Autor Thema: Die Welle bricht  (Gelesen 45 mal)

Erich Kykal

Die Welle bricht
« am: Juli 30, 2020, 10:56:52 »
Was heiligt deine blassen Blicke,
wenn dich die letzten Jahre finden?
Berührtest ach, soviel Geschicke,
und wolltest keines an dich binden.

An wieviel wunden Weltentitten
darf deine Wollust wohl noch saugen?
Bis welcher Träume Wunderbitten
mag deine Endlichkeit noch taugen?

Wer trägt die letzten Sehnsuchtslieder
ins eigene darum Bemühen?
Wo lässt sich deine Seele nieder,
um sich verlebend auszuglühen?

Halt ein, du findest keine Stelle,
darein sich deine Bilder tragen!
Der Welle folgt nur eine Welle,
und jede lernt, sich zu entsagen.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

hans beislschmidt

Re: Die Welle bricht
« Antwort #1 am: Juli 31, 2020, 17:32:01 »
Hi Erich,
Welch trübe Gedanken geschätzter Dichterfreund? Die Metapher Welle ist gut gewählt, nur das Entsagen nicht, weil die Welle sich selbst neu gebiert, ist also Zukunft und Vergangenheit zugleich. Ist das nicht tröstlich?
Das Schicksalhadern ist eine brotlose Kunst, denn es wird wohl seine Richtigkeit haben, wenn nichts bindet, weil "es" sich niemals binden wollte. So don t cry about spilt milk.
+++++++
Es stimmt mich nicht freudig dir als praktizierenden Atheisten zu sagen, es ist dennoch Hoffnung gegeben. Denke bitte an Julius Robert von Mayer, mische eine Prise Schöngeist dazu und genieße in langsamen Zügen.
Gruß vom Hans

"Wir sind mehr" Hilfe für den aussterbenden Konjunktiv.
.
"Lyrik braucht Straßendreck unter den Fingernägeln" (Thomas Kling)

Erich Kykal

Re: Die Welle bricht
« Antwort #2 am: Juli 31, 2020, 19:09:01 »
Hi Hans!

Lieb, dass du dich sorgst, aber kein Anlass: Mit dieser Lebenseinstellung gehe ich eigentlich schon jahrzehntelang durch meine Jahre.

Zum Teil sind solche Gedichte auch eine Art "Seelenhygiene": Indem ich mir die Traurigkeit von der Seele schreibe, reinige ich sozusagen mein Inneres, entschlage mich der depressiven Momente.

Und dass wir letztlich, wenn wir weit genug weiterdenken, keine Spuren hinterlassen, sollte klar sein. Wir enden, und was wir sind, ist nur davor von Belang, und von Bedeutung letztlich nur für uns selbst. Das muss nichts Schlechtes sein - wie gesagt, mein Universum kommt ohne Gottgestalt oder "höheren Plan" aus, mit dem ich dem eigenen Sein Bedeutung verleihen müsste. Das überlasse ich gern jenen, die dessen bedürfen.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Die Welle bricht
« Antwort #3 am: Juli 31, 2020, 22:18:36 »
Lieber Erich,

ein Thema, das traurig stimmt, weil das menschliche Leben so sehr auf Bedeutung aus ist. Mit erlesenen Worten in Fragen entwickelt und mit einer ernüchternden Anwort und einem einpräsamen Naturbild abgeschossen. Klasse!

Sehr gern gelesen.
Herzliche Grüße von gummibaum     
« Letzte Änderung: Juli 31, 2020, 22:21:03 von gummibaum »

Erich Kykal

Re: Die Welle bricht
« Antwort #4 am: August 01, 2020, 00:08:01 »
Hi Gum!

Sicher, das Gedicht fragt auch nach unserem Bedeutungsdrang, aber es geht auch um Lebensgier: Immer neue "Weltentitten", selbst wenn die eigene Endlichkeit einem schon klar vor Augen steht - oder ebendarum!

Vielen Dank für das Lob zur Sprachfindung und Inhaltsentwicklung!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.