Autor Thema: Gitano  (Gelesen 84 mal)

Seeräuber-Jenny

Gitano
« am: Oktober 24, 2018, 12:59:12 »
Die letzte Nacht in Málaga,
ein blasser Mond, ein warmer Hauch.
Bei weißem Wein, mit sattem Bauch
saß ich herum vor einer Bar.

Die Glocken von San Agustín
verhallten in der Dunkelheit,
und wie im Flug verging die Zeit,
ich sollte schleunigst weiterziehn.

Da plötzlich griff das Schicksal ein,
als du mit der Gitarre kamst
und Platz zu meinen Füßen nahmst
und spieltest nur für mich allein.

Mit wirrem Haar und tiefem Blick
aus Augen, schwarz wie jene Nacht,
hast du mich fröhlich angelacht,
und ach, ich lächelte zurück.

Für den Moment nur ich und du
vor einer Bar in Málaga.
Ein Zauber war's, was da geschah.
Du riefst mir noch "te quiero" zu.
« Letzte Änderung: Oktober 30, 2018, 15:36:34 von Seeräuber-Jenny »
El sueño va sobre el tiempo
Flotando como un velero
Nadie puede abrir semillas
En el corazón del sueño

Camarón de la Isla

Erich Kykal

Re: Gitano
« Antwort #1 am: Oktober 24, 2018, 18:46:06 »
Hi Jen!

Ein wunderschönes Stimmungsbild! Man meint die Gitarre in der lauen Nacht zu hören - und deine Verse als Text dazu gesungen!

Sehr gern mitempfunden!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Gitano
« Antwort #2 am: Oktober 24, 2018, 23:37:19 »
Liebe Jenny,

die Austrahlung des hübschen Zigeuners im südspanischen Ambiente ist gut eingefangen.

Sehr gern gelesen.
LG gummibaum

 

Seeräuber-Jenny

Re: Gitano
« Antwort #3 am: Oktober 25, 2018, 01:15:05 »
Hi Erich,

auf meiner Reise durch Andalusien konnte ich mich mit dem Flamenco vertraut machen. Er geht direkt ins Blut. In der Gegend um Málaga gibt es viele Gitarrenbauer, und in der Stadt leben viele Künstler von der Straßenmusik. So auch mein Gitano, der mit einem blonden Hippie zusammenspielte. Vorher hatte ich schon in Sevilla einen Tablao besucht und Tränen vergossen. Aufgewühlt, verzaubert und mit Musik im Kopf komme ich zurück.

Übrigens war ich auch in Ronda, wo Rainer Maria Rilke in einem noblen Hotel seine Ferien verbrachte.

Lieben Gruß
Jenny

***

Lieber gummibaum,

hübsch im eigentlichen Sinne war er nicht, mein Gitano. Er war ganz dunkel und wild, mit wirren schwarzen Haaren. Doch seine Ausstrahlung, sein Lachen, seine wunderschönen Augen waren hinreißend. Und natürlich sein Gitarrenspiel. Beim Flamenco kommt es auf klassische Schönheit gar nicht an. Wichtig ist die Dramatik. Und es war ja ein kleines Liebesdrama, das sich ereignete.

Ein Drama war es auch, dass ich schon fahren musste, denn ich liebe Andalusien! Vor allem das alte al-Andalus hat es mir angetan. Die riesige Moschee in Córdoba, mit ihren vielen Säulen aus Marmor, den kunstvoll geschnitzten Holzdecken, den bunten Fliesenornamenten. Córdoba, zur Zeit der Kalifen das Zentrum der Gelehrsamkeit in Europa, wo Menschen aller Religionen friedlich zusammenlebten - bis die katholische Isabella kam. Zugegeben, die gotischen Kirchen und barocken Kathedralen sind auch sehr schön anzusehen, abgesehen von einigen Gemälden, auf denen das Sünderblut nur so spritzt. Ich liebe die Städte mit ihren verwinkelten Gassen, mit ihren Basaren und Düften, mit Häusern und Höfen, über und über geschmückt mit Blumen. Und die Alhambra, die über Granada thront, mit ihren Brunnen und Gärten, inmitten grüner Hügel am Rand der Sierra Nevada. Die Strelizien, die Dattelpalmen und Orangenbäume, die seltene Igeltanne. Den Guadalquivir, an dessen grünen Ufern viele Vogelarten leben. Die Geburtsstätte des Flamenco, die Heimat von Seneca und Moses Maimonides, von Murillo und Pablo Picasso, von Federico García Lorca und Rafael Alberti. Ich liebe es, am Mittelmeer oder am Atlantik zu sein, wo frischer Fisch und alter Wein auf den Tisch kommen, denn in Andalusien dreht sich alles ums Essen und Trinken. Und ich liebe die leichte, fröhliche und temperamentvolle Art der Andalusier und Andalusierinnen. Wobei man nicht vergessen darf, dass Andalusien die ärmste spanische Provinz ist und als Agrarland auch sehr unter dem Klimawandel zu leiden hat.

Lieben Gruß
Jenny
« Letzte Änderung: Oktober 25, 2018, 22:13:09 von Seeräuber-Jenny »
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Camarón de la Isla

Agneta

Re: Gitano
« Antwort #4 am: Oktober 29, 2018, 12:23:13 »
romantisch und positiv, deine Verse, die uns in eine ferne Welt entführen und doch so nah sind, weil sie von Liebe erzählen, die überall lebt. Hab mich gerne entführen lassen, liebe Jenny. LG von Agneta

Seeräuber-Jenny

Re: Gitano
« Antwort #5 am: Oktober 29, 2018, 13:50:41 »
Danke, liebe Agneta.

Es war eine sehr romantische, ganz außergewöhnliche Begegnung. Es tat mir furchtbar leid, dass wir aufbrechen mussten. Ich war auch zu schüchtern, um einfach noch zu bleiben. Aber vielleicht sollte es so sein. Schließlich werden in des Dichters Fantasie Träume wahr!

Lieben Gruß
Jenny
« Letzte Änderung: Oktober 29, 2018, 13:53:25 von Seeräuber-Jenny »
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Camarón de la Isla

wolfmozart

Re: Gitano
« Antwort #6 am: November 02, 2018, 12:30:29 »
Sehr schöne Lyrik Jenny.

Liebe Grüße wolfmozart

Curd Belesos

Re: Gitano
« Antwort #7 am: November 16, 2018, 22:11:23 »
Liebe Jenny,

man spürt beim Lesen deine Begeisterung. Ein wunderbares Stimmungsbild, mit dem du uns deine Empfindungen näher gebracht hast.

Einen fröhlichen, lieben Gruß aus dem kalten Norddeutschland von Curd  :)


Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch