Autor Thema: Zärtliches Ahnen  (Gelesen 5512 mal)

Erich Kykal

Zärtliches Ahnen
« am: Juli 24, 2022, 10:31:54 »
Die Morgennebel steigen aus den Teichen
und werden, was sich alle Tage regt,
dem Herzen sich, das schöne Bilder hegt,
enthüllen wie ein Wunder ohnegleichen.

Ich fühle meines Sommers Zeit verstreichen,
doch nicht mehr viel, was weiter sich bewegt,
da sich ein Schatten über alles legt
in mir, wenn sich die Tage weiterreichen.

Die Welt wird ohne mich sich weiterdrehen,
das Herz der tiefer Schauenden erweichen,
und keiner mag den wahren Grund verstehen,

warum wir sind und dennoch gehen müssen.
Wir dürfen zärtlich um ein Ahnen schleichen
und sehnen, wo uns große Träume küssen.
« Letzte Änderung: Juli 05, 2023, 18:39:05 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Zärtliches Ahnen
« Antwort #1 am: Juli 03, 2023, 00:14:25 »
Lieber Erich,

eine sehr kostbar verpackte Reflexion.

Der Morgennebel als ein Offenbarender und dazu im Kontrast das eigene Leben, das sich abendlich der Welt verschließt. Dieser Momentaufnahme folgt der Blick über die Grenzen eigenen Lebens und eigener Lebenszeit dorthin, wo andere Erkenntnisse sammeln und angesichts ihrer Grenzen auch nur bis zu Ahnungen und Träumen vorstoßen werden.

Mit Freude gelesen.
Chapeau von g

Erich Kykal

Re: Zärtliches Ahnen
« Antwort #2 am: Juli 05, 2023, 18:41:46 »
Hi Gum!

Das ist vom letzten Jahr - danke, dass du dich der Zeilen angenommen hast!  :)

Eins aus meiner philosophischen Ecke, teils selbstreflektierend, teils akzeptierend, was der Lauf der Welt ist.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

a.c.larin

Re: Zärtliches Ahnen
« Antwort #3 am: November 26, 2023, 08:45:21 »
Lieber Erich,

du hast den Mühlviertler Morgennebel in wunderschön wehmütige Bilder verpackt!
Wien ist heuer von den Novembernebeln großteils verschont geblieben (was ich nicht vermisse) - daher wars mir jetzt ein Genuss, davon zu lesen!

Sei getrost: Nicht nur deine Zeit verstreicht - meine auch. Und ich hab sogar ein paar Jahre Vorsprung!
Das Leben ist eine Gastspielreise!
Deshalb sollten wir interessante Stücke schreiben.(Oder Gedichte!😁)
Denn eines steht fest: Das Publikum will.immer gut unterhalten werden. Und die "Kasperln" unter uns tun das auch!

Lg, larin

Erich Kykal

Re: Zärtliches Ahnen
« Antwort #4 am: November 26, 2023, 13:43:27 »
Hi Larin!

Danke für die motivierenden Worte! In den letzten beiden Jahren ist nicht viel von mir gekommen, verglichen mit früherem lyrischem Fleiß. Ich gelobe Besseung.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Emilie

Re: Zärtliches Ahnen
« Antwort #5 am: Dezember 19, 2023, 09:50:56 »
Hallo Erich,

Dein Sonett ist ein eindrucksvolles Beispiel für lyrische Dichtung, das sowohl durch seine kunstvolle Struktur als auch durch seine emotionale Tiefe und thematische Reichhaltigkeit besticht. Es regt zum Nachdenken an und lässt Raum für persönliche Interpretationen, was es zu einer schönen Literatur macht. Mir gefällt auch die thematische Vermischung. Zeit und Vergänlichkeit, Sehnsucht und Träume, Introspektion und Fragen der Wirklichkeit.

Die Erde dreht sich zwar nach unserem Ableben weiter, ich glaube aber daran, dass die Erde sich etwas anders weiterdreht.

E.!

Erich Kykal

Re: Zärtliches Ahnen
« Antwort #6 am: Dezember 19, 2023, 20:04:24 »
Hi Em!

Du denkst da wohl an ein komplettes Austerben unserer gesamten Art. Ich dachte beim Schreiben an mein eigenes, individuelles Ableben, unsere bedauerliche Sterblichkeit.

Wenn ich sterbe, wird sich die Welt nicht anders 'weiterdrehen', dazu ist der Eidfluss von Einzelindividuen viel zu gering, wenn man von gewissen Schlüsselpersonen mal absieht, von denen allerdings keine in unserem näheren Umkreis wirkt.

Es ist ein Lamento, denn eigentlich ist unsere Sterblichkeit wissenschaftlich längst begründet und erklärt: Wir müssen für kommende Generationen Platz machen, damit es genetische Evolution geben kann, die der Art erlaubt, sich an Veränderungen anzupassen und so das Überleben zu gewährleisten. Genetisches Potential steht jederzeit über dem Erfahrungsschatz des Einzelindividuums, dessen Verlust im Ganzen betrachtet jederzeit verschmerzbar ist - zum Leidwesen jener, die damit verscheiden.

Damit ist rein wissenschaftlich klar, warum wir sterben: Um als Art anpassungsfähig zu bleiben. Das Individuum und sein Erfahrungsschatz zählen nur für seine eigene Existenz, aber Lebensumstände ändern sich mit den Umweltbedingungen. Außer uns verfügt keine Art über ein hochintelligentes, selbstrefektierendes Bewusstsein, oder bestenfalls rudimentär, und ich bin mir nicht einmal ganz sicher, ob das auf die gesamte Menschheit zutrifft. Also muss es Mutation geben, Evolution, damit sich Arten anpassen und überleben, selbst wenn sie hinterher andere Arten sind.

Wir Menschen sind heute die Ausnahme von der entwicklungsgeschichtlichen Regel, darum kränkt unsere Sterblichkeit uns auch so sehr - sie ist aus unserer Perspektive evolutionär überflüssig geworden. Unser Intellekt, unsere Erfahrungen, unsere Erinnerungen - die sollten gelten, nicht unsere blinden Gene in zufälliger Kombination für eine Zukunft, die wir nie erleben werden. Wir stellen das Individuum über die Masse der Art - nun ja, außer wir wurden politisch oder religiös indoktriniert und zu einem Ameisenstaat degradiert. Einzelpersonen an der Macht, ob Diktatoren oder eines behaupteten Gottes selbsternannte Sprachrohre, haben nur höchst selten Gutes bewirkt ...
Nun, im großen Rahmen ist das ohnehin einerlei.


LG, eKy
« Letzte Änderung: Februar 18, 2026, 10:49:58 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.