Autor Thema: Die Pubertät (nach E. Munch)  (Gelesen 4822 mal)

gummibaum

Die Pubertät (nach E. Munch)
« am: Februar 28, 2016, 14:49:54 »
Am Bettrand sitzt sie, Augen groß,
als schaue sie Gefahren,
verschränkt die Arme, die den Schoß
wohl vor sich selbst bewahren.

Denn groß erscheint im Hintergrund
ein Zerrbild ihrer Seele.
Mit wüstem Haar und wildem Mund
will es ihr an die Kehle.

Wer ist sie noch? Wer wird sie sein?
Wird man sie lieben, schänden?
Nur Schatten wandern aus und ein, 
die das, was klar war, wenden.


https://image.jimcdn.com/app/cms/image/transf/none/path/sd7af60f36d734020/image/i6438602eca09963b/version/1450284603/image.jpg

(Diesmal kein Sonett zum Bild, da ich weniger Zeit habe.)


« Letzte Änderung: Februar 28, 2016, 16:29:06 von gummibaum »

Erich Kykal

Re: Die Pubertät (nach E. Munch)
« Antwort #1 am: Februar 28, 2016, 15:56:31 »
Hi, Gum!

Du Schurke :o! Auch ich hatte das Bild ausgewählt (Wenn du zu "lyrikern.de", "Feste Formen", "Lautere Lyrik, Teil 2" gehst, wirst du den Link schon vorbereitet finden), um es zu bedichten - und du kommst mir zuvor! ;)

Sehr gelungen - ich wollte in dieselbe Richtung interpretieren! ::)

Seufzende Grüße, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Die Pubertät (nach E. Munch)
« Antwort #2 am: Februar 28, 2016, 16:40:16 »
Tut mir leid, Erich. Ich habe gestern dein Gedicht 61 über Munchs Bild gelesen. So war ich angeregt, den von mir geschätzten Maler als nächsten zu wählen. Im übrigen wäre ein Gedicht von dir zum gleichen Bild selbst bei ähnlicher Interpretation noch immer etwas lesenswert Neues.

LG gummibaum

cyparis

Re: Die Pubertät (nach E. Munch)
« Antwort #3 am: April 12, 2016, 09:42:06 »
Kongenial, lieber gummibaum,

 und in meinen Augen wieder besser als das Gemälde von Munch, den ich weitaus weniger schätze als Du.
Die letzte Zeile in der ersten Strophe leuchtet mir nicht ganz ein, denn für mich ist diese natürliche Geste allen Mädchen und Frauen immament, die ihren Schoß vor fremden Blicken (oder Berührungen) schützen wollen.

Gut, sehr gut!

Lieben Gruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

gummibaum

Re: Die Pubertät (nach E. Munch)
« Antwort #4 am: Mai 21, 2016, 22:19:23 »
Liebe cyparis,

da ich keine Frau bin, habe ich die Geste anders gedeutet. Als Schützen des Schoßes vor seinen sexuellen Regungen, deren Erwachen das Mädchen irritiert und in Bedrängnis bringt.

LG g

Agneta

  • Gast
Re: Die Pubertät (nach E. Munch)
« Antwort #5 am: Mai 25, 2016, 13:04:14 »
Ich mag das Bild nicht, Gum.
Auch die Ängstlichkeit in den Augen des nackten Mädchens sehe nich nicht auf die Pubertät bezogen, sondern eher auf das Modell, das sich vor den Zugriffen des Malers fürchtet. Was ja Berichten zufolge wohl oft genug vorkam.
Insofern kann ich auch das Werk nicht nachvollziehen.
Sicherlich ist die Puvertät ein Wandel, aber vor allem ist sie ein Aufbruch in ein Neues, buntes und hoffentlich selbstbestimmtes Leben als Frau.

Ich bin ja selbst eine Frau und hatte auch eine Pubertät. Nein, sie war nicht Angst behaftet, sondern voller Neugier.

Ich frage mich, warum muss der Maler das Mädchen nackt malen, wenn es ihm um Pubertät geht? Hinter dem Schatten der Kunst verbirgt sich oftmals nicht mehr als ein g... Bock mit Pinsel.

Entschuldige, hat ja nichts mit deinem Gedicht direkt zu tun.

LG von Agneta



Curd Belesos

Re: Die Pubertät (nach E. Munch)
« Antwort #6 am: Mai 26, 2016, 00:06:13 »
moin moin gum,

die von Agnetha vorgetragene Sichtweise teile ich.

Da diesmal kein König sie zur Mätresse machen kann, wie bei deinem letzten "Akt-Gedicht", wird sie der Pinselschwinger wohl selber. Das Unbehagen im Gesicht spricht jedenfalls dafür.

Die Ausführung von Cyparis bestärkt mich in meiner Annahme.

Vor fünfzig Jahren wäre ich allerdings deinem Gedanken gefolgt  O0

LG
CB

 
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

gummibaum

Re: Die Pubertät (nach E. Munch)
« Antwort #7 am: Mai 26, 2016, 10:42:28 »
Liebe Agneta,

gut, dass du es anders siehst und deine damalige Neugier auf etwas Neues der von Munch dargestellten Angst entgegenhältst. Ich finde bei psychisch gesunden Jugendlichen auch diese Neugier und ein eher großes Selbstvertrauen.

Möglicherweise hat Munch, der das Bild 1895 malte, etwas im damaligen Bürgertum Typischeres gezeigt. Er war an der neuen Tiefenpsychologie interessiert. Aber der Künstler könnte auch der verklemmte, geile Mann gewesen sein, der unreife Frauen in Opferhaltung begehrte und in dem Schatten eigene Wünsche abbildete.


Lieber Curd, 

danke für dein Unterstützung der Auffassungen von Agneta und cyparis. Ich liege fünfzig Jahre hinter dir zurück.

LG gummibaum

Erich Kykal

Re: Die Pubertät (nach E. Munch)
« Antwort #8 am: Mai 26, 2016, 11:11:50 »
Hi Leue!

Was hier vergessen wird ist das grundsätzlich künstlerische Interesse am Akt an sich. Seit dem Altertum haben sich Memschen ausgezogen, um nackt gemalt zu werden, das ist eine - zumindest in der Kunstszene - tief verankerte Tradition, die nicht primär auf das Sexuelle abzielen muss, nur weil die Modelle unbekleidet sind.
Künstler wollen "unverkleidete" Gefühle einfangen, unverhangen sozusagen und rein, ohne die Ablenkung durch die gesellschaftliche Aussage bestimmter Gewänder, oder sie sind rein anatomisch interessiert, wollen sich an Proportionen des menschlichen Körpers üben.
Die grundsätzliche Unterstellung "geiler" Motive führt für mich zu weit. Natürlich gibt es da schwarze Schafe und Vorkommnisse aller Art, aber ich glaube behaupten zu dürfen, dass das eine ziemliche Minderheit betrifft, gemessen an allen aktmalenden Künstlern der Geschichte!

Wir wissen nicht, was Munch wirklich gedacht hat, als er dies malte, noch was seine treibenden Motive waren, noch was wirklich nach dem Malen passiert ist. Genauso gut kann das Mädchen sich einfach nur wieder angezogen, das kleine Gehalt kassiert haben und gegangen sein. Hier wird mir zu sehr in eine bestimmte Ecke gedacht und der Künstler (oder die Künstler) gleich pauschal mit hineingestellt! Das ist rufschädigend und nicht objektiv.

LG, eKy
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Agneta

  • Gast
Re: Die Pubertät (nach E. Munch)
« Antwort #9 am: Mai 26, 2016, 14:37:14 »
Interpretation von Kunst kann nie objektiv sein, Erich-  selbst, das woran man Kunst und Schrott unterscheidet, ist  nicht objektiv.

Ein Künstler hat es also quasi immer mit "Unterstellungen zu tun", sei es jetzt im interpretativen Lyrik- oder Malbereich.
Wer seine Werke frei gibt für die Öffentlichkeit muss sich als Künstler  genau mit diesen Varianten der Interpretation auseinandersetzen.
Wer es nicht will, der muss seine Werke ins Kämmerlein stellen oder in den Keller.

"Das ist rufschädigend und nicht objektiv."- diese deine Aussage trage ich nicht mit, zumal Werk, egal ob Lyrik oder gemalte Kunst immer auch im Kontext der jeweiligen Gesellschaft "gelesen" werden muss, in der sie entstand.

LG von Agneta

Erich Kykal

Re: Die Pubertät (nach E. Munch)
« Antwort #10 am: November 22, 2020, 17:12:06 »
Hi Agneta!

Das erscheint mir so nicht korrekt. Man darf nicht vom Künstler erwarten, dass er bei jeder Inspiration oder Studie vorher alle möglichen Implikationen oder Deutungsmöglichkeiten seines zukünftigen Werkes durchgeht! Es mag sein, dass viele Bilder ja schon unter der Prämisse geschaffen wurden und werden, einen bestimmten Eindruck erwecken zu sollen, in eine bestimmte Richtung zu zielen und die Gedanken des Beschauers diesbezüglich zu lenken. Antikriegsbilder (zB von Picasso oder Dali) sind ein gutes Beispiel dafür.
Aber nicht alle Kunst will so sein. Manche Werke sind privater, "ehrlicher" beim Erschaffer, und manches, was man heute öffentlich bestaunt, war vom Künstler vielleicht nie zur Publikation gedacht. Aber nach seinem Tod haben andere entschieden.

Aber egal was sie zu sehen bekommt, die Gesellschaft kann entscheiden, WIE sie einen Umstand im Bild wahrnimmt, WAS sie hineininterpretiert. Die Kunst IST erst mal nur, und dem Künstler bestimmte Motive oder Handlungen zu unterstellen, bloß weil man allzu gern "schmutzig" in diese Richtung denkt, oder aufgrund einiger weniger tatsächlicher Fälle zu pauschalisieren und gleich alle Maler in moralische Geiselhaft zu nehmen, halte ich für schlicht oberflächlich ... - aber was sind die meisten Menschen auch je anderes gewesen?  ::) :-\
(Und der letzte Satzteil soll verdeutlichen, wie leicht man in diese Falle subjektiver und/oder selektiver Wahrnehmung geht!  ;) ::))

LG, eKy
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