Autor Thema: Ein Passagier zu viel  (Gelesen 2112 mal)

Aspasia

  • Gast
Ein Passagier zu viel
« am: Oktober 23, 2014, 04:03:59 »
Alsbald der Anker ward gelichtet,
der Bug zum Horizont gerichtet,
die Segel bauchig aufgebläht,
die Flagge waagrecht aufgeweht,
das Boot geglitten durch den Fjord,
stand unerkannt der Tod an Bord.

Vom Ufer winkte noch ein Kind,
sein letzter Ruf erstarb im Wind,
der mit gar höllischem Gebraus
das Boot trieb auf die See hinaus,
von schwarzen Wolken überdacht,
die Weiten dunkel wie bei Nacht.

Im Fischerdorf spricht man noch heut
von jenem Sturm und Notgeläut,
vom Hoffen mit erstarrtem Blut,
bis mitleidlos die erste Flut
den leeren Rumpf zum Ufer trug
und seinen Bug im Sand begrub.
« Letzte Änderung: November 01, 2014, 18:30:41 von Aspasia »

gummibaum

Re:Ein Passagier zu viel
« Antwort #1 am: Oktober 23, 2014, 12:32:43 »
Hallo Aspasia,

unheimlich und mit finsterem Ausgang. Ein paar Formulierungen halte ich für suboptimal: alsbald, geglitten, gar höllischen (satanischem), begrub. Auf die Schnelle (die Bank schließt gleich) ist mir nur in einem Fall eine Alternative () eingefallen.

Steht das Gedicht mit dem letzten über die Möwe in einem Zusammenhang?

LG gummibaum

Erich Kykal

Re:Ein Passagier zu viel
« Antwort #2 am: Oktober 23, 2014, 14:18:07 »
Hi, Aspasia!

An den von Gum monierten Wendungen störe ich mich weniger, ich mag diese altmodischen Ausdrücke!

Mein Tipp:

Vorletzte Zeile: "ans" statt "zum" Ufer.

Sehr gern gelesen, die finstere Moritat!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Thomas

Re:Ein Passagier zu viel
« Antwort #3 am: Oktober 31, 2014, 09:19:42 »
Liebe Aspasia,

ich bin auch Erichs Meinung. Ein gutes Gedicht, dass seine Wirkung nicht verfehlt. Die Überschrift fand ich ein wenig zu logisch, vielleicht wäre es gut, wenn man den Leser etwas auf die düstere Stimmung vorbereiten würde. Z.B. "Der schwarze Passagier" oder ähnlich.

Liebe Grüße
Thomas
S p r i c h t die Seele so spricht ach! schon die S e e l e nicht mehr

(Friedricht Schiller)

cyparis

Re:Ein Passagier zu viel
« Antwort #4 am: November 01, 2014, 12:39:57 »
Liebe Aspasia,


das "ward" paßt m.E. nur auf die ersten beiden Verse, danach haut es nicht so ganz hin.
Wäre das allgemeine "war" nicht passender.
Schön schaurige Halbballade!
Finstere Bilder, böses Schicksal - so was mag ich!


Herzlichen Gruß, ganz unfinster,
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Curd Belesos

Re:Ein Passagier zu viel
« Antwort #5 am: November 01, 2014, 13:37:49 »
moin moin Aspasia,

als aus dem Ruder gesprungener Nachfahre einer Fischerfamilie

kenne ich und schätze ich diese Art von Gedichten.

Es erinnert mich stark und gerne an Stine Andresen

und ihre Gedichte über die Geschicke der mit dem Meer verbundenen Menschen.

Sehr gerne gelesen.

Curd
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

Aspasia

  • Gast
Re:Ein Passagier zu viel
« Antwort #6 am: November 01, 2014, 13:55:20 »
als aus dem Ruder gesprungener Nachfahre einer Fischerfamilie
...
Sehr gerne gelesen.

Freut mich, Curd. Danke.

Die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, hat einmal als kleines Fischerdorf angefangen.

cyparis

Re:Ein Passagier zu viel
« Antwort #7 am: November 01, 2014, 14:32:25 »
Übrigens:


Der Passagier brachte einen Komponisten ans Ufer von Venedig,
das war aber keine Ballade. Das war Dekadenz.

Nur als Nachbetrachtung
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte