Liebe Cyparis,
ja, du kennst den Hintergrund.
Wie aus dem Text ersichtlich wird, genießt der Missetäter meine Sympathie (die auf Gegenseitigkeit beruht) und es fiele mir wirklich schwer, die Brücken abzubrechen. Heute hatten wir eine Aussprache, zu der ich ihm am Anfang das Gedicht überreichte. Er hat mir in die Hand versprochen, dass so etwas nie wieder vorkommt. Ich habe ihm eine Chance eingeräumt, denn er hat mich noch nie belogen.
So oder so werde ich das Gedicht nicht öffentlich vortragen, zumindest nicht in Berlin. Denn in den Kreisen, in denen ich lese, ist er bekannt und ich möchte ihn nicht kompromittieren.
Lieben Gruß
Jenny
***
Hi Erich,
du hast es richtig erkannt.
Es handelt sich um einen jungen Künstler. Seit beinahe zwei Jahren sind wir eng befreundet. Zwar ist er recht exzentrisch, aber das war ich in seinem Alter auch und kann darüber lächeln.
Früher gehörte er zum Kreis des Kunsthauses Tacheles. Durch die endgültige Schließung verlor er die Orientierung. Von ein paar Ausstellungen abgesehen ist es diesem begabten Menschen bisher nicht gelungen, auf sich allein gestellt Fuß zu fassen. Ich hoffe, dass der frühere Vorsitzende des Tacheles-Vereins (der übrigens auch aus dem Mühlviertel stammt) ihn bei seinen Bestrebungen nach Kräften unterstützt.
Leider kam es neulich zu einem unschönen Vorfall, einem Diebstahl in meinem Wohnumfeld. Ich hoffe, unsere Aussprache war ihm eine Warnung. Ihm ist jetzt klar, dass eine weitere Verfehlung das Ende unserer Freundschaft zur Folge hätte.
Zu deinen Fragen:
Durch den Mauerbau geriet Berlin-Kreuzberg in eine Randlage. Der östliche Teil Kreuzbergs wird seitdem umgangssprachlich nach dem früheren Postzustellbezirk SO 36 (Süd-Ost 36) genannt.
Mit der Vermummung und dem Klopapier hat es folgende Bewandtnis: Ein Freund, der queere Kulturveranstaltungen organisiert, bat mich, anlässlich der feierlichen Toiletteneröffnung einer Kreuzberger Bar ein passendes Gedicht vorzutragen. Zufällig hatte ich eines in petto, nämlich „Popopoetisch“*, ein albernes Gedicht, das ich seinerzeit aus Protest bei dotcom gepostet hatte, weil dort gerade Fäkalgedichte in Mode waren. Außerdem gab es diverse Performances. So bügelte mein junger Freund mit einer Motorradmaske über dem Kopf Klopapier. Weil er von meinem Gedicht sehr angetan war, machte er mir ein Kompliment und überreichte mir galant ein frisch gebügeltes Blatt. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Lieben Gruß
Jenny
* Popopoetisch
Oh, wie bin ich froh!
Sitz mit dem Popo
morgens auf dem Klo
und sonst nirgendwo.
Brauche keinen Gin,
keine Medizin,
halt den Becher hin,
trinke mein Urin.
Steck das Fingerlein
in die Muschi rein,
fühl mich nicht allein,
ei, wie ist das fein.
Aus dem Popo nackt
wird ne Wurst gekackt,
welche abgehackt
in die Schüssel sackt.
Auf das Klopapier
schreib ich voller Zier
Reime, Stücker vier,
die verehr ich dir.
Durch die Morgenluft
zieht besondrer Duft,
welcher erst verpufft,
wenn die Pflicht mich ruft.
Und der Kritikus,
dankbar für den Stuss,
drückt auf den Anus
mir nen dicken Kuss.