Autor Thema: Die Geister, die wir rufen  (Gelesen 782 mal)

Erich Kykal

Die Geister, die wir rufen
« am: M?RZ 13, 2023, 09:00:46 »
Alles, was wir hier berühren,
während uns der Tag geschieht,
öffnet und verrammelt Türen
zueinander. Grenzgebiet
sind wir ständig, die wir drängen
nach der Sonne, die uns scheint,
während wir ins Leben mengen,
was uns trennt, was uns vereint.
Nach dem eignen Licht zu streben
ist verständlich jederzeit,
und in andrer Licht zu leben
wird für manche Seligkeit.
Dass wir uns um Farben streiten,
die das Leuchten haben soll,
scheint vermessen, doch wir reiten
diese Dummheit. Sorgenvoll
blickt der Weise in die Runde,
senkt den Blick in Trauer tief:
Mensch, mit deinem Licht im Bunde:
Geist, der nur sich selber rief!
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Sufnus

Re: Die Geister, die wir rufen
« Antwort #1 am: M?RZ 14, 2023, 13:00:22 »
Hi eKy!
Das ist sehr spannend! In Deinem Titel spielst Du (ob bewusst oder unbewusst) auf den Zauberlehrling von Goethe an ("Ach da kommt der Meister! / Herr, die Not ist groß! / Die ich rief, die Geister, / werd ich nun nicht los!").
In dem dann folgenden Text findet man (bis auf die Rekursion zum Titel in der letzten Zeile) keinen besonders nahen Bezug zum Zauberlehrling. ABER: Von Goethe gibt es ein Gedicht, das thematisch mit Deinen Zeilen gar nicht so unverwandt ist, auch da geht es darum, dass die Menschen letztlich durch ihren Eigennutz, ja man muss sagen durch ihre Selbstverliebtheit, nicht zu einander finden können und das gedeihliche Zusammenleben darum misslingt. Auch dieses Goethegedicht hat also thematisch mit dem Zauberlehrling nichts zu tun, aber auch hier gibt es eine Anspielung auf die Ballade ("Besen, Besen, seid's gewesen!")... ich füg es mal in gekürzter Fassung hier ein und makiere die Goeth'sche Zauberlehrlingsanspielung:


Lied des Unmuts: Keinen Reimer wird man finden

Keinen Reimer wird man finden,
der sich nicht den besten hielte,
keinen Fiedler, der nicht lieber
eigne Melodien spielte.

[...]

Das Gewes'ne wollte hassen
Solche rüstig neuen Besen,
diese dann nicht gelten lassen,
was sonst Besen war gewesen.

Und wo sich die Völker trennen,
gegenseitig im Verachten,
keins von beiden wird bekennen,
daß sie nach demselben trachten.

Und das grobe Selbstempfinden
haben Leute hart gescholten,
die am wenigsten verwinden,
wenn die andern was gegolten.


Eine interessante Parallele, wie ich finde! :)

LG!

S.

P.S.:
Warum hast Du eigentlich in Deinen Zeilen auf eine Stropheneinteilung verzichtet? Ich persönlich fände ja den Text in gestrophter Form irgenwie strukturierter und optisch befriedigender dargeboten.

Erich Kykal

Re: Die Geister, die wir rufen
« Antwort #2 am: M?RZ 14, 2023, 19:34:23 »
Hi Suf!

Den Zauberlehrling kannte ich natürlich, oder die drei Geister der Weihnachtsgeschichte, aber an das Gedicht von Goethe erinnerte ich mich nicht mehr, obwohl ich vor Jahren sein lyrisches Gesamtwerk gelesen habe.
Danke für diese nette Parallele. Goethe's Faust (Der Tragödie erster Teil) war in meinen frühen Teenagerjahren neben Rilke's Panther im österr. Schullesebuch meine Initialzündung in Sachen Lyrik.
Bis heute finde ich es höchst bedauerlich, dass irgendwann jegliche Lyrik aus besagtem offiziellem Schullesebuch gestrichen wurde. Irgend so ein prosaischer Schreibtischtäter ...

Auf die Strophenabteilung habe ich der strophenübergreifenden Sätze wegen verzichtet, ich wollte diese nicht durch Leerzeilen auseinanderreißen.

Danke für den freundlichen Kommi!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

stephanus mall

Re: Die Geister, die wir rufen
« Antwort #3 am: M?RZ 14, 2023, 22:37:07 »
Ja, lieber eky, ein brenned und interessantes Thema zugleich
und meisterlich auf den Punkt gebracht.
Momentan sehen sich einige Gruppen offensichtlich im richtigen
Licht, bringen aber nicht die nötige Toleranz auf, die sie selbst
predigen um das Licht der Anderen auch leuchten zu lassen.
Das Gedicht vom Altmeister kannte ich übrigens auch nicht,
der Faust hat im Unterricht doch alles ein wenig überstrahlt.
Gern gelesen und beste Grüße
St.Mall

Erich Kykal

Re: Die Geister, die wir rufen
« Antwort #4 am: M?RZ 15, 2023, 00:26:34 »
Hi Steph!

Danke für deine Gedanken! Der Anspruch auf die Wahrheit endet dort, wo er beginnt, andere einzuschränken und zu unterdrücken.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Die Geister, die wir rufen
« Antwort #5 am: M?RZ 21, 2023, 23:32:35 »
Lieber Erich,

diese Konkurrenz um das Hervorbringen der schönste Lichtfarbe (der besten Ideen usw.) hat ihre guten und schlechten Seiten. Man müsste einfach weniger bierernst oder gar fanatisch und mehr spielerisch damit umgehen.

Schön geschrieben. Sehr gern gelesen.

LG g

Erich Kykal

Re: Die Geister, die wir rufen
« Antwort #6 am: M?RZ 22, 2023, 19:23:02 »
Hi Gum!

Da sagst du was! Leider sind Fanatiker aller Coleurs von Humor, vor allem dem auf sich selbst bezogenen, so weit entfernt wie der Mensch vom Mond. Auch Entspannung und Spielerisches liegt ihnen fern. Ihr Grimm auf alles, was anders ist, sich nicht ihrem Weg und Schauen fügen will, erfüllt sie mit 'heiligem' Ernst. Über Gott - und damit sie selbst, die ihrem Gott natürlich am nächsten Stehenden - darf nie gelacht werden! Gilt auch für politische Fühler anstelle der im Grunde beliebig austauschbaren Gottheit, wenn die Fanatiker weltlich politisch anstatt religiös gepolt sind.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

wolfmozart

Re: Die Geister, die wir rufen
« Antwort #7 am: M?RZ 31, 2023, 19:30:30 »
Hallo Erich,

ein Werk von dir mit (wie meistens) tiefem philosophischen Gehalt.

Die Geister, die ICH rief, werd ich seit Jahrzehnten nicht mehr los, drum interessierte mich dieses Kleinod von dir um so mehr.

LG wolfrmozart

Erich Kykal

Re: Die Geister, die wir rufen
« Antwort #8 am: M?RZ 31, 2023, 23:14:18 »
Hi WM!

Mit den Geistern, die wir riefen, lernen wir zu leben - oder sie richten uns zugrunde.

Danke für den netten Kommi!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.