Autor Thema: Heimattraum  (Gelesen 1710 mal)

Erich Kykal

Heimattraum
« am: November 30, 2020, 13:10:32 »
Trag mich, Träumerei, ins Ferne,
aus begrünter Hügelwogen
Wiesenschaum bis an die Sterne,
abendlich herangezogen.

Hol mich über reife Felder
bis ans Ufer jener Stelle,
wo am Rande tiefer Wälder
ich der Nacht mich zugeselle.

Dort mag mich ein Dunkel kleiden,
kühl und groß, und hingegeben
will ich meines Tages Leiden
zärtlich lassen, wie ein Leben.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Heimattraum
« Antwort #1 am: Dezember 01, 2020, 11:26:47 »
Hi eKy!

Meistens folge ich beim Kommentieren wohl dem - für die Autoren ggf. etwas ärgerlichen - "Rhythmus", erst zu rühmen und zu preisen, wie sich das gehört, und dann mit Korinthen um die Ecke zu schäsen.
Jetzt mach ich das mal umbekehrt... :)

Also: Der Titel gefällt mir wirklich überhaupt nicht... da wird ein Gedicht in einem behutsam ins 20. Jh. überführten, innigen Eichendorff-Ton (jetzt lob ich ja doch schon wieder!) von einem Titel anmoderiert, der dermaßen nach einem Peter-Alexander-Schlager klingt, dass sich sofort sämtliche Ironiehebel auf Max-Stellung schalten...
Also echt! Hab dadurch beim Lesen einen knallharten Aufschlag erlebt und mir ein böses Brillenhämatom zugezogen!  ???  ;)

Je nun. Moppern muss auch mal sein und ich mute Dir ja schließlich auch immer wieder mal rhythmische Schlaglöcher und schräge Klänge zu... also alles im perfekten Karma-Lot! :)

Und jetzt will aber auch die verdiente Ruhmesrühmung folgen und ich knüpfe hiermit vollumfänglich an den obigen Eichendorffgedanken und verkünde, dass ich ob dieses romantischen Ausflugs in die Welt der blauen Blumen in höchst wohlgefällige Stimmung mich versetzt fühle. Es geht hier ganz offensichtlich um den eigentlichen "kleinen Tod": Nicht etwa jenen, von den Franzosen so besungenen Zustand, sondern um den Schlaf.

Das geschieht hier ganz schön tripelbödig - denn der geübte Gedichteleser ist es natürlich gewohnt, dass der Schlaf eine Metapher für den Tod ist. Überhaupt sind wir es von Gedichten gewohnt, dass sie vom Tod in Metaphern reden - auch abseits vom Bild des Schlafes.
Wenn also das LI "an die Sterne abendlich herangezogen" wird (S1) und "reife Felder" an einem "Ufer" (samt "hol... über"-Wendung) besungen werden (S2), bis sich dann das "Dunkel" (S3) einstellt, lesen wir das als großen Todesgesang. In der letzten Strophe tritt dann die Anrufung des Schlafs deutlicher hervor (ohne dass das Wort "Schlaf" je fällt): Das LI lässt von seines "Tages Leiden".
Und ja, ganz deutlich wird dann wieder der Todesvergleich: "wie ein Leben".

Aber jetzt stutzen wir - es ist eben ein Todesvergleich, sprich: Der Gegenstand des Gedichts wird mit dem Tod verglichen und nicht etwa der Tod mit den Bildern des LI.

Also doch nur ein Schlaflied?

LG!

S.
« Letzte Änderung: Dezember 01, 2020, 11:52:06 von Sufnus »

Erich Kykal

Re: Heimattraum
« Antwort #2 am: Dezember 01, 2020, 15:04:18 »
Hi Suf!

Wow - soviele Gedanken zu einem Text, der bloß als kleine Hommage an ebenjenen Eichendorff und sein berühmtes Gedicht (".. als flöge sie nach Haus") gedacht war!

Der schmalzige Titel war ganz bewusst so gewählt, wie ein romantischer Dichter ihn ohne jeden weiteren Hintergedanken wohl gewählt hätte. Dem dann aber aufrichtige, innige und vor allem sprachlich unverkitschte, nur sehr wohlbemessen pathetische Zeilen folgen zu lassen, hielt ich für einen interessanten Gegensatz, der dem Gedicht umso tiefere Würde verleiht.

Und ja, die letzte Strophe ist mehrdeutig. Einfache Müdigkeit, Schlaf, Tod - alles klingt da ein wenig mit, aber in allem eben innerste Verbundenheit mit dem Land und seiner Natur.

Wäre eindeutig der Tod gemeint, hätte ich geschrieben: "will ich meiner Tage Leiden", was im Plural eben auf die Gesamtsumme besagter Tage hingewiesen hätte. Es ist aber nur von einem Tag die Rede.

Und das "lassen wie ein Leben" soll den Gleichmut, die innere Gelassenheit unterstreichen, mit welcher das LyrIch sich in den Gang der Dinge fügt, alles zu akzeptieren, wie es eben kommt, aber immer in tiefer Verbundenheit und Liebe zu dem Land, das es großzog (nicht den Staat, wohlgemerkt!).


Vielen Dank für so viele kluge Erwägungen!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Heimattraum
« Antwort #3 am: Dezember 02, 2020, 15:21:48 »
Hi eKy!
Cool, dass Du wirklich den Eichendorff anvisiert hattest. :) Den Ton hast Du wirklich super getroffen.
Bezüglich des Titels hab ich Dein Argument mit dem Gegensatz nicht so ganz genau verstanden (also ich seh schon den Gegensatz, ich hab bloß nicht ganz verstanden, wozu der "gut sein soll" ;) )... aber das sind eben die Nuancen unterschiedlicher Lesehaltungen. :)
Was das Heimatthema angeht, so habe ich irgendwo mal gelesen, Eichendorff habe nicht die Heimat besungen, sondern das Heimweh. Diese wehmütige Sehnsuchtsebene findet man auch schön in Deinen Zeilen... :)
LG!
S.

Erich Kykal

Re: Heimattraum
« Antwort #4 am: Dezember 02, 2020, 15:48:07 »
Hi Suf!

Wozu der Gegensatz gut sein soll: Gerade aus der Diskrepanz von pathetischem Titel und unpathetisch verinnerlichter Liebe zur Heimat im Text ergibt sich für den Leser eine positive Überraschung, der nach der schmalzigen Überschrift einen ebenso schmalzigen Text erwartet, triefend von Klischee und/oder stumpfsinnigem Patriotismus.
Der Leser erkennt, dass Heimat auch etwas anderes, Besseres sein kann als der von Politik, kitschiger Poesie oder Historie so falsch gedeutete und missbräuchlich überstrapazierte Begriff an sich.

Vielen Dank nochmal für deine Begeisterung für fast alle meine "Produkte" hier!  :)

LG, eKy
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gummibaum

Re: Heimattraum
« Antwort #5 am: Dezember 04, 2020, 11:46:31 »
Ganz toll, lieber Erich,

besonders durch den Wechsel der handelnden Subjekte (Träumerei, Dunkel, Ich), die kosmische Größe des Raums, die Entsprechungen von Nah und Fern, Hell und Dunkel, Leben und Tod.

Begeistert gelesen.

Chapeau von gummibaum

Erich Kykal

Re: Heimattraum
« Antwort #6 am: Dezember 04, 2020, 13:38:08 »
Hi Gum!

Vielen Dank für das metaphorische Hütchenlüften!  :)

LG, eKy
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Agneta

  • Gast
Re: Heimattraum
« Antwort #7 am: Dezember 06, 2020, 20:36:07 »
das ist wundervoll geschrieben, Erich. Zur Interpretation ist ja schon vieles geschrieben worden. LG von Agneta

Erich Kykal

Re: Heimattraum
« Antwort #8 am: Dezember 06, 2020, 21:22:14 »
Hi Agneta!

Vielen Dank für die schmeichelhaften Worte!  :)

LG, eKy
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