Autor Thema: Quasimodus  (Gelesen 2176 mal)

Erich Kykal

Quasimodus
« am: Juli 09, 2017, 16:59:16 »
Wehe dem Schönen, das Sprache einst wusste,
als man noch schätzte, was rund sie beschrieb.
Karger an Fülle erkrankte der würdige Weinstock,
trocken und morsch liegen die Keltern brach.
Verlorenes Wunder, der Wein bewegender Worte
im Stammeln der Narren, die Neues versuchten,
jedoch ohne Achten, ob es den Sinnen gefällt.
Beraubt der Form, aufgewachsen im Klange,
zerstückt und beliebig zusammengewürfelt
im Namen der Mode, des Zeitendiktats,
gebeugt und krumm, schief und zerworfen
brüllt das Konstrukt nach Bedeutsamkeit,
buhlt um Mehrwert im schrägen Gewande,
geschneidert von jenen, erblindet im Rausche
verselbstständigter Evolution der Banalen,
welche nur jener Kunst sich am nächsten wähnen,
die selbst sie bestimmten zum Maß ihres Tuns.
So holpern und stolpern im taktlos Modernen
die fleischlosen, knöchernen Reste von Bildern
und klappern die Zeichen, die sie bedeuten sollen,
wie leblose Puppen vergeistigten Gesten nach.
Wehe dem Schönen, das Sprache einst wusste,
als man noch schätzte, was rund sie beschrieb.
« Letzte Änderung: Oktober 27, 2022, 18:54:02 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Quasimodus
« Antwort #1 am: Juli 10, 2017, 10:41:00 »
Lieber Erich,

die Klage über den Niedergang der Dichtung in der Moderne verstehe ich gut. Ich kann mich auch nur selten mit einzelnem, was hochgelobt wird, anfreunden, und es wirkt praktisch nie nach. In Geschichtsbüchern werden solche sich als zu gewichtig empfindenden Epochen nachträglich Zeiten der Wirren genannt. Aber deine "morschen Keltern" gefallen mir. Diesmal ist dir - wohl thematisch bedingt- sogar der Reim ausgegangen.

Sehr gern gelesen.

LG gummibaum

Erich Kykal

Re: Quasimodus
« Antwort #2 am: Juli 10, 2017, 20:20:38 »
Hi Gum!

Pures Frustlamento! Wie du weißt, kann ich mit den meisten Auswüchsen und Hirnwixereien der "modernen" Dichtkunst (Ha! Weder Kunst noch Dichtung, soweit es mich betrifft!) so gar nichts anfangen!
In einem anderen Forum gibt es einen diesbezüglich berufenen Autor marginalen Sprachtalents, der sein beliebig und strukturlos Abgetropftes seit einer Dekade dort in diverse Unterforen bläst, als Titel stets nur das jeweilige Datum und die Uhrzeit der lyrischen Straftat!
Meist gelingt es mir, diesen Ergüssen degenerierender Banalität fern zu bleiben, aber alle paar Jahre schaue ich nach, ob es irgendeine merkbare sprachliche Weiterentwicklung bei diesem Schreiberling gibt - und werde nicht nur bitter enttäuscht, sondern all der angestaute Frust über diese Art Verrat an echter Poesie ergießt sich dann in einigen zynischen Gedichten mit indirekten und direkten Angriffen auf diese Art "Lyrik" oder Persiflagen dieses unsäglichen Dichtstils.
Danach kann ich wieder friedlich sein ... - nach außen zumindest!

LG, eKy
« Letzte Änderung: Juni 30, 2020, 15:59:45 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.