Hi, Koollook!
Ein besinnliches Gedicht zwischen heiterer Gelassenheit und nachdenklicher Traurigkeit, bei dem man nie so recht weiß, ob gemeint wird, was geságt wird, oder ob das LyrIch die Gelöstheit nur vorschiebt, um sich die Traurigkeit nicht anmerken zu lassen. Aus diesem Spannungsfeld schöpfen die Verse ihre tiefere Wirkung - daher gut gelungen!
Zweierlei hat mich, den sehr rhythmisch veranlagten Sprachverliebten, etwas gestört:
Zum einen der Mangel an Reimen durch die vielen "offenen Enden", zum anderen das indifferente Schema der wenigen Reime und der Strophenlängen.
Oh nein, ich bin nicht depressiv.
Ich bin nur in den Wind verliebt,
der dunkle Regenwolken schiebt.
Wohin er flieht? – Ich weiß es nicht.
Wunderbare erste Strophe - wohlgesetzte Sprache, schöner Reim. Da er harmonisch mittig sitzt, fallen die umarmenden losen Enden kaum auf oder haben sogar verstärkende Wirkung auf Inhalt und Duktus.Und Regentropfen auf der Wange
bitten die Tränen dann zum Tanz.
Betonter Auftakt im ansonsten unbetont auftaktenden Gedicht. Eine Lösung: (Komma am Ende der Vorzeile) "sie bitten Tränen dann zum Tanz."So steh ich da im grauen Glanz
und schau dem bitter-süßen Duo
bei ihrem Trauertango zu.
Die fünfte Zeile schafft ein rhythmisches Ungleichgewicht, das die fehlenden Reime auffälliger macht.Wenn Hirne zwischen Herzen hetzen
und sie dabei so leicht verletzen,
such ich den Wind, doch find ihn nicht.
Oh nein, ich bin nicht depressiv.
Da auch hier ungereimte Zeilen direkt aneinander stehen, kommt der positive Effekt von S1 ebenfalls nicht zustande.Reimgeförderte, harmonisierte Version:
Oh nein, ich bin nicht depressiv.
Ich bin nur in den Wind verliebt,
der dunkle Regenwolken schiebt.
Wohin er flieht? – Ich weiß es nicht.
Kurz hier und fort im Nu.
Und Regentropfen auf der Wange,
sie bitten Tränen dann zum Tanz.
So steh ich da im grauen Glanz
und schau der bittren Süße lange
bei ihrem Trauertango zu.
Oh nein, ich bin nicht depressiv.
Wenn Hirne zwischen Herzen hetzen
und sie dabei so leicht verletzen,
such ich den Wind, doch find ihn nicht.
Es lässt mir keine Ruh.
Hier haben wir nun sogar alles gereimt in der Mittelstrophe, die von den Strophen, die nicht durchgehend gereimt sind, gleichmäßig umarmt wird, und die ungereimten Enden in S1 und 3 sind obendrein exakt dieselben (depressiv/nicht), was durch symmetrisches Gleichmaß ebenfalls harmonisierend wirkt.
Zusätzlich verbindend nun die strophenübergreifenden Endreime der jew. 5. Zeilen.
Das kann man natürlich als Spielerei betrachten, soll aber dazu dienen, das lyrische Ohr zu schulen oder Alternativen anzubieten. Wie weit man mit Änderungen gehen will und wie weit diese noch mit den ursprünglichen dichterischen Intentionen einhergehen, muss und darf jeder Autor natürlich selbst entscheiden.
Ich behaupte keineswegs, dass mein sprachmelodisch harmonisierter Angang der lyrischen Weisheit letzter Schluss sei - ich biete nur
meine individuelle Sicht- und Herangehensweise an und überlasse es dir, was du draus machst, oder ob es überhaupt für deine literarischen Erwägungen eine Rolle spielt.

Gern gelesen und bearbeitet. Nimm, was dir brauchbar erscheint.
LG, eKy