Autor Thema: Lampenfieber  (Gelesen 1605 mal)

Erich Kykal

Lampenfieber
« am: Juni 23, 2013, 10:16:54 »
Der Mensch, der reden soll, betritt die Bühne,
verhalten fast, als wüchse Widerstreben
in seinen Schritten, eines Scheiterns Sühne,
die er noch trägt aus einem andern Leben.

So viel hat er an Last schon hingetragen
durch ungezählter Jahre schwanken Lauf.
Wie vieles, das vermag er kaum zu sagen,
ist oft gestürzt und stand doch immer auf.

Nun wird er sprechen, und man wird ihn hören,
verleiht den Worten Wesen und Gewicht,
und ihre Macht kann kränken wie betören -
nur sich verschweigen wird sie weiter nicht.

Der ganze Raum umkreist ihn wie ein Jäger,
belauert sein Erscheinen wie ein Tier,
trägt seines Vaters Miene, wird zum Kläger,
ein letztes Urteil fordernd, jetzt und hier.

Und wie in späten Blättern an den Zweigen,
von einem Windeshauchen schon bewegt,
durchtanzt ein Raunen wie ein sachter Reigen
die Lauschenden, das sich nur langsam legt.

Dies ist der Augenblick, den sie erwarten,
da sich erweisen wird, von welchem Wert
für jene, die sich so zusammenscharten,
der Geist wohl sein mag, der sie nun beehrt.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re:Lampenfieber
« Antwort #1 am: Juni 23, 2013, 11:02:56 »
Interessant, interessant!

Später mehr.

Sonntagsgruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Daisy

Re:Lampenfieber
« Antwort #2 am: Juni 23, 2013, 19:22:21 »
Hallo Erich,

vor Lampenfieber ist wohl keiner gefeit.
Manche leiden mehr, manche weniger darunter und irgendwie ist es wohl auch davon abhängig, ob jemand regelmäßig oder nur selten vor Publikum spricht.
Ich könnte mir vorstellen, dass routinierte Redner wenig unter Lampenfieber leiden.
Bei mir schaut es da allerdings doch ein bissl anders aus, ich merke schon immer eine gewisse Anspannung, die kurz vor dem Auftritt ansteigt, sich aber schnell legt,
wenn ich die ersten Worte vernünftig herausgebracht habe.
Die Zuhörer sind schließlich auch meinetwegen da und das verleiht mir letztendlich doch eine gewisse Selbstsicherheit.

In deinem Gedicht beschreibst du ganz wunderbar und treffend den Ablauf eines öffentlichen Auftritts und die beiden letzten Strophen geben haargenau wieder,
was ich selber immer beobachte und mitbekomme, wenn ich bei einer Lesung mitmache.

Das ist wohl schon die entsprechende Einstimmung hinsichtlich der Lesung beim Treffen!?  ;)

Fein gestrickt!

LG Daisy