Autor Thema: Weiter geben  (Gelesen 96 mal)

Agneta

Weiter geben
« am: September 13, 2018, 08:41:04 »
Weiter geben

Es ist, als wäre ich zurückgekehrt
und meine Kinderschuhe stünden an der Pforte
an jenem ruhigen, seelenvollen Orte,
an dem ich Kind sein durfte, glücklich, unbeschwert.

Ich sammelte als Schatz mir Steine in den Feldern,
ich schlief mit Kalb und Ziege auf dem Stroh.
Mit ihnen tollte ich auf Wiesen, lebensfroh
und spielte mit dem Hund in Tannenwäldern.

Ich hatte nichts und hatte doch viel mehr.
Ich hatte euch und meine Welt war düfteschwer.
Es riecht wie damals und nach euch -  ihr fehlt so sehr.

Die Tochter wird mir gleich den Enkel bringen.
Ich will ihn horchen lassen, wie die Gräser singen,
in denen unsre alten Lieder schwingen.

Für meine Eltern und meine Oma

Sufnus

Re: Weiter geben
« Antwort #1 am: September 13, 2018, 12:38:54 »
Ein ganz tolles Sonett, liebe Agneta! Wunderbar gefühlt und gefügt! :)
Der Wechsel von 5- und 6-hebigen Zeilen (ein Trick, den eKy auch schon mal vorgeführt hat, glaube ich) erzeugt einen sehr bewegten, beinahe tänzerischen Rhythmus. In S3Z3 wird das Wechselspiel von 5- und 6-Hebern einmal durchbrochen, was einen Moment der Irritation erzeugt, der sehr gut zum Schmerz passt, der diese Zeile erfüllt. Ich persönlich hätte wahrscheinlich hier eher versucht, das Schema durchzuhalten, aber da es wie gesagt inhaltlich perfekt passt, ist auch der Wechsel im Rhythmus absolut sinnig.
Sehr gerne gelesen! :)
S.

Agneta

Re: Weiter geben
« Antwort #2 am: September 15, 2018, 10:14:02 »
ich bedanke mich für das Lob und freue mich darüber, lieber Sufnus. Ja, die regelmäßigen Heberwechsel sind gewollt und beleben, finde ich.
LG von Agneta

cyparis

Re: Weiter geben
« Antwort #3 am: September 22, 2018, 16:56:12 »
Liebe Agneta,

das ist ein mich besonders berührendes Sonett, obwohl ich vermute, daß Du Einzelkind warst (Geschwister werden nicht erwähnt).
Besonders die Erinnerung an meine geliebte Großmutter versetzt mich in eine Kindheit, die mir schmerzlich fehlt.
In der Schürze fühlte ich mich geborgen, an den Schleifen durfte ich nesteln und nie wurde sie müde an mir.

Dein schönes Gedicht berührt mich ganz tief und ich danke Dir, daß eine so geliebte Erinnerung in mir wach wurde!

Ganz herzlichen Gruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Agneta

Re: Weiter geben
« Antwort #4 am: September 22, 2018, 18:24:40 »
das freut mich, liebe Cyparis, dass dich das Werk so berühren konnte. Ja, ich war Einzelkind, aber auf dem Hof waren 5 Kinder, mit denen ich wie eine Großfamilie lebte.
Danke dir für deine lieben Worte und lG von Agneta

gummibaum

Re: Weiter geben
« Antwort #5 am: September 25, 2018, 22:26:07 »
Das ist schön geworden, liebe Agneta.

LG gummibaum

Erich Kykal

Re: Weiter geben
« Antwort #6 am: September 26, 2018, 09:21:52 »
Hi Agneta!

Wunderschön und ergreifend!

Erinnert mich an ein Zitat von Goethes Faust: "Wir hatten nichts und doch so viel!"

Eine im wahrsten Wortsinne "unbeschwerte" Kindheit mit Nahverhältnis zur Natur, zum Lebendigen - weiterzugeben versucht an eine neue Generation.

Allergernst gelesen!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

Re: Weiter geben
« Antwort #7 am: September 26, 2018, 17:33:01 »
vielen Dank, lieber Gum.
Lieben Dank auch dir, Erich. Seitdem ich hier wohne, erinnert mich viel an meine Kindheit und da kommen einem solche Gedanken. Es ist irgendwie, als schlösse sich ein Kreis.
Liebe Grüße an euch beide von Agneta