Wer je das Spiel mit Worten liebte,
ist nicht von dir bezaubert, ja besetzt
und gänzlich eingenommen worden.
Wer wurde nicht berührt vom Kreis,
der ohne Aussicht auf Vollendung
dennoch begonnen werden muss.
Wer war so stark den Wirkgesetzen
deiner Verse nicht einfach nachzugehn,
sondern dem eignen Wortsinn zu vertraun?
Hallo, AL! (Ich kürze deinen Nick mal frech ab, ich tippe nicht so gern ... - ich hoffe, du verzeihst mir das!)
Schöne Sprache, auch wenn mir persönlich die Reime fehlen - Rilkes Lyrik atmet ja erst so richtig im harmonischen Gleichklang. Ja, er hat auch ungereimt geschrieben, siehe "Duineser Elegien" als bekanntestes Beispiel - aber ich muss gestehen, diese habe ich nur ein einziges Mal gelesen (im Gegensatz zum Rest, den ich sicher dutzende Male genossen habe), das sagt genug. Ich bin eben ein alter Reimefex!
Habe auch schon die eine oder andere Hymne auf diesen Lyrikgott geschrieben - mein absoluter Lieblingsdichter! Bin zwar im Gegesatz zu ihm "ungläubig" und stolz darauf, aber sein "Stundenbuch" lese ich dennoch gern, einfach allein schon der Schönheit der Sprache wegen, und weil seine Worte so zu Herzen gehen.
Dein Text ist sehr schön und sprachlich des indirekt Gepriesenen durchaus würdig, leider hältst du den unbetonten Auftakt nicht durch - ist das gewollt, um zur Conclusio hin Dramatik zu generieren, oder im schwelgerischen Schöpfungsprozess einfach so passiert?
S2Z3, S3Z2 und 3 sind jedenfalls im Auftakt betont, im Gegensatz zum Rest. Da stolpert der Leser ...
Zudem muss am Ende der ersten und zweiten Str. ein Fragezeichen stehen, sonst wird das Konstrukt zur verneinenden Aussage, vor allem in S1.
S3Z1 braucht unbedingt ein Komma nach "stark".
Die Verkürzungen in S3Z2 und 3 sind mE. unnötig und sogar die Hochsprache störend. Nur eines saubereren Kadenzenschemas wegen würde ich die Sprache nicht verstümmeln.
Hier eine Version, die alle meine Hinweise berücksichtigt. Nimm, was dir brauchbar erscheint, finde eigene Alternativen oder lass es, wie es ist - immer deine Entscheidung!
Wer je das Spiel mit Worten liebte,
ist nicht von dir bezaubert, ja besetzt
und gänzlich eingenommen worden?
Wer wurde nicht berührt vom Kreis,
der ohne Aussicht auf Vollendung
doch stets begonnen werden muss?
Wer war so stark, den Wirkgesetzen
erhabner Verse niemals nachzugehen,
dem eignen Wortsinn einzig zu vertrauen?
Das Hebungsschema ist ebenfalls unrhythmisch, aber da die Verse ungereimt sind und man sich so mehr auf den Sprachfluss der einzelnen Sätze konzentriert, fällt das nicht weiter negativ ins Gewicht: 454 - 444 - 455 (in der von mir korrigierten Version)
Vielen Dank für diese schöne indirekte Eloge auf den Meister aller Meister! Sehr gern gelesen!

LG, eKy