Autor Thema: Nie angekommen  (Gelesen 2722 mal)

gummibaum

Nie angekommen
« am: April 04, 2017, 19:32:31 »
Er war vor langem aufgebrochen,
ein neues Ufer lockte ihn,
doch fand er keines, und zerbrochen
war etwas, das so reizvoll schien.

Er war zum Leben wie zum Sterben
zu müde nach der langen Fahrt,
lag fest in einem Meer aus Scherben
zu Glas erstarrter Gegenwart…

Erich Kykal

Re: Nie angekommen
« Antwort #1 am: April 04, 2017, 19:41:47 »
Hi Gum!

So klingt es wohl, wenn man alles einfach nur noch satt hat!  ::) Die ritualisierte Lebensroutine, das tägliche Einerlei, die sinnlosen Mühlen der Pflicht - wenn die ganze Bedeutungslosigkeit all dessen über dich hinwegschwappt, über dir zusammenschlägt und alles ersäuft, wovon du dachtest, es wäre wertvoll und bedeutsam und erhaltenswert.

Depression oder Burnout - so nennt man es heutzutage ...

Da hab ich auch eins dazu, von 2013:

Ausgebrannt

Wie jeden Morgen steht er zeitig auf,
bewacht den Morgen, der ins Helle steigt,
und während er in seine Tasse schweigt,
beginnt der Tag. Er freut sich nicht darauf,

scheint aller Lebensfreude abgeneigt.
Verschlossen nimmt er seine Zeit in Kauf,
ergibt sich ihrem kriechenden Verlauf.
Kein Schicksalsbaum, der blühend sich verzweigt,

kein inneres und äußeres Erstreben -
nur kalte Stunden ohne Mut und Freuen,
und keine Lust, sich daraus zu erneuen,

sich aufzuraffen und ins Sein zu heben.
Er weiß sein Existieren zu betreuen,
verstarb darin und nennt es dennoch: Leben!

2017 schrieb ich dann dies, sozusagen als Gegengewicht:

Ausgebrannt?

So viele tilgte ihm die Last der Jahre
in Abgeschlagenheit und dumpfer Qual
von seinen Feuern, die einst ohne Zahl
erwärmt die Seele hatten für das Wahre,

dass von der Wiege mählich bis zur Bahre
sein Brennen hinsank in ein Aschental,
dem auch sein Traumgesicht sich anbefahl,
damit es nicht noch mehr an Leid erfahre.

Doch irgendetwas will da unten glühen
und facht sich unersättlich wieder an,
als hinderten kein Plagen und kein Mühen

es je daran, der Hoffnung zuzuraunen,
dass selbst die Asche wieder lodern kann
aus einem unscheinbaren Fünkchen Staunen.


Vielleicht findest du auch mal ein lyrisches "Gegengewicht" zu den obigen Zeilen? Vergönnt sei's dir!  :)

Sehr gern gelesen!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Nie angekommen
« Antwort #2 am: April 04, 2017, 20:06:48 »
Hallo Erich,

wie schnell und sicher du kommentierst! Danke für die guten Wünsche und deine beiden schönen Gedichte. Das erste kannte ich nicht und ja, es entspricht etwas dem meinen. Und ein Gegengewicht gelingt mir (nach erforderlichen vier Jahren) vielleicht auch.

Gruß gummibaum

cyparis

Re: Nie angekommen
« Antwort #3 am: April 07, 2017, 12:24:55 »
Liebe Dichter,

es ist wieder einmal ein Hochgenuß, Euch zu lauschen, auch wenn viel Melancholie darin schwingt.

Auf zu neuen Ufern mit geblähten Segeln!

Mitpustend:
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re: Nie angekommen
« Antwort #4 am: April 07, 2017, 19:36:29 »
Hi Cypi!

Pech - das einzige, was sich bei mir noch bläht, ist die Wampe!  ;D ::)

Aber vielen Dank für den frommen Wunsch!  ;) :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Curd Belesos

Re: Nie angekommen
« Antwort #5 am: April 07, 2017, 23:01:03 »
Pech - das einzige, was sich bei mir noch bläht, ist die Wampe!

Lieber Erich, das ist Quatsch -  ;)

du stehst mit dem Rücken zum Wind wie alle Binnenlandbewohner. Daher kann er dir das Hemd vor dem Bauch aufpusten und du denkst gleich an eine Wampe  ::)

Im Gegensatz zu uns Küstenbewohnern, bei denen der Wind immer von vorne bläst, so dass wir euch erzählen können, wir hätten einen Buckel vom vielen arbeiten  8)

Doch da der Sturm uns vorne unters Hemd bläst, haben wir den aufgeblähten Stoff auf dem Rücken  :o

Döntjes vonne Küste sendet dir Curd  ;D

PS: gummibaum, passe auf dich auf - Auszeiten nehmen -
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

Laie

  • Gast
Re: Nie angekommen
« Antwort #6 am: Mai 11, 2017, 10:02:59 »
Hallo gummibaum,

Lebensmüdigkeit und Hoffnugslosigkeit hast du hier in starke Bilder gepackt. Ich fühle mit.

Sehr gern gelesen!


Gruß,
Laie

Syranie

  • Gast
Re: Nie angekommen
« Antwort #7 am: Mai 13, 2017, 17:55:16 »
Hallo gummibaum, :)

In nur zwei Strophen packst du Traurigkeit. Kein "Vielsag" nicht nüchtern, man ich meine nun nicht ohne Alkohol, sondern prägnant. Man spürt die Hoffnungslosigkeit. Sehr viel Melancholie! Ich lese gerne Tauriges, Düsteres manchmal auch "Chaotisches".

Liebe Grüße sy