Autor Thema: Das Erwachen  (Gelesen 471 mal)

Erich Kykal

Das Erwachen
« am: Oktober 08, 2025, 12:47:39 »
I

Welche Wut in meinen tiefsten Lebensgrüften,
mühsam nur gesellschaftsfähig unterdrückt!
Welch ein Zorn in dräuend schweren Lasterlüften,
der mein Selbstzerstörerisches tief beglückt!

Kreischend krallen will ich, prügeln und verzehren,
was sich nicht bescheiden meinem Willen fügt!
Alles unterste will ich zuoberst kehren,
bis die Welt um mich mich nicht mehr frech belügt!

Weichen muss der kalte Kreis aus Illusionen,
der mein Grimmen immer schon gefangen hält!
Im gewaltig Losgelassnen will ich wohnen,
bis der fremde Gott aus seinen Himmeln fällt,

der mir anbefahl, mich immer zu bescheiden,
mich für andrer Wohlbefinden abzutun!
Nackter Wahnsinn soll mich bunter nun bekleiden,
aufgebrochen, um mir endlich wohl zu tun!

II

Komm, du Opfer meiner auferglühten Lüste,
füge dich dem Willen, der dich nun bewohnt!
Komm an meiner Wollust aufgedunsne Brüste,
trink die kranke Milch, die jede Mühe lohnt,

sich im heißen Rausch der Sinne zu entarten,
bis die Unschuld im Dämonischen ersäuft!
Schluck die Säfte aus dem geilen Wundergarten,
der sein Sündigstes in deine Kehle träuft!

Labe dich an allem, was man dir versagte,
was Erziehung zu Entmündigung verbot!
Wachse in die nackte Gier, die aus dir ragte -
keine graue Zucht mehr: Mal dein Leben rot!

III

Wohlig ausgelaugt entschlummern wir in Träume,
die kein wölfisch wildes Wollen mehr enthalten,
fassen selig in erschaffne Zwischenräume,
darin wir das Universum neu gestalten.

Ob du atmest oder nicht, spielt keine Rolle -
endlich schweigt das Rasende, das mich betrieb,
all das Brüllende in mir, das Übervolle!
Endlich mag ich mich und hab mein Leben lieb.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Das Erwachen
« Antwort #1 am: Oktober 08, 2025, 23:22:00 »
Lieber Erich,

na, hier tobt ja die entfesselte Seele und rächt sich für lebenslange Gängelung.
Ob sie auf Dauer zur Ruhe kommt, nachdem sie ihr Opfer (ein Alter Ego?) gefunden und sich destruktiv mit ihm vereinigt hat, wage ich zu bezweifeln.

Aufgrund der Wortwahl und Bilder genussvoll zu lesen.
LG g

(Ich schreibe demnächst vielleicht noch etwas mehr dazu).   

Erich Kykal

Re: Das Erwachen
« Antwort #2 am: Oktober 09, 2025, 01:08:36 »
Hi Gum!

Danke für die neue Deutungsebene. Ich dachte beim Schreiben eher an einen Gehemmten, der seine lebenslange Angepasstheit abwirft und sich endlich hemmungslos auslebt - ohne jede Rücksicht in seinem Rausch nach glühend zorniger Erfüllung. Demgemäß wäre sein (williges?) 'Opfer' durchaus aus Fleisch und Blut ... soviel rotem Blut ... (Willkommen zur Gruselstunde! Hähähä ...)
Könnte ja auch ein flügge werdender Psychopath sein - da sind die Grenzen wohl fließend ...

Es ging mir darum, das schiere emotionale Ausmaß dieses 'Dammbruchs' zu beschreiben, wie sehr jede Zurückhaltung einfach fortgespült wird in diesem endlich befreiten egomanischen Strömen.

LG, eKy
« Letzte Änderung: Januar 30, 2026, 10:17:20 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.