Autor Thema: Abseite  (Gelesen 3795 mal)

Erich Kykal

Abseite
« am: April 01, 2014, 21:29:43 »
Der Hinterhof sah auch schon bessre Tage,
die Wände, die ihm drohen, sind befallen
von schwarzem Ruß und Moder. Über allen
verlieren Schatten sich in kleinen Räumen,
die hinter schmalen Fenstern davon träumen,
bewohnt zu sein - und keine bange Frage.

Die gilbende Gardine auf der Leine
bewegt ein Wind, und wie enttäuschtes Sehnen
scheint sich die faltige Gestalt zu dehnen
in eine Stille, die nichts kennt und achtet
und nur das karge Bildnis überfrachtet,
das sie beschließt, so wie der Tod das Seine.

In ausgewitterten Kaninchenställen
verdämmern kleine Nager ihre Tage
erschreckend unbelastet von der Frage,
ob Sommerwiesen wirklich existieren,
und ob sie dieses Dasein bald verlieren,
verbleibt ein Urteil, welches andre fällen.

Das Büschel Gras gleich neben einer Tonne
für Altpapier wirkt staubig und verloren,
so schuldlos in die Dämmerwelt geboren,
doch zäh aus seiner Kruste sich erhebend,
nach Leben gierend, täglich überlebend -
und immer träumend von der fernen Sonne.
« Letzte Änderung: April 03, 2014, 20:01:27 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Abseite
« Antwort #1 am: April 01, 2014, 21:57:53 »
Ich komme mit meinem Kommentar, wenn sich der Kloß im Hals aufgelöst hat.
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Ingo Baumgartner

Re:Abseite
« Antwort #2 am: April 02, 2014, 12:23:18 »
Einfach schön - und wie cyparis andeutet, sehr nachdenklich machend. LG Ingo

Erich Kykal

Re:Abseite
« Antwort #3 am: April 02, 2014, 12:58:34 »
Hi, Cypi, Ingo!

Jede Strophe ist zugleich Beschreibung des Hinterhofes UND ein Gleichnis:

S1 - beschreibt die Träume der Menschen, versinnbildlicht durch die kleinen Räume, die sie bewohnen. Was für diese Räume bedeutet, bewohnt zu sein, ist für die Menschen, Sinn und Ziel im Leben zu haben.

S2 - beschreibt die Enttäuschung, die Selbstaufgabe, das Vegetieren von Menschen hinter diesen Mauern, versinnbildlicht durch die schlaffe Gardine auf der Wäscheleine.

S3 - Die Kaninchen stehen für die Fremdbestimmtheit, die Abhängigkeit der Menschen in der Stadt,wo sie leben wie - eben Kaninchen in Käfigen und Freiheit schon gar nicht mehr vermissen.

S4 - beschreibt das zähe Ringen um Leben, das Hoffen auf Besserung der Lage, auf Glück und Erfüllung trotz aller Fährnisse, versinnbildlicht durch das ärmliche Büschel Gras, das nicht aufgibt.

So spiegelt sich das Leben und Weben der Menschen in diesem Hinterhofbild.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Abseite
« Antwort #4 am: April 02, 2014, 13:16:44 »
Lieber Erich -

Deine Erklärungen mögen für das Verdtädnis hilfreich sein.
Im Grunde mag ich es nicht, wenn ein Poet seine Gedichte "aufbereitet" - das hemmt möglicherweise des
Lesers eigene Imagination.
Auch wenn Deine und meine Gedankenbilder nicht deckungsgleich sein mögen -
was tut es bei einem so schönen Gedicht?

Der Kloß im Hals hat sich aufgelöst.
So bleibt mir nur noch zu sagen, wie angerührt ich von diesem Gedicht bin, das mir nicht nur die Vergänglichkeit aller Materie vor Augen führt.
Deine Dichtkunst noch und noch und noch zu loben -
fast schnöder Tand!


Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
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copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Abseite
« Antwort #5 am: April 02, 2014, 13:55:44 »
Hi, Cypi!

Ich gebe solche Erklärungen nur, wenn ich fürchte, dass vielleicht niemand meine Intention durchschaut oder erkennt, also nicht gleich meckern! ;) :D

Vielen Dank für den schnöden Tand! ;) :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Daisy

Re:Abseite
« Antwort #6 am: April 06, 2014, 12:32:06 »
Hallo Erich,

hier finde ich in jeder einzelnen Strophe, in beeindruckender Weise dargestellte, verschiedene Lebensumstände, die schließlich ein tolles Gesamtbild ergeben!

Sprachlich und melodisch natürlich wie immer perfekt, was durch die durchgehenden weiblichen Kadenzen noch unterstrichen wird!

Ein weiteres Gedicht, das nur großes Lob verdient!

LG Daisy

Erich Kykal

Re:Abseite
« Antwort #7 am: April 06, 2014, 13:19:34 »
Hi, Daisy!

Da denke ich noch an die Hinterhöfe meiner Kindheit: Diese rußigen, staubigen, zuasphaltierten oder wellig gepflasterten Lichthöfe, oder die etwas größeren mit Grasfleck und Wäscheleinen, oft mit dazugebauten Holzverschlägen oder kleinen Schuppen, die sich an die tristen Wände schmiegten, für allerlei Gerät oder Hobbies. Eigentlich ein bloßer Nutzraum ohne Idee der Wohnlichkeit dahinter, aber eben doch mit eigenem Charme, eigener Seele. Diese kleinen Räume boten ein verblüffendes Spiegelbild des städtischen Lebens, waren Teil der Stadt und doch irgendwie davon getrennt, eigenständige Enklaven, Fluchtpunkte vor Getriebe und Hektik auf den Straßen an der Außenseite der Gebäude. In meinen Ohren klingen noch das Vogelgezwitscher, das Taubengurren, das Rauschen in den vereinzelten zwergwüchsigen Bäumchen, das Kindergeschrei oder Weinen, das Klappern der Töpfe hinter offenen Küchenfenstern, der Duft nach Mittag in vielerlei Essensgerüchen, usw....

Heutzutage sehen die Hinterhöfe anders aus: Geradliniger, betonierter, aufgeräumter irgendwie. Flair und Charme der alten "Abseiten" ging vielerorts verloren.

Vielen Dank für deinen Kommi!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re:Abseite
« Antwort #8 am: April 06, 2014, 18:23:43 »
Hallo Erich,

ich kann mich leider nur sehr knapp äußern. Das Gedicht gefällt mir außerordentlich gut. Die Atmosphäre ist wunderbar beschrieben und auch deine Prosabotschaft an Daisy ist Literatur. Ich wüsste nicht, wo ich dergleichen hohe Qualität sonst noch in Gedichten der Gegenwartsliteratur fände.

LG gummibaum
« Letzte Änderung: April 06, 2014, 18:28:46 von gummibaum »

Erich Kykal

Re:Abseite
« Antwort #9 am: April 06, 2014, 20:52:59 »
Hi, Gum!

Na, da wollen wir doch mal die Kirche im Dorf lassen! :D Natürlich freut mich so ein überschwängliches Lob, indes - ich kann es nicht mit mir in Übereinstimmung bringen: Zu gewaltig erscheint mir dein Superlativ, wie zu große Schuhe, in denen ich nicht gehen kann. Aber dennoch ein ganz liebes Dankeschön für den Augenblick, das Geschenk der Illusion, sie könnten mir tatsächlich passen... ;D ;)

LG, eKy
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Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Abseite
« Antwort #10 am: April 07, 2014, 20:58:44 »
Erich -


stell Dein Licht nicht schon wieder unter den Scheffel.
Laß Dir einfach gerechterweise den Bauch pinseln! ;)
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Abseite
« Antwort #11 am: April 07, 2014, 21:56:32 »
Wozu einen Scheffel? Für mein Lichtlein genügt ein Fingerhut! ;)
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.