Autor Thema: Der Parkplatz  (Gelesen 3143 mal)

gummibaum

Der Parkplatz
« am: August 23, 2016, 19:19:24 »
Noch liegt sein Schatten auf dem Teer,
ich sehe Dach und Wand
und finde doch das Haus nicht mehr,
das hier so lange stand.

Mein Vater hatte es geerbt,
davor von Mal zu Mal
ein Vorfahr. - In die Tür gekerbt
war eine alte Zahl.

Noch rieche ich der Eltern Schweiß,
Geburt und Tod und mehr.
Dann blendet mich nur noch das Weiß
der Streifen auf dem Teer...
« Letzte Änderung: September 10, 2016, 11:47:01 von gummibaum »

Erich Kykal

Re: Der Parkplatz
« Antwort #1 am: August 23, 2016, 22:37:18 »
Hi Gum!

So wie du hier beginnst, weiß man erst nicht einzuorden, wessen "Schatten" noch "hier" liegt, erst mit dem Fortschreiten der Satzkonstruktion wird die Erklärung nachgereicht.

Alternative für S2Z2: "... geerbt, // davor von Mal zu Mal // ein Vorfahr. ..." - ich denke, das "von Mal zu Mal" würde die Erbabfolge besser als Zeitlinie verdeutlichen als dein "manches Mal", was eher wie ein beliebiges Geschehnis klingt.

Sehr schön verdichtest du den Liedtext von Reinhard Mey, der beschreibt, wie er die Stätten seiner Kindheit und Jugend besucht, nur um sie völlig verändert oder überbaut vorzufinden. Sein gesungenes Fazit:

Ich find, es ist nicht gut zurückzukehren
an all die Orte, wo wir fröhlich warn.
Erinnerungen, die dort vorfänden, wären
doch nicht die, die wir uns davon bewahrn.

Erinnerungen sind vor allen Dingen
in uns, und nicht an irgendeinem Ort,
und so schön, wie sie für uns waren, klingen
sie eben nur noch in unsern Erinnerungen fort.

So sinnlos wie die Zeiger Uhren
anzuhalten und zurückzudrehn,
so sinnlos ist es auch, auf den Spuren
lang vergangner Tage zu gehn.


Diese Conclusio schwingt sehr deutlich auch in deinen Zeilen mit: All die Vergangenheit, die Geschichte und die Geschichten haben nun keinen Ort mehr in der Welt, an den sie gehören, leben nur noch in dir selbst, ohne Echo in der Realität. Heimatlose Erinnerungen sozusagen ...

Sehr gern gelesen und wehmütig mitempfunden!  :)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Der Parkplatz
« Antwort #2 am: August 24, 2016, 00:57:06 »
Danke, lieber Erich. Ich lasse es mal so.

Das Lied von Mey, das so als Quelle naheliegend ist,  kannte ich nicht. Aber herzlichen Dank für den Text. Ich höre fast keine Musik. Ich habe nur aus dem Fenster geschaut (das machen die alten Leute öfter) und als erstes den Schatten des nächsten Hauses gesehen. Der Rest ergab sich.

Gute Nacht und LG
gummibaum
« Letzte Änderung: August 24, 2016, 01:08:38 von gummibaum »

a.c.larin

Re: Der Parkplatz
« Antwort #3 am: August 24, 2016, 10:16:53 »
Hi gummibaum,

ich kenne dieses wehmütige Hinterhergucken in eine Zeit, die vergangen ist, mittlerweile auch.
Man hat gewisse Orte mit einer  gewissen Art  zu sein eingespeichert - und die ist Teil von einem selber geworden.
Das will man nicht verändert wissen ( Und je älter man wird, desto sturer und Beharren - wollender wird man!)

Ich habe mal eine Arbeitsplatz - unter anderem auch deshalb - gewechselt, weil der Weg dorthin im Begriffe war, sich dramatisch zu verändern. Mit anderen Worten:Die Felder wurden zubetoniert - und das wollte ich mir nicht mitansehen müssen. Es hätte mich zu traurig gemacht.

Das Verschwinden der Natur aus dem Nahbreich ist ja besonders etwas, das im Umfeld der Großstadt rasch vonstatten geht.

Mein Wohnbezirk hat sich in den letzten 80 jahren unglaublich verändert.
Überall auf der Welt greift die Verstädterung um sich.

Wie wird sich das wohl auf die Psyche der Menschen und auf ihr Zusammenleben auswirken?


Nachdenklich geworden, larin


Änderungen erfolgt, wegen zu vieler Tippfehler meinerseits, sorry!
« Letzte Änderung: August 24, 2016, 17:52:48 von a.c.larin »

gummibaum

Re: Der Parkplatz
« Antwort #4 am: August 24, 2016, 17:04:49 »
Hallo larin.

Das ist ein schöner Beittrag zu dem Text. Vielen Dank. Ich denke mal, die Psyche passt sich an.

LG gummibaum

Curd Belesos

Re: Der Parkplatz
« Antwort #5 am: September 09, 2016, 23:58:45 »
moin moin gum,

die erste Strophe gefällt mir besonders, da die Erinnerung die Schatten der Vergangenheit heraufbeschwört, doch das Haus nicht mehr manifestieren kann. In S2/Z2 sollte für  "manches" eine Alternative gesucht werden, wie Erich bereits vorschlug.

Das Haus meiner Eltern wurde "nur" verkauft, aber wenn ich daran vorbeifahre, ist mir der Ort fremd geworden.

Gerne gelesen.

LG
CB

 
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

gummibaum

Re: Der Parkplatz
« Antwort #6 am: September 10, 2016, 11:44:30 »
Danke, lieber Curd. Erichs Vorschlag setzte ich jetzt um. Ich hoffe, dir geht es gut.

LG gummibaum

Curd Belesos

Re: Der Parkplatz
« Antwort #7 am: September 11, 2016, 23:03:44 »
Hi, gum, .....hoffe du hast keinen Muskelkater vom Training bekommen ;)
Ich bin fit, danke  8)

LG
CB
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

cyparis

Re: Der Parkplatz
« Antwort #8 am: September 15, 2016, 12:32:14 »
Deprimierend, lieber gummibaum!

Aber metrisch besonders gelungen, auch die Zeilenumbrüche passen exakt.
Ein Könner hat geschrieben!

Liebe Grüße
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
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