Autor Thema: Brief an Europa  (Gelesen 1146 mal)

Erich Kykal

Brief an Europa
« am: Juli 29, 2025, 11:38:33 »
Die Welt wird kälter, liebe Freunde. Härter
der Umgangston der Zeiten und der Länder.
Ein jedes Volk hat wieder seinen Ständer,
an dem es völkisch reibt. Der Irrenwärter

der Anstalt hat schon lang das Haus verlassen,
ergeht sich in verordnenden Beschlüssen,
die letztlich alle daran scheitern müssen,
dass vielerorts Gewählte lieber hassen.

Man möchte wieder kleine Süppchen kochen,
mit Heimatwichse alles überkleistern,
wo klein Gebliebene das Bild nicht meistern,
das sich verzettelt hat, zuviel versprochen.

Die Welt wird kälter, Freunde, und wir gatten
uns wieder einem Geiste der Bedrohung,
dem alles folgt, was immer an Verrohung
uns nötig scheint, zu halten, was wir hatten,

verkennend, dass wir eben so verlieren,
was wirklich kostbar ist und gelten sollte,
und somit alles, was das Gute wollte,
sich wieder windet im Geknurr von Tieren.

Zuerst die Kläffer, hinterdrein die Beißer,
und endlich trägt man wieder Uniformen:
Die Völker wehrhaft, mit gestählten Normen,
und alle Fühlenden nur Hosenscheißer ...
« Letzte Änderung: Juli 29, 2025, 11:42:30 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Brief an Europa
« Antwort #1 am: August 02, 2025, 23:11:55 »
Lieber Erich,

dein Gedicht zeigt die Rückschritte in der Wertentwicklung hin zu Intoleranz und Autorität, zu Militarismus in vielen westlichen Ländern. Die Kälte und Härte, die um sich greifen, das abnehmende Vertrauen dem andern gegenüber, machen die Gesellschaft asozialer, die Gefühle des Einzelnen angreifbarer, diejenigen, welche sich im Recht glauben mächtiger. Man weiß, das Mächtige davon profitieren und es so steuern und die anderen meist dazu schweigen (weil es am wenigsten anstrengt) und es dadurch erst ermöglichen.

So besorgniserregend das ist, sollten wir nicht schon verzweifeln und die Farben im Grau übersehen.

Sehr gern gelesen.
LG g
     

Erich Kykal

Re: Brief an Europa
« Antwort #2 am: August 03, 2025, 10:59:45 »
Hi Gum!

Danke für die freundlichen Einlassungen. Es srimmt, noch ist nicht alle Tage Europas Abend, aber ich finde, Poeten wie wir können nicht genug anmahnen, wohin die Reise eindeutig geht, wenn man den Mut hat, genau hinzusehen. Oh ich verfluche Putin und alle wie ihn für das, was sie Europa und der Welt angetan haben! Jetzt, wo alle Angst haben, haben die Kaltherzigen, die ihren offenen Militatrismus mit 'Sorge um die Nation' tarnen, wieder Oberwasser. Schmähte man sie gestern noch als 'ewig Gestrige', hört man ihnen heute wieder zu und wählt sie sogar!

So schön der tolerante, föderalistische Gedanke eines geeinten Europas auch war, die Menschheit scheint noch nicht reif dafür zu sein, oder er entspricht nicht dem egoistischen, angstgesteuerten oder gierigen Wesen unserer Art. Das Affenrudel steckt immer noch im uns, wie im Kleinen, so im Großen. Kleingeistige Regionalpolitiker und -polemiker haben das ebenso verkackt wie die überbordende und sich rücksichtslos verzettelnede, überregulierende Brüsseler Idiotenbürokratie, die alles bis in die Privatsphäre der Menschen ihrem Wirtschafts- und Effizienzkalkül unterordnet, ohne Rücksicht auf lokales Brauchtum oder Traditionen zu nehmen.

Klar denken sich die Leute irgendwann: Wenn ich schon gegängelt und drangsaliert werde, dann doch bitte lieber vom eigenen Diktator anstatt von einem verständnislosen, entmündigenden fernen Beamtenklüngel, der ohne Weisungsbroschüre nicht einmal Scheißen geht!
Das Ausscheren der Briten war nur das erste Symptom dieser latenten Unzufriedenheit mit Brüssel. Die Unerträglichkeit ihrer blinden Verordnungsübergriffigkeit wird weiter zunehmen, bis der Ärger den erwarteten Nutzen überwiegt - und wieder fällt Europa in ein Zeitalter von Isolationismus und Kleinstaaterei, umso angreifbarer für Machtwanzen wie Putin, der natürlich nichts unversucht lässt, diese Einigkeit zusätzlich zu untergraben. Genügend Fans seiner 'Durchsetzungskraft' und somit nützliche Idioten hat er in den rechten Parteien ja schon gewonnen ... - Wehe, wenn diese wirklich an die Macht gewählt würden! Das wäre der letzte Sargnagel für den Europäischen Gedanken!


LG, eKy
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gummibaum

Re: Brief an Europa
« Antwort #3 am: August 03, 2025, 15:24:58 »
Lieber Erich,

ich meine, es ist richtig und wichtig zu mahnen, aber das „Verfluchen“ von Antidemokraten und Kriegstreibern kann irgendwann mehr als diese die eigene Lebensfreude zerstören.

Bürokratie tendiert per se zum Wachstum. Weil sie gut bezahlte und sichere Arbeitsplätze gewährt, saugt sie immer weitere Beschäftigte an. Wer in ihren Dienst tritt, wird schnell so geprägt, dass er alles regeln will, was nicht geregelt ist. Schnell schlagen die Vorteile in Nachteile um. Wissenschaftlicher Fortschritt und ökonomische Entwicklung werden blockiert und Steuergelder immer selbstverständlicher verschwendet.
Dazu kommt, wenn sie länderübergreifend wirkt, die von dir genannte Einebnung von Unterschieden regionaler Kulturen.
Aber um ihre Entwicklung einzuhegen, werden dann auch wieder Bürokratien geschaffen…

Hinter Putin steht leider ein Großteil der Russen. Im Verein mit der orthodoxen Kirche hat er ihr Gefühl einer nationalen Schande nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Stolz auf eine, dem Westen gegenüber, höherwertige Kultur (mit Weltmachtanspruch) verwandelt (laut Umfragen in den 90er und 20er Jahren).

Aber das weißt du alles besser als ich.

Eine andere Frage ist, ob die USA eine Annäherung zwischen Europa und Russland und eine neue Sicherheitsarchitektur (vgl. Rede Putins im dt. Bundestag 25.09.2001) verhindern wollten, weil dies ihre geopolitische Macht und die Gewinne ihres militärisch-industriellen Komplexes geschwächt hätte. 

LG g
« Letzte Änderung: August 03, 2025, 20:22:26 von gummibaum »

Erich Kykal

Re: Brief an Europa
« Antwort #4 am: August 03, 2025, 19:47:05 »
Hi Gum!

Das traue ich den Amis jederzeit zu, und nicht erst seit Trump. Sie haben sich schon immer gern in fremde Politik eingemischt, um ihre Interessen zu schützen oder zu befördern. Es wäre auch falsch, sich nur auf 2 Blöcke zu konzentrieren: Was immer noch unterschätzt und zu wenig wahrgenommen wird, ist die dritte Macht: China! Der Ameisenstaat par excellence.
Wo Amis oder Russen ihre Völker teilweise unterdrücken müssen, sind die Chinesen seit Jahrtausenden durch grausame Herrscher und drakonische Gesetze gegen jegliche Art der Abweichung von festen Normen praktisch genetisch auf Gehorsam selektiert worden. Das mag meine persönliche Annahme sein, aber widerleg das mal.

LG, eKy

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a.c.larin

Re: Brief an Europa
« Antwort #5 am: Dezember 22, 2025, 17:14:55 »
Hi Erich, hi gum,
Ich lese eure Gespräche mit Interesse - kann kaum etwas Neues hinzufügen.
Leider haben Internet und Social media auch nicht gerade zur Befriedung der Spezies Mensch beigetragen.

Jedes Werkzeug ist halt auch nur so gut wie der , der es benützt.
Und wenn unsere archaischen Urtriebe( Fressen oder gefressen werden) aus dem Stammhirn durchbrechen, braucht es alle Kraft des Regulans aus der Großhirnrinde( so vorhanden) um den bloßen Macht- und Geltungsdrang des um sein Überleben kämpfenden Tieres in uns einzudämmen...

Da wird uns die KI auch nicht helfen, ganz im Gegenteil.
Ein Mensch könnte ja vllt noch Skrupel haben - aber eine auf Allgorithmen gebriefte Maschinerie?

Die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion sind immer schwerer zu erkennen. In dieser Zeit der Verwirrung und Verunsicherung haben Demagogen leichtes Spiel.

Unsere Schwächen werden unser Schicksal sein.
Bis das, was passiert , wieder zur Geschichte," wurde .

Larin



Erich Kykal

Re: Brief an Europa
« Antwort #6 am: Dezember 22, 2025, 20:05:40 »
Hi larin!

Danke für die beipflichtende Einlassung. Ja, die Kreativität des Menschen ist ein zweischneidiges Schwert! Fast alles Neue wird auch kriegerisch verwertet, inwieweit es als Waffe taugt. Siehe Drohnen beispielsweise: Vom künftigen Pizzalieferanten zur unberechenbaren Kriegsbederohung!

LG, eKy
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Curd Belesos

Re: Brief an Europa
« Antwort #7 am: Januar 06, 2026, 16:48:47 »
Moin, ich fange nach langer Pause gerade wieder an, hier auf der Wiese zu lesen. Es ist nicht Angst, die mich betrifft, wenn ich deine Gedichte lese, sondern Sorge um die Zukunft der "Schlauen", die zu lange geschwiegen haben, da es ihnen gut ging. Doch was du beschreibst, ist meines Erachtens erst der Anfang. Durch die sich durchsetzende Nutzung der sogenannten Künstlichen Intelligenz wird sich mehr ändern als zur Zeit der industriellen Revolution. Das Leben, das wir führen, scheint auch in größeren Maßstäben dem Zyklus Geburt-Kindsein-Macht schaffen-Altsein-Kindsein-Tod zu folgen, denn so kindisch, wie sich alternde, vom Volk gewählte Politiker gebärden, bin ich davon überzeugt.
Erschrocken darüber, das Achtzigste überschritten zu haben und ohne Zuversicht für kommende Generationen.
Curd
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

Erich Kykal

Re: Brief an Europa
« Antwort #8 am: Januar 08, 2026, 10:56:14 »
Hi Curd!

Schön, dass du wieder zugegen bist (was ich von 'Herrn G' nicht behaupten kann)!

Auch ich erwarte nur noch Niedergang von der Welt. Alles steuert den Kurs der Blöden und Verblendeten oder dient sich ihnen auch noch an, um zu überdauern. Verallgemeinerung, Pauschalisierung, Ausgrenzung, Rassismus, krude Machtpolitik, Verfolgung Andersdenkender und Hass sind wieder politisch tragbar geworden, seit Trump und Putin Erfolge damit feiern.
Die Rechtsnationalen (genau genommen schon Nazis, auch wenn sie sich anders nennen und demokratisch tun) feiern überall kleingeistige Urständ. Es ist zum Haareraufen! Und jene, die noch gegensteuern könnten, passen sich stattdessen an, um so rechte Wähler abzuzweigen, anstatt sich offen gegen den Wahn zu stellen. Das überlässt man allerorten kleinen Lichtern, die dann mit Morddrohungen, Beschimpfungen niedersten Niveaus im Netz und Terrorakten gegen ihren Besitz oder gar sie selbst leben müssen. Schöne neue Zeit!
Ich frage mich ernstlich, wann sie sich trauen, die alten SA-Uniformen auszumotten und wieder öffentlich zu tragen! Lang kann's nicht mehr dauern ...

Und der Rest der Welt?
Trumps hirnlos durchgezogene völlige Diskreditierung jeglicher politischen und moralischen Integrität der USA?
Putins Hitlerpolitik im Osten, um wieder 'Soviet' zu werden?
Die aggressive militärische Droh- und Erpressungstaktik der Chinesen oder deren Handelsübernahme der halben Welt?
Kims kleiner Schwanz, den er mit umso größeren Raketen und brutaler Unterdrückung und Gehorsamszüchtung eines ganzes Volkes kompensiert?
All die Länder, in denen längst die neue autokratie herrscht, selbst wenn sie sich immer noch Republiken oder demokratisch zu nennen wagen?
Der fortschreitende Klimawandel, an den wir uns anscheinend gewöhnt haben - bis er uns erst so richtig in den bequemen Arsch beißt?
Die Plastikvermüllung der Ozeane, gegen die immer noch kaum was getan wird - bis all unser Essen so stark mit Mikroplastik verseucht ist, dass die halbe Bevölkerung ab 30 an Krebs krapiert?
Das Artensterben, das fröhlich weitergeht, weil die Schlagzeilen es längst vergessen haben?

Nein, das wird nix mehr mit dieser Menschheit. Sie wird einmal mehr fallen - und diesmal so tief wie nie zuvor. Kleinliche Differenzen, Machtgier zynischer Soziopathen und ihrer Handlanger, der vorauszusehende Zerfall aller Zivilisation, spätestens wenn Öl und Süßkwasser wirklich knapp werden und niemand genug für eine Alternative getan hat, weil der kurzsichtige Reibach und die Sicherung politischer Einflussnahme jederzeit wichtiger waren als vernünftige Voraussicht und ein Schultern der Verantwortung für die Zukunft.

Traurige Grüße, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.