Autor Thema: Abkehr  (Gelesen 2652 mal)

Erich Kykal

Abkehr
« am: November 14, 2020, 11:29:29 »
Die Tage gehen ineinander über
und wandeln sich unendlich ohne Hadern,
nur mir erscheint ihr Leuchten langsam trüber
und wie ein Gift in meinen Lebensadern.

Da wohnt kein Wille mehr in mir, der ihnen
begegnen möchte, um sich auszutauschen.
Sie starren mir mit grauen Wolkenmienen
ins stille Haus, wenn sie vorüber rauschen,

als wüssten sie Bescheid um mein Verweigern
wie Totengräber, wenn ein Leben endet,
und wiesen, gleich der Uhr mit ihren Zeigern,
nach einem Schicksal, das sich nicht mehr wendet.

Wer bin ich, dass mir ihre bunten Tänze
kein Wunder mehr bedeuten, das ich schauen
und darin baden will? Stattdessen schwänze
ich jede Möglichkeit, mich zu erbauen!

Ich wende meine Sinne ganz nach innen,
als fänden dort sie, was die Seele tragen
und sagen könnte, was wir zu gewinnen
erwarten, wenn wir aller Welt entsagen.

Kein Gott wächst meinem mönchischen Bestreben
ins neidlos abgekehrte Angesicht,
und dennoch tilge ich mein Außenleben
und lösche meine Spuren wie ein Licht.
« Letzte Änderung: Mai 10, 2021, 00:30:16 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Abkehr
« Antwort #1 am: November 17, 2020, 10:34:27 »
KKK! Klassische Kykal Kunst! :)
Nur in S3 finde ich, dass die in einander geschichtete "Metaphorierung" von Totengräber und Uhr bzw. Uhrzeigern etwas zu viel auf einmal ist... kulinarisch gesprochen eine Buttersoße, die mit reichlich Olivenöl versetzt wird, die Emulsion bricht hier für mich etwas.
Und das "schwänze" in S4 fällt etwas aus der gehobenen Rede und wirkt durch diesen Stilebenenwechsel für mich ein bisschen Reimgeschuldet.
Das sint aber wieder mal nur unmaßgebliche Klitzigkeiten.
Sehr gerne gelesen! :)
S.

Erich Kykal

Re: Abkehr
« Antwort #2 am: November 17, 2020, 13:17:44 »
Hi Suf!

Vielen Dank für die artigen Honneurs, wie auch die Hinweise auf die "Klitzigkeiten" (geniale Wortschöpfung!), die ich aber ob ihrer - von dir dasebst so definierten - Marginalität unangetastet belassen will. Mögen Buttersoße und Olivenöl den Salat dennoch würzen und ein zumindest einzigartiges Geschmackserlebnis generieren ...

Mit dem "schwänzen" magst du vom Aspekt der Wirkmächtigkeit her Recht haben, indes, es ist durchaus ein hochdeutsches Wort, dürfte also die gehobene Sprache eigentlich nicht diminuieren. Warum es dennoch ein wenig so wirkt? Wer weiß ... - vielleicht weil man sofort das Bild unreifer Lausejungs vor Augen hat, die alles andere als "gehoben" wirken?


Das ist wieder mal so ein Stoßseufzer selbstinduzierten Eremitentums, geschuldet Krankheit, Alter oder der leidigen Erfahrung schlichten Angewidertseins von allgemeinem menschlichem Sozialversagen. Ich muss aufpassen, dass derlei nicht überhand nimmt! Einer meiner Leser meinte mal, er wolle meine Bücher oft gar nicht zur Hand nehmen, weil ich zwar gut, aber eben großteils so depressiv und negativ schriebe, dass einen die Lektüre immer nur noch weiter runterziehen würde.
Dem konnte ich letztlich nicht widersprechen, aber es drängte mich zur Frage, welche Art Poet ich eigentlich sei oder sein wolle für meine Leser. Runterziehen will ich natürlich niemanden, und ich selbst kann durchaus solche Materie verschlingen und mich schon allein an der schönen Sprache derart erbauen und hochziehen, dass mir der negative Inhalt eigentlich kaum schadet. Allerdings darf man bei sowas nicht von sich auf andere schließen, und in den Augen der Nachwelt (so sie gnädig auf mir ruhen möchten) will ich kein Suizidgehilfe sein mit meinem Schaffen!
Mein Bemühen um lebensfrohere, positivere Verse hat indes nicht viel Erfolg gezeitigt, das scheint mein lyrisches Organ einfach nicht ausreichend herzugeben, warum auch immer. Das liegt vielleicht daran, dass das Dichten für mich hauptsächlich eine Art von Psychohygiene darstellt, die mich von Belastendem reinigt, indem ich es so verarbeite und mir aus den Gedanken schaffe, und es mir beim Schreiben primär gar nicht um eine mögliche Reaktion eines Publikums geht.
Die in meinen Augen wertigen Ergebnisse dieses Prozesses allerdings unpubliziert zu lassen, nur um eine potentielle Inkomodierung von Leserschaft zu vermeiden (im Sinne eines positiveren Rufs), erscheint mir egoistisch motiviert manipulativ.
Also soll die Welt doch von mir denken, wozu sie lustig ist! Ich bleibe mir treu.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Abkehr
« Antwort #3 am: November 18, 2020, 10:31:41 »
Trauriges Thema, glanzvolles Gedicht.

Gut, lieber Erich, wenn man Tristesse und Entsagung noch solche Perlen der Sprache abringen kann.

Chapeau und liebe Grüße
gummibaum



Erich Kykal

Re: Abkehr
« Antwort #4 am: November 18, 2020, 10:40:53 »
Hi Gum!

Nicht "noch" - ich scheine gerade das zu brauchen, um das "Orgen" zu aktivieren. Starke Emotion, starker Eindruck, egal ob positiv oder negativ, ist der Auslöser, und offenbar umgibt mich mehr, was ich negativ wahrnehme ...  ::)

Ein Rilke konnte vielleicht endlos über Rosenblütenblatter schreiben, oder über Gott, ein Hesse den Bhuddismus bewerben und ein Goethe seinen Hang zum Islam abfeiern - mich beschäftigen die Dinge, die ich täglich wahrnehme, und was sie mit mir machen, in mir auslösen, wie sie meinen Geist und mein Gefühl beschäftigen. Vielleicht deshalb mein Hang zu Problemzonen und menschlichem Versagen.
Im Versagen wohnt zumindest die Größe, den Mut gehabt zu haben, es wenigstens zu versuchen. Möglicherweise ist es das, worum ich die Scheiternden beneide ...

Vielen Dank für deine positiven Worte!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.