Autor Thema: Stahlgewitter  (Gelesen 1988 mal)

cyparis

Stahlgewitter
« am: Februar 01, 2015, 23:40:24 »
Ich franse am violettgelben Himmel
und lauf dem ernsten Jünger  als Jünger nach
in seinen Erdbeerschampusschimmel,
ich pinsle seine - hach! - Horizonte wach.

Ich schau in diese spektralen Lichte
mit meiner Coldflower in der edlen Hand.
Ich schreibe nicht, ich dichte!
Ich bin dem Jünger so verwandt!

Ich schreite über Marmorklippen,
ich kämme Farben über meine Augen.
Sie bleiben braun wie alte Käfer.

Ich bin der edlen Herde Schäfer!
Ich, dem oberste Genüsse taugen,
weiß von diesem Feuerwerk zu nippen!





01. Februar 2015
« Letzte Änderung: Februar 02, 2015, 21:01:27 von cyparis »
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Curd Belesos

Re:Stahlgewitter
« Antwort #1 am: Februar 02, 2015, 00:29:01 »
Guten Morgen liebe Cyparis,

ein etwas ungewöhnliches Gedicht, mit ungewöhnlichen Verslängen.

Zitat
Ich, als des GenussesOberstTaugen
weiß, von diesem Feuerwerk zu nippen!

..............doch weiß ich nicht, worauf soll ich denn tippen  ???

eine fragenden Morgengruß für dich

von Curd


Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

cyparis

Re:Stahlgewitter
« Antwort #2 am: Februar 02, 2015, 10:05:57 »
Auf den unsäglich faschistischen und selbstverliebten Ernst Jünger. ;)
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re:Stahlgewitter
« Antwort #3 am: Februar 02, 2015, 17:52:14 »
Hi, Cypi!

Ein paar Kleinigkeiten:

Ich franse am violettogelben Himmel Ist das "o" mitten in "violettgelb" gewollt?
und lauf dem ernsten Jünger  als Jünger nach Eine Leerstelle zuviel nach dem "ernsten Jünger".
in seinen Erbeerschampusschimmel, Der "Erdbeere" fehlt was! Und ist nicht eher ein Himmel gemeint als ein Schimmel?
ich pinsle seine - hach! - Horizonte wach.

Ich schau in diese spektralen Lichte Müsste es nicht "Lichter" heißen?
mit meiner Coldflower in der edlen Hand.
Ich schreibe nicht, ich dichte!
Ich bin dem Jünger so verwandt!

Ich schreite über Marmorklippen,
ich kämme Farben über meine Augen.
Sie bleiben braun wie alte Käfer.

Ich bin der edlen Herde Schäfer!
Ich, als des GenussesOberstTaugen Mit dieser Wortschöpfung kann ich nichts anfangen - das ist ZU schräg!
weiß, von diesem Feuerwerk zu nippen! Kein Komma nach "weiß".



Ein sprachlich hochinteressantes Werk! Die leichten metrischen "Schwankungen" will ich hier gar nicht erst behandeln, da hier das Kopfkino, die Sprachhabung so im Vordergrund stehen, dass derlei gar nicht so ins Gewicht fällt.

Meine absolute Lieblingsstelle (höchst gelungen!):

Ich schreite über Marmorklippen,
ich kämme Farben über meine Augen.


Sehr gern gelesen! :)

LG, eKy
« Letzte Änderung: Juni 14, 2020, 12:18:23 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Stahlgewitter
« Antwort #4 am: Februar 02, 2015, 20:59:38 »
Lieber Erich,


zum Glück ist immer Verlaß auf Deinen scharfen Blick.
Hab Dank dafür!

Ernst Jünger, der ja auch ein "berühmter" Entomologe war, ist für mich immer noch ein rotes Tuch.
Er war halt ein richtiger Herrenmensch. ;)
Wer je die Marmorklippen und Stahlgewitter gelesen hat, weiß, was ich meine.
(Verherrlichung des Krieges. Was leicht fällt, wenn man als Off'zier in der Etappe Schampus nippt.)


"Lichte" muß bleiben; gewöhnliche Lichter waren viel zu banal für den Mann.


Lieben Abendgruß
von
Cyparis
« Letzte Änderung: Februar 02, 2015, 21:02:39 von cyparis »
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
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charis

  • Gast
Re:Stahlgewitter
« Antwort #5 am: Februar 02, 2015, 21:57:31 »
Liebe Cyparis,

Mir kommt einiges von aaO bekannt vor, ich bin mir trotzdem
nicht ganz sicher, was du damit sagen willst?

Lieben Gruß
charis

cyparis

Re:Stahlgewitter
« Antwort #6 am: Februar 10, 2015, 12:03:46 »
Liebe charis,


es ist ganz schlicht und einfach eine Satire auf den eitlen Pfau Ernst Jünger - Friede seiner Asche!
Er wurde vor weit über fünfzig Jahren, als er noch an erster Stelle der beliebten und so tollen Schriftsteller stand, von Hans Reimann gnadenlos entkleidet als Kaiser mit den neuen Kleidern.

Daß ihm heute noch Bewunderer huldigen, wie ich kürzlich las, war mein Ansporn. ;)


Herzlichen Gruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Agneta

  • Gast
Re: Stahlgewitter
« Antwort #7 am: Oktober 20, 2018, 11:22:00 »
ohne es nun auf Jünger zu beziehen,dachte ich gleich an braune Truzppen und ihen Anführer, liebe cyparis. Ein ganz ausgezeichnetes Gedicht mit vielen starken Bildern, wo auch Zusammenhönge ganz neu gesetzt werden. Horizonte wach pinseln,Farben über die Augen kämmen.
Siehst mich begeistert, denn grade heutzutage kann man nicht genug gegen braun warnen.
LG von Agneta

hans beislschmidt

Re: Stahlgewitter
« Antwort #8 am: Juni 14, 2020, 11:18:11 »
Wenngleich Anne einiges an Reiz und Ankerwörtern freigelegt hat, folgt das Werk inhaltlich einer Mischung aus Roman, Philosophie und Autobiographie.
Ich nehme mal einiges spekulativ aus dem Zusammenhang, als da wäre ...

* Violettgelber Himmel
* im spektralen Lichte
Beides Begriffe aus dem Roman Stahlgewitter.

*Erdbeerschampusschimmel
Ein Hinweis auf die Schlacht Chambrais in der Champagne.

*Coldflower
Ein altes Tabakaroma ... meint, dass Jünger mit der Zigarette lässig an der Front steht und ihm sein eventueller Tod egal ist.

*Marmorklippen
Roman den wir beide gelesen haben und auch diskutiert haben.

*Herde Schäfer
Handlungsstrang aus den Marmorklippen

*Oberste Genüsse taugen
Elitärer Anspruch eines Überlegenen.

Brauner Käfer
Jünger würde oft als der schwäbische Käfersammler bezeichnet.

+++++

Im Resümee war sie wohl angezogen, wie auch abgestoßen von Jünger aber der Faszination konnte sie sich nicht ganz entziehen (Ich auch nicht).

Was machte die Faszination Ernst Jünger eigentlich aus? Beeindruckend war, neben seiner sprachlichen Brillianz, die Tatsache, dass er viele Male bei tollkühnen Fronteinsätzen sein Leben riskiert hatte. Ich nehme an, dass er deshalb eiskalt und kalkulierend wie ein Spieler war. Schwäche war ihm verhasst und der Glaube, dass nur der Krieg und die damit verbundene Lebensgefahr das Beste in einem Menschen hervorbringen kann, ließ ihn auch diese Gefahr suchen. Das nötigt auch heute noch seinen schärfsten Kritikern Respekt ab.

Schönen Sonntag ... Gruß vom Hans

« Letzte Änderung: Juni 14, 2020, 11:21:34 von hans beislschmidt »
"Wir sind mehr" Hilfe für den aussterbenden Konjunktiv.
.
"Lyrik braucht Straßendreck unter den Fingernägeln" (Thomas Kling)

Erich Kykal

Re: Stahlgewitter
« Antwort #9 am: Juni 14, 2020, 12:24:53 »
Hi Hans!

Ich (literarisch recht unbeleckt, was "hohe Literatur" betrifft) habe diesen Roman nie gelesen, noch sonst was von diesem Herrn Jünger. Meinem obigen Kommi ist dies leicht zu entnehmen, konnte ich mit all den Anspielungen doch so gar nichts anfangen.

Danke für die klare Analye.

Respekt nötigt mir diese Einstellung zu den vorgeblich positiven Charaktererfahrungen von Krieg und Lebensgefahr allerdings keineswegs ab! Eher bemitliede ich die oberflächlichen und geradezu herablassenden Fehlschlüsse dieses offensichtlichen Adrenalinjunkies.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Seeräuber-Jenny

Re: Stahlgewitter
« Antwort #10 am: Juni 14, 2020, 17:15:24 »
Ich kann in Beisls Loblied auf den Nationalisten Ernst Jünger nicht einstimmen. Mag sein, dass - ebenso wie in den Filmen der Leni Riefenstahl - in Jüngers Werken eine gewisse Ästhetik zu finden ist, in den "Stahlgewittern" darauf abzielend, den Krieg zu einer Art grandiosem Naturschauspiel zu verklären.

Aus Cyparis' Gedicht und Beiträgen lese ich keine Faszination heraus. Auch sie wirft ihm die Verherrlichung des Krieges vor. Sie hat seine Selbstherrlichkeit lediglich parodiert.

Ich denke, mit "Erdbeerschampusschimmel" ist "Erdbeerschampushimmel" gemeint, denn sie würde ja nicht "in den ...Schimmel" laufen. Oder etwa doch? ;)
Statt mit Jünger und seinesgleichen wird sie jetzt mit den Bacchantinnen jubeln.

Liebe Grüße
Seeräuber-Jenny
« Letzte Änderung: Juni 14, 2020, 17:32:56 von Seeräuber-Jenny »
Ideale sind wie Sterne. Wir erreichen sie niemals, aber wie die
Seefahrer auf dem Meer richten wir unseren Kurs nach ihnen.
Carl Schurz

hans beislschmidt

Re: Stahlgewitter
« Antwort #11 am: Juni 15, 2020, 09:32:02 »
Ein Loblied anstimmen? Wohl kaum, denn es geht um Ergründung der Persönlichkeit Ernst Jünger und Rückschlüsse auf besagtes Buch.

Enthaltsamkeit bei der Wahl der Mittel anzuwenden, legt eine Mischung aus Erschauern und Entsetzen über das Getane und bringt uns in eine Beugehaft, die uns nicht gestattet den Rest der Welt zu verstehen und mit dem Placebo einer moralischen Entwicklungshilfe zugekleistert wird. Das heißt, wir können Menschen von 1914 gar nicht mehr verstehen, wobei es fraglich ist, ob das überhaupt erstrebenswert ist, vor dem Hintergrund eines Weltkrieges. Oder doch?

Diese und andere Themen haben wir auf der Reise nach Köln lange diskutiert und die ultimative Ratio einer finalen Lösung war ihr weder fremd noch unbegehbar, wie manche vielleicht wissen.

Ein Gedicht über eine künstlerische Form der Darstellung zu machen, erfordert in erster Linie ein gegebenes Interesse am Ursprünglichen und sei es nur durch die Form der Parodie oder Epigramms. Beides keine Bekenntnisse, um hernach bei Dionysos auf dem Tisch zu tanzen, was ich ihr aber gönnen würde.

Nun, wir können nur noch mutmaßen.
Gruß vom Hans
« Letzte Änderung: Juni 15, 2020, 09:36:14 von hans beislschmidt »
"Wir sind mehr" Hilfe für den aussterbenden Konjunktiv.
.
"Lyrik braucht Straßendreck unter den Fingernägeln" (Thomas Kling)