Autor Thema: Im Café  (Gelesen 1561 mal)

Erich Kykal

Im Café
« am: August 30, 2014, 11:37:01 »
Der alte Mann rührt schweigend in der Tasse
und nimmt ein kleines Schlückchen dann und wann.
Er wirkt dabei, als ob er kaum mehr fasse,
was er an Welt um sich begreifen kann.

Das Lautgewirr aus einem Dutzend Mündern,
es plätschert träge an sein müdes Lauschen.
Was immer zwischen Seligen und Sündern
die Lippen sich versagen oder tauschen,

er nimmt es an, sich darin zu verlieren.
Gleich einer Puppe, die kein Kind mehr achtet,
so baumelt seine Seele in den Schlieren
begonnener Gespräche wie umnachtet.

Die Menschen strömen rege durch die Gasse
vor dem Café, das Paar am Tisch daneben
kommt überein, dass man sich scheiden lasse -
um ihn herum pulsiert das pralle Leben.

Der alte Mann rührt schweigend in der Tasse
und nimmt ein kleines Schlückchen hin und wieder.
Ein Ruhender in ruheloser Masse:
Der stumme Ton in einem Meer der Lieder.
« Letzte Änderung: November 06, 2021, 11:29:07 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re:Im Café
« Antwort #1 am: August 30, 2014, 12:05:06 »
Herrlich, Erich!

Ich sehe alles klar vor mir (und kann mich inzwischen auch schon gut in den Alten versetzen, obwohl ich immer etwas so geartet war). Gut gefällt mir der Wechsel von der Außen- in die Innenperspektive  ("so baumelt...") und zurück und natürlich das Bild "Der stumme Ton" am Ende, das alles auf eine andere (universellere) Ebene transponiert. Lebensnah und doch das Alltägliche einmal mehr viel tiefer beleuchtend.

Wünsche dir einen schönen Tag.

Begeistert
gummibaum

Erich Kykal

Re:Im Café
« Antwort #2 am: August 30, 2014, 12:12:02 »
Hi, Gum!

Vielen Dank für die Blumen! :D

Inspiration war das bekannte Kaffeehaus-Gedicht von Erich Kästner, allerdings in abgewandelter Form. Es klingt noch leicht an beim Paar am Nebentisch, das beschließt, sich scheiden zu lassen: In meiner Vorstellung war dies das Paar aus dem Kästnergedicht (auch wenn dieses dort schwieg), und ich beschrieb sozusagen einen Nebenschauplatz davon. ;D

Hier (zum Vergleich) das Kästnergedicht:

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
 
Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.
 
Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.
 
Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.


LG, eKy
« Letzte Änderung: August 31, 2014, 14:56:30 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Daisy

Re:Im Café
« Antwort #3 am: August 30, 2014, 18:31:35 »
Hallo Erich,

besonders treffende und gelungene Beobachtung und bis in die tiefsten Tiefen sehr feinfühlig nachempfunden!

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich bei Kaffeehausbesuchen sehr oft ähnliche Beobachtungen machen konnte
und vielleicht denken andere Besucher ebenso von mir, wenn ich manchmal ganz allein an einem Tisch sitze und in der Tasse rühre.  ;)

Gefällt mir unglaublich gut!

LG Daisy

gummibaum

Re:Im Café
« Antwort #4 am: August 30, 2014, 19:51:18 »
Die "Sachliche Romanze" lässt ja umgekehrt die Außenwelt plötzlich dauernd eindringen, um die abgerissene Verbindung zwischen den beiden zu zeigen und takelt mit "sachlichen" Ausdrücken ("kam abhanden") die "Romanze" schmerzhaft ab. Da wirkt dein Gedicht, obwohl es ebenfalls die Unverbundenheit zweier Welten in nächster Nähe, Lieblosigkeit und Einsamkeit ("gleich einer Puppe...") zeigt, wärmer - wird doch das Innenleben des Alten zum Thema und mildern poetische Wendungen die Härte der Wahrheit.

Danke, dass du mir Hintergründe des Gedichts geöffnet hast, Erich.

LG gummibaum 

   

Erich Kykal

Re:Im Café
« Antwort #5 am: August 30, 2014, 20:25:39 »
Hi, Daisy!

Auch ich habe solche Leute im Kaffeehaus beobachtet - oder erweckte womöglich selbst einen solchen Eindruck! ;)

Als ich das Gedicht zu schreiben begann, stieg das alte Kästnergedicht die Erinnerungsleiter hoch - es klingt wie gesagt in der Szene mit dem Paar am Nebentisch durch. Diese Zeile hab ich noch geändert, jetzt wollen sie sich nur noch scheiden lassen - ohne Hass. Das unterstreicht die Parallele.

Hi, Gum!

Da hast du für mich sehr vorteilhafte Worte für den Vergleich der Werke gefunden! Vielen Dank dafür! Dennoch wage ich die Behauptung, dass meine Zeilen das Werk von Kästner wohl kaum überflügeln werden. Ihm fehlt das ganz und gar Lakonische und damit die Diskrepanz zum - damals - klassischen (meist pathetisch-schmalzigen) Beziehungsgedicht, das den Erfolg jenes Gedichtes ausmacht. Mein Gedicht ist eher eine philosophisch angehauchte Sozialstudie, eine Momentaufnahme innerhalb und außerhalb eines Gemüts.


LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Im Café
« Antwort #6 am: August 31, 2014, 11:01:49 »
Lieber Erich Kykal -


im Gegensatz zu Dir mag ich Erich Kästners "sachliche Lyrik" überhaupt nicht.
Der ewig gleiche, leiernde Duktus - nichts für Mutters Jüngstes.
Da lobe ich mir Deine Betrachtung, auch wenn ich mich in den Rührenden nicht unmittelbar hineinversetzen kann.
Ich sitze auch hin und wieder - aber das Außenrum geht buchstäblich an mir vorbei, es sei denn, ich erblicke ein interessantes Gesicht, das mich zum Grübeln verleitet.
Da mache ich mir gerne Gedanken.

Die "baumelnde Seele" spricht mich nicht an; die meine empfinde ich als festverankert.

So, genug drumherum:
Habs gern gelesen. Als etwas Fremdes.


Fernen Gruß
vom
nahen Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Im Café
« Antwort #7 am: August 31, 2014, 14:57:50 »
HI, Cypi!

Das mit dem "leiernden Duktus" beim Kästnergedicht kann ich nicht nachvollziehen, aber sei's drum, das empfindet wohl jeder anders.

Vielen Dank für deine Gedanken zum "Café"! :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.