Autor Thema: Schneeflocken  (Gelesen 96 mal)

AlteLyrikerin

Schneeflocken
« am: Januar 04, 2021, 18:17:13 »
Ihr seid das Schwebende ohne Bestand
das Zärtliche, das in der Kälte reift.
Das Tanzende an keiner Hand,
das den verlässt, der es begreift.

Dem Wirbelspiel aus Wind und Weiß und Licht
schaun wir versonnen, arglos, träumend zu.
Doch fallt ihr lange, dicht an dicht,
bringt ihr ein ganzes Tal zur Ruh.

Erich Kykal

Re: Schneeflocken
« Antwort #1 am: Januar 04, 2021, 19:24:12 »
Hi AL!

Abgesehen von den metrischen Unwuchten ein sprachlich sehr schöner Text.

xXxXxxXxxX
xXxxXxxXxX
xXxxXxxX
xXxXxXxX

xXxXxXxXxX
xXxXxXxXxX
xXxXxXxX
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Die ersten beiden Zeilen sind daktylisch (glaub ich), aber auch nicht sauberer Gleichform, ab dann wird es jambisch (glaube ich) und bleibt dabei. Die Verkürzungen der 3. und 4. Zeilen erkenne ich nicht als Fehler, sondern als lyrisches Element.

Ich rate, die beiden ersten Zeilen dem Jambischen anzugleichen, zB:

Ihr seid das Schweben ohne festen Stand,
ein Zartes, lang in kaltem Sog gereift.


Sollte ich mich bei den Fachtermini vertan haben, erbitte ich Verzeihung und Berichtigung. Hab die Begriffe, was genau was ist, nie des Erlernens für nötig befunden. (Hätte mich wahrscheilich nur NOCH klugscheißerischer rüberkommen lassen ...  ;) ;D)

Sehr gern gelesen und bevorschlagt!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Schneeflocken
« Antwort #2 am: Januar 05, 2021, 18:23:53 »
Ja, liebe AlteLyrikerin,

ein schönes Gedicht, dass die Zartheit einzelner Flocken und Wirkung einer großen Population gut ausdrückt.

Sehr gern gelesen.

Gruß von gummibaum

Sufnus

Re: Schneeflocken
« Antwort #3 am: Januar 06, 2021, 13:57:07 »
Hi AL!
Dein Schneeflockengedicht ist eine gute Bestätigung meiner These, dass das Thema "Schnee" lyrisch sehr ergiebig ist und (im Gegensatz zu anderen thematischen Klassikern wie "Liebe", "Mond" und "Herbst" insgesamt einer guten Qualität sehr förderlich ist. Nicht dass man nicht auch über die anderen Themen gute und sehr gute Gedichte schreiben könnte - es ist eben nur ungleich kniffliger. Insofern dürfte ein herbstliches Liebesgedicht bei Vollmond die Höchstschwierigkeit darstellen.  ;D
Aber zurück zu Deinem Gedicht! :)
Da finde ich das Reflektieren über das Tanzen des Schnees sehr gelungen, denn tatsächlich wird bei der Beschreibung von reichlichem Schneegeflock fast unweigerlich die Tanzvokabel eingeführt, was doch seltsam ist, da Schnee gerade mit Stille assoziiert wird und ein Tanz ohne Musik ja wohl eine seltsame Sache darstellt und sodann die Flocken sich (trotz ihrer sechs Arme) einem paarweisen Reigen hartnäckig verweigern. Warum also die allgegenwärtigen tanzenden Flocken?
Ebenso (und sogar noch mehr) hat mir das Wortspiel mit begreifen gefallen - das ist zwar nicht völlig neu, aber im Zusammenhang mit einer Schneeflocke sehr schön anwendbar: Wenn wir sie im Wortsinn "begreifen" zerrinnt sie uns in der Hand.
Der etwas bedrohliche Schluss des unter Schnee begrabenen Tals bringt dann, gum hat ja schon darauf hingewiesen, nochmal eine spannende andere Facette ins Spiel :)
LG!
S.

AlteLyrikerin

Re: Schneeflocken
« Antwort #4 am: Januar 07, 2021, 13:17:24 »
Hallo Erich,

herzlichen Dank für Deinen Kommentar und vor allem für Deine metrische Analyse. Ich antworte erst jetzt, weil ich mich nochmals intensiv mit den Versen beschäftigt habe. Deine Kritik ist ja völlig berechtigt, wenn man nach der Forderung schreiben will, dass gereimte Gedichte ein gleichmäßiges Metrum (z.B. rein jambisch oder rein daktylisch) haben sollten. Diesen Anspruch wollte ich nicht einfach zurückweisen in der Manier vieler Hobbydichter, es ei eben die künstlerische Freiheit und genau so gewollt.
Nun habe ich es nicht geschafft, die Zeilen so umzubauen, dass ich eine regelmäßige Metrik erhalte ohne die Metaphern aufzugeben, die mir sehr wichtig sind. Daher belasse ich die Verse nun so, wie sie sind, in einer nicht schulgemäßen Metrik, die aber meiner Meinung nach auch nicht rhythmisch ungehobelt ist.  ;)


Lieber gummibaum,

auch Dir herzlichen Dank für den freundlichen Kommentar. Besonders über "ein schönes Gedicht" habe ich mich gefreut.


Lieber Sufnus,

herzlichen Dank für Deine ausführliche Besprechung der Metaphern. Ja, das "Tanzende" drängt sich, trotz des Fehlens von Musik, bei Schneeflocken einfach auf. Ich wollte nicht darauf verzichten, nur weil es als Metapher nicht gerade neu ist.

Liebe Grüße an Euch alle, AlteLyrikerin.

Ylva

Re: Schneeflocken
« Antwort #5 am: Januar 12, 2021, 19:36:36 »
Liebe AL,

Du hast den Tanz der Schneeflocken wunderschön beschrieben.
Ich liebe die verschneite Winterlandschaft, die so viel Ruhe ausstrahlt...leider liegt hier in meiner Stadt kein Schnee.

LG
Ylva

AlteLyrikerin

Re: Schneeflocken
« Antwort #6 am: Januar 13, 2021, 12:20:40 »
Liebe Ylva,

herzlichen Dank für Deine freundlichen Worte. Ja, Schnee in der Stadt ist nur ein kurzer Zauber, weil er durch die Verschmutzung schnell zu grauweißem Matsch wird. Auf dem Land bleibt er länger und hinterlässt eine ganz besondere Stimmung, die wohl Dichter zu allen Zeiten herausgefordert hat.
Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.

Sufnus

Re: Schneeflocken
« Antwort #7 am: Januar 14, 2021, 15:38:19 »
Hey AL!
Meine Anmerkung zum Schnee-Tanzen war auch nicht als Kritik an Deinem Gedicht gemeint! Ich finde, indem Du darauf verweist, dass die Schneeflocken sich und anderen Wesen gerade NICHT die Hand zum Tanz reichen können, hast Du da eine schöne weitere Ebene aufgebracht! :)
LG!
S.

AlteLyrikerin

Re: Schneeflocken
« Antwort #8 am: Januar 15, 2021, 11:49:16 »
Lieber Sufnus,

danke, dass Du dich nochmals meldest. Selbst wenn sie kritisch gemeint gewesen wäre, hätte mich Deine Bemerkung nicht gekränkt!
Deine Kommentare sind immer eine intensive Auseinandersetzung mit dem Text. Du begnügst Dich nicht mit einem einfachen "gefällt mir" oder "mag ich nicht". Das schätze ich sehr.
Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.