Autor Thema: Der lüsterne Alte  (Gelesen 2963 mal)

Erich Kykal

Der lüsterne Alte
« am: Februar 05, 2020, 21:54:26 »
Verworfener, wie musst du kläglich büßen!
Der Jugend ledig und des guten Mutes
versuchst du dir mit Bildern jungen Blutes
die Bitternis des Alters zu versüßen.

Die jähe Lust der kurzen Knabenträume
verwandelte sich nur in Illusionen,
Gebäude in Verfall, und es bewohnen
verstummte Geister ihre leeren Räume.

Sie zeigen nach dir hin und sprechen schuldig
mit ihren Blicken, ihren welken Gesten,
als warteten die mit der Zeit Verwesten
auf deinen Tod, erbittert und geduldig.

Verworfener, wie musst du kläglich büßen!
Zerrissen fällst du aus dem starren Rahmen
und wirfst in Schmerzen deinen kalten Samen
dem Götzen deiner Eitelkeit zu Füßen.
« Letzte Änderung: Dezember 26, 2021, 12:25:08 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Der lüsterne Alte
« Antwort #1 am: Februar 08, 2020, 17:04:47 »
Der Alte ist nicht nicht zu beneiden, lieber Erich. Eine Umlenkung des Triebes auf andere Aktivitäten könnte ihm Enttäuschungen und Lächerlichkeit ersparen.

Sehr gern gelesen.

LG g   

Erich Kykal

Re: Der lüsterne Alte
« Antwort #2 am: Februar 09, 2020, 01:58:35 »
Hi Gum!

Ich könnte jetzt ja vollmundig tönen von wegen ich hätte beim Schreiben den alten Goethe vor Augen gehabt, indes, der Rest von Anstand in mir gebietet mir einzugestehen, dass die obigen Zeilen autobiografisch sind.  O0 >:D ::)

Interessant, dass wir trotz gereiften Geistes, erhabener Moral und erworbener Empathie, selbst als alte Säcke, die sich der eigenen Lächerlichkeit und Widerlichkeit durchaus bewusst sind, immer noch die Jugend anbeten, oder zumindest deren makellose Körper! Das Diktat des Begehrens stirbt langsamer als die Lust, die es trägt ...

Vielen Dank für deine kompetenten Worte!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

  • Gast
Re: Der lüsterne Alte
« Antwort #3 am: Februar 09, 2020, 12:39:11 »
Trieb ist schwierig zu "verlenken", zu absorbieren. Indes denke ich nicht, dass alle Menschen so empfinden und die Makellosigkeit des jungen Körpers anbeten. Es gibt verdamm sexy reife Männer und Frauen.

LG von Agneta

Erich Kykal

Re: Der lüsterne Alte
« Antwort #4 am: Februar 09, 2020, 23:22:32 »
Hi Agneta!

Wo hätte ich postuliert, dass ich dächte, ALLE Menschen würden so empfinden wie das obige LyrIch?  :-\

So wie du deine Entgegnung formulierst, scheinst du solches anzunehmen ...

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Der lüsterne Alte
« Antwort #5 am: Februar 10, 2020, 13:48:30 »
Du hast mit Goethe eben etwas gemein. Oder mit den Männern im Allgemeinen. Wen wundert`s?

LG g

Erich Kykal

Re: Der lüsterne Alte
« Antwort #6 am: Februar 10, 2020, 17:42:10 »
Hi Gum!

Zumindest keinen Mann ...  ;) 8) >:D

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

wolfmozart

Re: Der lüsterne Alte
« Antwort #7 am: Februar 22, 2020, 14:00:47 »
Grüß dich Erich,

Erstklassig ausgedrückt um was es geht.
Is da Ironie, Sarkasmus oder gar Zynismus dabei oder is es einfach nur eine ernste Selbstdarstellung?
Mir imponiert deine Ehrlichkeit bezüglich autobiograpisch.

Gern gelesen.

wolfmozart
« Letzte Änderung: Februar 24, 2020, 21:22:19 von wolfmozart »

Erich Kykal

Re: Der lüsterne Alte
« Antwort #8 am: Februar 22, 2020, 20:22:36 »
Hi WM!

Bei meinen Selbstbeschreibungen sind Ironie, Sarkasmus und Zynismus praktisch systemimmantent, in unterschiedlicher Verteilung. Dies hier gehört wohl eher in die zynische Ecke.

Wenn man alt wird, verwandelt sich der eigene Körper je nach Fortschritt des Verfalls und der eingefangenen Krankheiten in etwas mehr und mehr Ekelhaftes. Leider ist die männliche Libido aber meist noch bis ins hohe Alter aktiv, das Begehren also verbleibt, auch wenn die Vorstellung der Umsetzung, vor allem mit eindeutig jüngeren (weil nun mal begehrenswerteren) Leibern zwangsweise zu immer heftigeren ästhetischen Albträumen führt.
Und natürlich ist man selbst umgekehrt als alter Sack alles andere als begehrenswert - man müsste also entweder dafür bezahlen, erpressen oder sonstwie manipulieren, was dem an sich schon optisch unappetitlichen Akt zusätzlich eine moralisch höchst fragwürdige Komponente hinzufügt.

Dieser Diskrepanz sind die obigen Verse gewidmet.

Vielen Dank für dein freundliches Lob!  :)

LG, eKy
« Letzte Änderung: Februar 22, 2020, 20:24:47 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.