Autor Thema: Hingabe  (Gelesen 39 mal)

AlteLyrikerin

Hingabe
« am: Januar 13, 2021, 13:27:32 »
Aussteigen
aus der Logik
des Tauschens.

Taub sein
für die Propheten
des Behagens
und die Verkäufer
von Sicherheiten.

Vergessen,
dass im Licht,
das ich entzünde,
mein Leben
das Wachs ist.
 
 

Sufnus

Re: Hingabe
« Antwort #1 am: Januar 14, 2021, 16:41:53 »
Hi AL!
Das mag ich sehr! Wenn ich also andernorts etwas grumpy war, dann bin ich hier umso erfreuter! :)
Ich finde es immer schön, wenn bei einem Gedicht eine gewisse Steigerung des Gedankens oder Fühlens enthalten ist, was nicht das gleiche wie eine Pointe ist. Diese Steigerung finde ich in Deinen Zeilen. Es fängt in der ersten Strophe noch etwas konventionell an, wodurch man aber schön bei etablierten Denkmustern abgeholt wird, in der zweiten Strophe fängts dann schon a weng an, im Hirnkastl zu summen und zu rattern und die dritte Strophe erreicht Zen-artige Paradoxie-Höhen. Auch die sprachliche Seite gefällt mir. Es gibt kein einziges "ich" im Gedicht, obwohl es doch recht eigentlich ich-Lyrik ist und nur ein einziges finites Verb - das letzte Wörtchen nämlich: ist. :)
Sehr schön ist das. :)
LG!
S.

Erich Kykal

Re: Hingabe
« Antwort #2 am: Januar 14, 2021, 22:47:13 »
Hi AL!

Gefällt auch mir von der Gesamtanmutung. Wiewohl mir klar ist, was du mit "Logik des Tauschens" in diesem Falle meinst, frage ich mich doch, ob der Begriff nicht missverständlich sein kann, oder ob er für diese Situation überhaupt der richtige ist. Tauschen, sprich sich auszutauschen, sollte immer möglich sein. Man muss ja nicht immer den Deal akzeptieren, aber sich ganz abzukehren kann nicht die Lösung sein, wie ich glaube.

Auch zu S3 habe ich meine Zweifel: Sollte man sich der Tatsache, dass das Leben das Leben kostet, nicht immer bewusst bleiben? Wie sonst könnte man wertschätzen, was man hat? Wie sonst hätte man das Bedürfen, sich würdigen Zielen zu weihen? Oder um in deinem Gleichnis zu bleiben: Wäre es ohne das Wachs überhaupt möglich, überhaupt erst ein Licht zu entzünden? Was brächte es, dies zu vergessen?

Gern gelesen und darüber nachgesonnen!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Hingabe
« Antwort #3 am: Januar 15, 2021, 01:20:00 »
Liebe AlteLyrikerin,

schön setzt du

dem schalen Sich-Bewahren, das in der heilen Schale keinen Kern enthält, die Hingabe entgegen, bei der sich das Leben wie Wachs verzehrt, um Licht und Wärme zu geben.

Sehr gern gelesen.

Grüße von gummibaum


AlteLyrikerin

Re: Hingabe
« Antwort #4 am: Januar 15, 2021, 11:45:04 »
Lieber Sufnus,

Deine Würdigung meiner Zeilen tut mir wirklich gut! Mit Kritik kann ich, denke ich, gut umgehen, aber es steckt immer noch viel von dem Kind in mir, das von einem Lob aufblüht und sich tagelang freuen kann.

Hallo Erich (würde eigentlich auch gerne "lieber Erich" schreiben, aber ich hab den Eindruck, das magst Du nicht),

herzlichen Dank für Deinen Kommentar und die gedankliche Auseinandersetzung mit einigen Schlüsselbegriffen bzw. ~metaphern. Bei dem Ausstieg aus der "Logik des Tauschens" geht es nicht um den Austausch von Gedanken. "Tauschen", das ist für mich zu einer Metapher geworden, die für das ökonomische Tauschverhalten steht (in modernen Gesellschaften über das Geld; Ware gegen Geld, Arbeit gegen Geld). Dagegen ist grundsätzlich nichts zu sagen, wenn es nicht die Pervertierungen der Ökonomie gäbe. Ich möchte auf gummibaums Kommentar verweisen, der den Kern meines Gedichtes gut herausgearbeitet hat.

Lieber gummibaum,

herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Er trifft genau die zentrale Aussage, die ich transportieren wollte.

Liebe Grüße Euch allen und bleibt schön "negativ", AlteLyrikerin.

Sufnus

Re: Hingabe
« Antwort #5 am: Januar 15, 2021, 16:45:10 »
Liebe AL!
Da freu ich mich gleich doppelt - Deines schönen Gedichts und Deiner Erfreunis! :)
LG!
S.

Erich Kykal

Re: Hingabe
« Antwort #6 am: Januar 15, 2021, 18:59:08 »
Hi AL!

Ich sebst verwende das "lieber" nicht als Grußfloskel, auch nicht früher in Briefen, es sei denn, die adressierte Person wäre tatsächlich von mir geliebt worden. Für mich ist dies ein sehr intimes, persönliches Wort, und ich verwende es sorgsam. (Ein paar mal auch hier im Forum, aber da aus erwiderter Höflichkeit)

Allerdings habe ich nichts dagegen, wenn jemand es gern - auch auf mich - anwendet. Dass besagte Personen es nicht wie ich gleich mit wirklicher Liebe verbinden, ist mir schon klar, und dagegen ist auch nichts einzuwenden.  ;)

LG, eKy
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