Autor Thema: Kleiner Bruder  (Gelesen 2490 mal)

Seeräuber-Jenny

Kleiner Bruder
« am: Juni 26, 2013, 06:11:06 »
In der Nacht, als ich dich sah,
warst du mir sofort ganz nah
dort in Esso Sechsunddreißig.
Trugst ne Maske vorm Gesicht,
drum erkannte ich dich nicht,
doch ich merkte, du warst fleißig.

Las das Klogedicht voll Witz,
deine Ohren wurden spitz
und du fandest es gelungen.
Bügeltest zum Dank dafür
mir ein Stückchen Klopapier,
hast damit mein Herz bezwungen.

Kamst schon bald zu mir nach Haus,
mit der Ruhe war es aus
und es wackelten die Wände.
Trieb mich oft bei euch herum
zwischen Kunst und Bassgebrumm
auf dem Tachelesgelände.

Tanzen ging ich nicht allein,
kam in alle Läden rein,
weil die Türsteher dich kannten.
Und in Hamburg, voller Wut,
jagten wir die braune Brut,
als die Müllcontainer brannten.

Ach, wir haben manche Nacht
mit Gesprächen zugebracht
und auch Tränen sind geflossen.
Aßen Reis und sogar Schwein,
denn der Hunger trieb es rein,
trotzdem haben wir’s genossen.

Das war eine schöne Zeit!
Alle sahn uns nur zu zweit,
denn du warst mein kleiner Bruder.
Hat dich jemand schlecht gemacht,
habe ich ihn ausgelacht,
war ja selber mal ein Luder.

Bis zu dem Vertrauensbruch.
Wie ich diesen Tag verfluch
und auch deine langen Finger!
Hab es dir vorher gesagt,
trotzdem nahmst du ungefragt
vor der Haustür diese Dinger.

Seitdem komm ich nicht zur Ruh,
mache kaum ein Auge zu.
Oh, wie graut es mir vor morgen!
Sag ich dir, es ist vorbei?
Du bist mir nicht einerlei.
Kleiner Bruder, große Sorgen.
« Letzte Änderung: Juni 26, 2013, 16:16:20 von Seeräuber-Jenny »
Ideale sind wie Sterne. Wir erreichen sie niemals, aber wie die
Seefahrer auf dem Meer richten wir unseren Kurs nach ihnen.
Carl Schurz

cyparis

Re:Kleiner Bruder
« Antwort #1 am: Juni 26, 2013, 13:09:05 »
Liebe Seeräuber-Jenny -


ich kenne andeutungsweise den Hintergrund, falls ich mich nicht irre.
Da ist Dir ein außergewöhnlich gutes Gedicht gelungen!
(Wirst Du es vortragen?)
Der Widerstreit der Gefühle wird ebenso deutlich wie es der Kummer, die sorge und die Enttäuschung werden.
Sehr intensiv. Packend!

Ich habe es gebannt gelesen.

Herzliche Grüße
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Kleiner Bruder
« Antwort #2 am: Juni 26, 2013, 16:25:20 »
Hi, Jenny!

Ich kann natürlich nicht wie Cypi eine Geschichte damit verbinden, es sei denn, du erzählst sie weniger kryptisch als in dem obigen Gedicht. ;)

Ich deute mal so: Das Lyrich lernte einen jungen Obdachlosen/Hippie/Alternativen kennen, verbrachte Zeit auf dem Gelände der Künstlerkommune, der er angehörte, bis er das Lyrich oder jemanden bestahl.

Fragen:
Was ist "Esso 36"?
Vermummt - eine Demo?
WER schrieb/las nun das "Klogedicht"?
Was ist mit dem gebügelten Klopapier gemeint?

Ansonsten sehr gern gelesen!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Seeräuber-Jenny

Re:Kleiner Bruder
« Antwort #3 am: Juni 27, 2013, 00:49:39 »
Liebe Cyparis,

ja, du kennst den Hintergrund.

Wie aus dem Text ersichtlich wird, genießt der Missetäter meine Sympathie (die auf Gegenseitigkeit beruht) und es fiele mir wirklich schwer, die Brücken abzubrechen. Heute hatten wir eine Aussprache, zu der ich ihm am Anfang das Gedicht überreichte. Er hat mir in die Hand versprochen, dass so etwas nie wieder vorkommt. Ich habe ihm eine Chance eingeräumt, denn er hat mich noch nie belogen.

So oder so werde ich das Gedicht nicht öffentlich vortragen, zumindest nicht in Berlin. Denn in den Kreisen, in denen ich lese, ist er bekannt und ich möchte ihn nicht kompromittieren.

Lieben Gruß
Jenny

***

Hi Erich,

du hast es richtig erkannt.

Es handelt sich um einen jungen Künstler. Seit beinahe zwei Jahren sind wir eng befreundet. Zwar ist er recht exzentrisch, aber das war ich in seinem Alter auch und kann darüber lächeln.

Früher gehörte er zum Kreis des Kunsthauses Tacheles. Durch die endgültige Schließung verlor er die Orientierung. Von ein paar Ausstellungen abgesehen ist es diesem begabten Menschen bisher nicht gelungen, auf sich allein gestellt Fuß zu fassen. Ich hoffe, dass der frühere Vorsitzende des Tacheles-Vereins (der übrigens auch aus dem Mühlviertel stammt) ihn bei seinen Bestrebungen nach Kräften unterstützt.

Leider kam es neulich zu einem unschönen Vorfall, einem Diebstahl in meinem Wohnumfeld. Ich hoffe, unsere Aussprache war ihm eine Warnung. Ihm ist jetzt klar, dass eine weitere Verfehlung das Ende unserer Freundschaft zur Folge hätte.

Zu deinen Fragen:

Durch den Mauerbau geriet Berlin-Kreuzberg in eine Randlage. Der östliche Teil Kreuzbergs wird seitdem umgangssprachlich nach dem früheren Postzustellbezirk SO 36 (Süd-Ost 36) genannt.

Mit der Vermummung und dem Klopapier hat es folgende Bewandtnis: Ein Freund, der queere Kulturveranstaltungen organisiert, bat mich, anlässlich der feierlichen Toiletteneröffnung einer Kreuzberger Bar ein passendes Gedicht vorzutragen. Zufällig hatte ich eines in petto, nämlich „Popopoetisch“*, ein albernes Gedicht, das ich seinerzeit aus Protest bei dotcom gepostet hatte, weil dort gerade Fäkalgedichte in Mode waren. Außerdem gab es diverse Performances. So bügelte mein junger Freund mit einer Motorradmaske über dem Kopf Klopapier. Weil er von meinem Gedicht sehr angetan war, machte er mir ein Kompliment und überreichte mir galant ein frisch gebügeltes Blatt. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Lieben Gruß
Jenny

* Popopoetisch

Oh, wie bin ich froh!
Sitz mit dem Popo
morgens auf dem Klo
und sonst nirgendwo.

Brauche keinen Gin,
keine Medizin,
halt den Becher hin,
trinke mein Urin.

Steck das Fingerlein
in die Muschi rein,
fühl mich nicht allein,
ei, wie ist das fein.

Aus dem Popo nackt
wird ne Wurst gekackt,
welche abgehackt
in die Schüssel sackt.

Auf das Klopapier
schreib ich voller Zier
Reime, Stücker vier,
die verehr ich dir.

Durch die Morgenluft
zieht besondrer Duft,
welcher erst verpufft,
wenn die Pflicht mich ruft.

Und der Kritikus,
dankbar für den Stuss,
drückt auf den Anus
mir nen dicken Kuss.
« Letzte Änderung: Juni 27, 2013, 01:06:03 von Seeräuber-Jenny »
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Carl Schurz

Erich Kykal

Re:Kleiner Bruder
« Antwort #4 am: Juni 27, 2013, 08:30:03 »
Hi, Jenny!

Aha - so wird alles verständlich! Vielen Dank für die Ausführungen! :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Daisy

Re:Kleiner Bruder
« Antwort #5 am: Juni 27, 2013, 14:52:19 »
Liebe Seeräuber-Jenny,

durch deine erklärenden Ausführungen werden die Hintergründe deutlich und das beeindruckende Gedicht insgesamt verständlich.
Es ist sehr eindringlich und berührend und ich kann recht gut nachempfinden, dass die Sorgen um den Freund, den kleinen Bruder groß sind.

Sehr gern gelesen!

Lieben Gruß von
Daisy

Seeräuber-Jenny

Re:Kleiner Bruder
« Antwort #6 am: Juni 27, 2013, 16:51:23 »
Lieber Erich,
liebe Daisy,

ja, diese Ausführungen waren notwendig, um die Hintergründe des Gedichtes zu erhellen.

Darum bin ich dir dankbar, lieber Erich, dass du nachgefragt hast.

Auch dir herzlichen Dank, liebe Daisy, für deinen einfühlsamen Beitrag. Ich hoffe, dass es mir gemeinsam mit seinen Freunden (den richtigen) gelingt, das verirrte Schäfchen auf den Weg zu Glanz und Ruhm zu führen. Denn wir wissen, dass er ein großes Talent ist und dass sich hinter der düsteren Maske eine schöne Seele verbirgt. Und wenn wir ihm helfen könnten, sein chaotisches Leben in den Griff zu bekommen, dann wäre das auch schon ein beachtlicher Erfolg. Nächste Woche sind seine Mutter und seine Großmutter bei mir zu Gast. Ich denke, dieser Rückhalt wird ihm gut tun.

Liebe Grüße
Seeräuber-Jenny
« Letzte Änderung: Juni 27, 2013, 16:55:42 von Seeräuber-Jenny »
Ideale sind wie Sterne. Wir erreichen sie niemals, aber wie die
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Carl Schurz