Faszinierend, dass gum offenbar gerade einen neuen (blut)roten Faden für Gedichte-Themen aus dem medizinhistorischen Kabinett menschlicher Schrecken für sich entdeckt hat!
Ich schaue weiteren Gedichts- und Geschichts-Expeditionen von Dir, lieber gum, höchst gespannt und erfreut entgegen!

Noch ein paar Anmerkung zu den Wirkungen der Mutterkornvergiftung und dem Thema Hexenverfolgung:
Obwohl durch die Inhaltsstoffe des Pilzes Muskelverkrampfungen und Halluzinationen ausgelöst werden können, was für unaufgeklärte Menschen durchaus den Eindruck des Besessenseins von teuflischen Mächten erwecken mochte, so dürften doch Vergiftungen eher selten der Anlass für Hexenprozesse gewesen sein.
Die Vergiftungen begannen in größerem Umfang mit dem großflächigeren Anbau von Roggen in weniger begünstigten Ackerflächen am Ende der Völkerwanderungszeit (erste eindeutige Berichte datieren auf das 9. Jahrhundert) und erreichten ihren Höhepunkt wohl schon im späten Hochmittelalter (13.-14. Jh.) - also deutlich
vor dem Beginn der Hexenverfolgungen, jene waren nämlich vor allem ein Phänomen der frühen Neuzeit (16.-17. Jh.) und gerade
nicht des angeblich so finsteren Mittelalters.
Das "Antoniusfeuer" (die Vergiftung mit Mutterkornpilzen durch befallenen Roggen) war dabei im Mittelalter Teil des "Geschäftsmodells" von Mönchsorden, die Betroffenen die Möglichkeit boten, als eine Art Hilfsmönch in den Orden (insbesondere der Antoniter) einzutreten (und dabei alle persönliche Habe dem Orden zu überschreiben!), wofür sie im Gegenzug deutlich bessere Überlebens-Chancen hatten, da in begüterten Klöstern reinlichere und hochwertigere Speisen (und damit auch weniger mit Mutterkornpilzen verunreinigtes Mehl) zur Verfügung standen. Aufgrund dieser cleveren Geschäftsidee der Mönchsorden ist im Mittelalter eine Marginalisierung von Opfern einer Mutterkornvergiftung in der Regel unterblieben.
Der ganz genaue Mechanismus der Mutterkornvergiftung war zwar bis ins 19. Jh. hinein noch nicht wirklich bekannt - die Erkenntnis, dass die dunklen "Körner" in den Roggenähren aber eigentlich nicht ins Mehl gehören, begann sich jedoch bereits im Mittelalter durchzusetzen und schon im 16. Jh. gibt es erste Quellen, die einen Bezug des Mutterkornpilzes zu den Vergiftungssymptomen herstellen. Es gab sogar schon Heilkundige, die bewusst, die Mutterkorn-befallenen Ähren sammelten, um aus dem zermahlenen Pilz Mittelchen gegen nachgeburtliche Blutungen zu gewinnen, ein Vorgehen, das aufgrund der gefäßverengenden Wirkung der Pilzinhaltsstoffe durchaus Sinn ergibt.
Neben der zeitlichen Diskrepanz zwischen der "Blüte" der Mutterkornvergiftungen und dem Auftreten der Hexenprozesse ist auch zu berücksichtigen, dass Vergiftungen in der Regel ganze Familien oder sogar ganze Dorfgemeinschaften betrafen, da ja eine gemeinschaftliche Nutzung der Mühlen und des Mehls erfolgte. Demgegenüber wurden bei Hexenprozessen in der Regel einzelne Individuen "herausgepickt", die aufgrund ihres Lebensstils nicht ins allgemeine "Schema" passten. Ein gewisses epidemisches Um-sich-greifen von Hexenprozessen in einer Region kam dann im Anschluss dadurch zustande, dass die Betroffenen unter der Folter weitere "mitverschworene Hexen" denunzierten, in der Hoffnung dadurch die Qual der Folter abzukürzen.
Übrigens wurden die klassischen Hexenprozesse der frühen Neuzeit nicht von kirchlichen Gerichten ("Inquisition") geführt, sondern von weltlichen. Die Kirche war mehrheitlich zwar durchaus von der Existenz von Hexen überzeugt, aber trotzdem größtenteils
gegen die Hexenprozesse eingestellt, weil sie diese als Eingriff in ihre Autorität ansah. Gelang es einem Beschuldigten daher, anstelle eines weltlichen Richters einem Inquisitor vorgeführt zu werden, stiegen in der Regel die Überlebenschancen des Angeklagten: Die Kirche war nicht daran interessiert, Ihre Anhängerschaft durch willkürliche Todesurteile zu dezimieren, so dass ein Schuldeingeständnis und "tätige Reue" meist zum Freispruch auf Bewährung führten. In Regionen, in denen die Inquisition mächtig war (Spanien, Kirchenstaat) fanden deshalb nur sehr wenige Hexenprozesse mit größtenteils "glimpflicherem" Ausgang statt.