Hallo, liebe larin!
Erst mal ein ganz liebes Dankeschön zurück für die Umarmung und die aufbauenden Worte, für die Einsicht in dein Leben und Treiben.
Schön zu lesen, dass du dein Talent weiterhin übst - immer mehr davon! Ich habe deine beiden Werke bereits wohlgefällig kommentiert, noch ehe ich diesen Faden hier geöffnet hatte.
Zu diesem Freund:
Wir haben uns fast vierzig Jahre lang immer wieder getroffen, als Studenten und Junglehrer zum Filmeschauen und Pizzaessen, später wegen seiner Katzenallergie nur noch zum Grillen im Freien, nachdem ich aufs Land gezogen war. Ich habe ihn wegen seiner offenbaren 'Coolness' und Intellektualität bewundert, aber das war nur Fassade, wie ich nun weiß.
Als ich vor vielen Jahren mal über ihn gescherzt hatte - eine harmlose ironische Kabbelei unter Freunden, wie ich dachte - wollte er sich schon vor dreißig Jahren von mir distanzieren, aber ich habe nachgehakt, mich entschuldigt und ihn überzeugt, Freunde zu bleiben. Dass er eine furchtbar empfindliche, humorlose Mimose sein kann, die von ihren eigenen Dämonen gejagt wird, wurde mir da erst klar.
Seither ging es gut mit uns, bis auf den Umstand, dass er sich jegliche Verunglimpfung seines Glaubens verbat, was ich ihm gerne zugestand, trotz meiner eigentlich militanten Antireligiosität.
Er erkrankte neben extremen Allergien vor einigen Jahren ebenfalls schwer und ging nebenher zu einem Psychiater, um Kindheitstraumata aufzuarbeiten - ein Wespennest! Er wurde zunehmend unleidiger und kurzatmiger bei allem, was er als persönliche Kritik auffasste, egal ob gut gemeint. Er schrieb mir aus heiterem Himmel eine kränkende E-mail und entschuldigte sich Tage später dafür - er sei nicht ganz bei sich gewesen und hätte in seinem aggressiven Drang viele Freunde beleidigt.
Ich vergab ihm gerne, und wir machten weiter: Grillen und plaudern, politisieren, philosophieren, sprachblödeln und verbal entfrusten.
Wir machten aus, heuer besonders oft zu grillen (immer bei mir), und ich bat ihn, jedes zweite Mal für das Fleisch zu bezahlen (bisher trug ich allein alle Kosten über 22 Jahre hinweg), da ich im Ruhestand weniger verdiente. War kein Problem. Nach zweimal Grillen kam eine Schlechtwetterwoche, und als ich nach zwei Wochen Grillpause völlig unbedarft per Mail nachfragte, ob er bereit für eine weiteres 'Gelage der Fleischeslust' wäre, kam eine extrem kränkende, unleidige, ja untergriffig beleidigende Antwort zurück, die auf meine 'gierige Fettleibigkeit' anspielte, und dass er - anders als ich - auch noch andere Feunde hätte, um die er sich kümmern wolle, was ich in meiner egoistischen Fresslust ignorieren würde, indem ich ihn nach 'nur' zwei Wochen schon mit so einem Ansinnen belästigen würde. Zwei Wochen, in denen er genug Zeit gehabt hätte, andere Freunde zu besuchen, und ich hatte ihm meines Wissens auch nie verboten, außerhalb unserer geplanten Grillerei am Tag davor oder danach jeden beliebigen anderen Menschen zu besuchen.
Er kanzelte mich mit völlig unlogischen, unfundierten Argumenten ab, ausgesprochen subjektiv und so vieles falsch interpretierend, und ich beschloss, anders als davor, ein ehrliches Wort zu wagen, indem ich in meiner Antwortmail auf jedes seiner Argumente einging. Zudem sagte ich deutlich, wie gekränkt und enttäuscht ich von seiner erneuten Aggressivität wäre. Ich wusste zwar, dass es nie gut ist, so eine ätzende Mail sofort zu beantworten, während der Zorn über soviel Ungerechtigkeit und die Kränkung noch hochkocht, aber es übermannte mich, und ich riet ihm, sich bessere psychologische Hilfe zu suchen, wenn er seinen Freunden solch beleidigende, herabwürdigende Mails schicke. (Nichts verunsichert und beängstigt mich mehr als psychische Labilität - der Verstandesmensch in mir kann nicht mit Geistesverwirrung umgehen!)
Nun, für ihn war es mit der behaupteten Freundschaft nicht mehr weit her, oder er fühlte sich so gekränkt, dass er mich in seiner letzten Mail an mich siezte und sich jeglichen weiteren Kontakt mit ihm verbat. Zu meiner Schande genauso unreif und kindisch, wie ich vor 20 Jahren auf manche Streitereien in den Gedichteforen reagiert hatte. Zu meiner Ehrenrettung: Das waren vergleichsweise fast Fremde gewesen, keine Menschen, die ich ein halbes Leben lang persönlich kannte und deren Ausfälligkeiten mich umso härter trafen, weil ich sie emotional wirklich nah an mich herangelassen hatte.
Dass es für ihn nach fast vier gemeinsamen Dekaden letztlich nur einer einzigen Email bedurfte, in der ich mich offen gekränkt äußerte, um mich gänzlich zu verwerfen, lehrte mich, wie hohl dieses Gebäude der behaupteten Freundschaft von seiner Seite her gewesen sein muss. Wie wenig er mir wirklich zeigte, was er im Grunde von mir hielt. Verletzlichkeit schön und gut, aber trotz eigener Misantropie so mimosenhaft zu sein, dass man sich nicht mal dem kleinsten Bißchen Streitkultur stellen mag, um für eine so alte Freundschaft zu kämpfen, das lässt tief blicken. Entweder in seine soziale Unfähigkeit (die er mir unterstellte, so als wäre er ganz anders), seine charakterliche Verklemmtheit oder seine eigentliche Gleichgültigkeit mir gegenüber.
Ich mag meine sozialen Defizite haben, aber ich hätte gern die Chance gehabt, Dinge richtigzustellen, nachdem wir und wieder vertragen hätten. Um ehrlich zu sein, ich hätte nie mit so einer radikalen Reaktion von ihm gerechnet, nicht nach so vielen Jahren gemeinsamer Geschichte. Ich dachte fest, unsere Verbindung wäre viel stärker als so ein Streit, wie er eben ab und zu auch mal in einer Freundschaft vorkommt. Stattdessen: Einfach abgesägt, weil dieser Feund hinter seiner coolen, weltmännischen Fassade immer nur ein unsicherer, verletzter kleiner Junge war, der nur austeilen, aber nichts einstecken konnte. (Ob seiner schweren Kindheit verzeihlich?)
Wie vertraut mir das doch ist, war ich doch über weite Strecken meines Lebens genauso! Und wie unreif erscheint es mir heute, ob solcher oberflächlicher Meinungsverschiedenheiten gleich die Freundschaft zu kündigen, anstatt die Dinge auch mal auszustreiten, ohne je die wohlmeinende Basis für diese Freundschaft aus den Augen zu verlieren.
Wie gesagt - er maß dieser Freundschaft wohl bei weitem nicht dieselbe Bedeutung und Verpflichtung bei wie ich. Hat er mich all die Jahre bloß 'gerade so eben ertragen', weil er sich hier gratis sättigen und intellektuell absudern konnte? Bedauerlich, aber dieses Mal werde ich seine Entscheidung respektieren und mich nicht weiter um uns bemühen.
Ich habe in unserer Beziehung manches falsch gemacht, aber letztlich war er es, der uns aufgegeben hat. Bin ich jetzt der 'Böse'? Habe ich zu dick aufgetragen, um ihn merken zu lassen, wie sehr mich seine nachgerade bösartige Mail gekränkt hatte? Habe ich ihn unwissentlich einmal zu oft mit meiner allzu direkten, frei sprechenden Art gekränkt, und diese Episode war nur der letzte Auslöser für seinen aufgestauten Unmut über meine aus seiner Sicht gerade noch gelittene Person? Wenn das so war, warum hat er nichts gesagt, ehe alles derart kumulierte und eskalierte? Oder wird er wirklich zunehmend geistig verwirrt und verliert die Kontrolle über sein Fühlen und Handeln?
Wie auch immer - es ist geschehen, und ich halte mich an die Aussage deines Gedichtes: Ich schöpfe Kraft aus meinem Inneren, so wie ich es immer getan habe, und lasse ihn hinter mir, damit er mir nicht mehr wehtun kann. Und falls ich ihm wehgetan habe, hoffe ich, er möge es ebenfalls überwinden, egal wie tief auch immer seine Freundschaft zu mir für ihn gewesen sein mag. Er war es, der sie kündigte, einfach so.
So, jetzt weißt du Bescheid, zumindest nach meiner Sicht der Dinge, zumindest, falls du dir diesen ganzen Sermon überhaupt angetan hast. (Falls ja: Danke!)
LG, eKy