gegen den gemeinten Sinn lesbar.
Daher neige ich nun zu dieser Fassung, obwohl sie aus der Frage ( wer .. ist nicht von dir bezaubert … worden) eine sehr vereinnehmende Behauptung macht:

Wer je das Spiel mit Worten liebte,
ist schnell von dir bezaubert, ja besetzt
und gänzlich eingenommen worden.

Auch die letzte Strophe werde ich nochmals überarbeiten, aber das braucht wohl noch eine Zeit. Wenn ich eine bessere Fassung gefunden habe, stelle ich das ganze nochmals ein.

Vielen Dank für deine erbeute Rückmeldung, AlteLyrikerin.

Erich Kykal

Re: Rilke
« Antwort #13 am: Mai 26, 2020, 15:16:54 »
Hi alle!

Genau genommen hätte es heißen müssen: "Wer, der das Spiel mit Worten liebt(e), // ist nicht von dir bezaubert, ..."

Ich hatte allerdings keinerlei Probleme, die unvollständige Version zu verstehen.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

AlteLyrikerin

Re: Rilke
« Antwort #14 am: Mai 26, 2020, 16:41:19 »
Danke, Erich, für die Bestätigung, dass die Verse auch in der gewünschten Intention hätten gelesen werden können. Aber ich bin für eine nicht kryptische Lyrik, die nicht erst nach intensiven Analysen verständlich ist.
Wenn der Leser sich erst syntaktisch verrenken muss, ist es wohl doch nicht so gut.

Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.