Autor Thema: Winter 1812  (Gelesen 2117 mal)

Aspasia

  • Gast
Winter 1812
« am: September 06, 2014, 23:16:47 »
Warte nicht auf den Kadaver,
setz am warmen Leibe an!
War dein Fuchs denn nie ein Braver?
Jetzt ernährt er seinen Mann.

Schneid die Hinterbacken runter,
Russlands Frost betäubt den Brand,
so läuft er bis morgen munter
westwärts Richtung Heimatland.

Sinkt entkräftet er darnieder,
schlitz ihn, ehe er verstirbt,
eh versteinern seine Glieder,
und sein Blut zu Stahl gefriert.

Nimm zuerst die warme Leber
rohbelassen zum Verzehr,
trink das Blut als Lebensgeber,
Biwakfeuer gibt’s nicht mehr.

Würz das Fleisch mit deinen Tränen,
tauch dein Herz in Depression -
weißt noch nichts von Schicksals Plänen:
Beresina wartet schon.

Erich Kykal

Re:Winter 1812
« Antwort #1 am: September 07, 2014, 12:05:25 »
Hi, Aspasia!

Der Rückzug der napoleonischen Truppen war ein grausames Gemetzel, das nicht allein ein Napoleon zu verantworten hatte - damals galt bei allen Feudalstaaten Krieg noch als gerechtfertigtes Mittel der Politik - als deren Fortsetzung mit anderen Mitteln, und das Schlachtfeld galt als "Mannesschmiede" und "Feld der Ehre" und wurde in all diesen patriotischen und machohaften Heldenphrasen gewürdigt und verklärt! Das Weinen der Mütter und Witwen wurde als gegeben abgetan und verhallte ungehört im Nachhall der Geschichte, die nur von großen Feldherrn und Herrschern berichtet, die zumeist ihr egomanischer, soziopatischer Eroberungswille, Ihre Geltungssucht oder ihre Rachsucht groß gemacht hatte, von Alexander dem "Großen" bis zum "großen" Ceasar, von Hannibals "großem" Scheitern gegen das römische Reich bis zu Friedrich dem "Großen" in Preussen, von Karl dem "Großen" bis zu Katharina der "Großen" - usw...!

Es lässt tief blicken, was wir historisch betrachtet so alles für "groß" halten... Interessanterweise wird fast nur Napoleon für seine "Groß"mannsucht später  - zumindest außerhalb Frankreichs - verdammt und verurteilt. Der Grund ist pikant: Nicht weil er letztlich (alles) verloren hat - das haben andere Geschichts"größen" auch (siehe zB Hannibal), nein: Weil er nicht von "nobler" Geburt war! In den Augen der damaligen Herrscher wie auch vieler Beherrschter sowie der bei selbigen Herrschern in Kost, Amt und Würden stehenden "Historiker" (soviel zur "objektiven" Geschichtsschreibung...) war er ein Emporkömmling, ein Gemeiner, der die Frechheit gehabt hatte, sich selbst zm Kaiser zu krönen und - schlimmer noch - sie alle jahrelang immer wieder zu besiegen und zu demütigen!

Das soll jetzt keine Rechtfertigung für Napoleons Handeln sein - er war ein Usurpator, ein skrupelloser Machtmensch und Manipulator und hat, wie dein Gedicht so deutlich beschreibt, unfassbar viel Leid verursacht, ohne sich weiter daran zu kehren: Menschen waren für ihn nur Mittel zum Zweck. Darin allerdings unterscheidet er sich kaum von den meisten der damaligen Monarchen, die es als gottgegebenes Recht ansahen, ihre Untertanen jederzeit und skrupellos vor den Karren ihres persönlichen Ehrgeizes zu spannen in ihrem kurzweiligem "Spiel" namens Politik. Napoleons Glück wie Unglück bestand nur darin, dass er im Siegen erfolgreicher war als andere - und im Scheitern unsäglicher.

Gern gelesen, denn deine Zeilen haben mich an all dies erinnert. Und ja: Das Pferd tat mir wesentlich mehr leid als die verhungernden Soldaten! Was sagt das über mich aus???

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re:Winter 1812
« Antwort #2 am: September 07, 2014, 13:34:37 »
Es ist schon eine Leistung, diesen Geschichtsabschnitt am Schicksal eines von 150000 Pferden so lebendig werden zu lassen, Aspasia. Die Vorstellung, dass das Tier ohne Hinterbacken mit zugefrorener Wunde leichter trabt, macht das Makabere dieses Rückzugs greifbar.

Ich habe meine alten Geschichtsbücher noch. Damals dachte ich, die Beresina sei sehr breit, aber es sind kaum 50 m.  

Dein Gedicht habe ich sehr gern gelesen.


LG gummibaum
« Letzte Änderung: September 07, 2014, 14:07:44 von gummibaum »

Aspasia

  • Gast
Re:Winter 1812
« Antwort #3 am: September 07, 2014, 13:36:38 »
Hi, Aspasia!

Der Rückzug der napoleonischen Truppen war ein grausames Gemetzel, das nicht allein ein Napoleon zu verantworten hatte ...

Das soll jetzt keine Rechtfertigung für Napoleons Handeln sein - er war ein Usurpator, ein skrupelloser Machtmensch und Manipulator und hat, wie dein Gedicht so deutlich beschreibt, unfassbar viel Leid verursacht, ohne sich weiter daran zu kehren: Menschen waren für ihn nur Mittel zum Zweck.

...

Gern gelesen, denn deine Zeilen haben mich an all dies erinnert. Und ja: Das Pferd tat mir wesentlich mehr leid als die verhungernden Soldaten! Was sagt das über mich aus???

LG, eKy

Danke fürs Lesen und für deinen umfassenden Kommentar, lieber Erich.

Das Gedicht entstand unter dem Eindruck des neuesten Buchs über Napoleons Russlandfeldzug (Adam Zamoyski: "1812 - Napoleons Feldzug in Russland"). Der Autor hat sich mit dem Quellenstudium sehr viel Arbeit gemacht, bis hin zu Tagebucheinträgen von Kriegsteilnehmern, sowohl was einfache Soldaten als auch Offiziere angeht. Nach seinen Auswertungen waren die Dinge, die diesem Krieg zugrunde lagen, sehr differenziert und lassen sich allein mit Großmannssucht nicht erklären.

Zwischen vielen Staaten der damaligen Zeit herrschte viel Mißtrauen, ganz besonders jedoch bezüglich der französischen und russischen Interessen. Das Verhältnis zwischen Napoleon und Zar Alexander war anfangs dennoch freundschaftlich geprägt, weil sich beide Herrscher gegenseitig mochten. Auch lebten in Russland viele Europäer und natürlich auch Franzosen. Aufgrund vieler Mißverständnisse und auch, weil Alexander unter dem Einfluss seiner anti-napoleonischen Familie stand, sah sich Napoleon zum Krieg gegen Russland veranlasst. Wie verflochten die europäischen Staaten damals waren, zeigte sich darin, dass auf beiden Seiten nicht nur französische bzw. russische Truppen kämpften, sondern auch deutschsprachige Soldaten, Polen, Italiener und andere mehr.

Der Feldzug hätte nicht in einer Katastrophe enden müssen, wenn nicht einige fatale Fehlentscheidungen auf beiden Seiten getroffen worden wären. Sowohl für die Franzosen als auch für die Russen hatten sich Möglichkeiten aufgetan, den Gegner endgültig zu schlagen. Sie wurden nicht wahrgenommen. Das lag zum Teil auch daran, dass sich die Teile der Armeen zu weit auseinander befanden und - aufgrund von Kompetenzstreitigkeiten unter dem russischen Führungspersonal - Befehle von der Heersleitung ignoriert wurden. Napoleons größter Fehler war, den Rückzug nach Polen zu spät angeordnet zu haben.

Hinzu kam, dass Napoleons Verhalten untypisch für ihn war. Er galt bis zum Russlandfeldzug als genialer Stratege und Feldherr. In Russland jedoch erwies er sich als unsicherer Zögerer, der sich von Stimmungen leiten ließ. Es stimmt nicht, dass ihm seine Soldaten egal waren, die Verluste und das Leid der Menschen bereiteten ihm große Pein. Er wohnte persönlich dem Brückenbau an der Beresina bei und sah zu, wie Soldaten bis zur Brust im Eiswasser standen und manche von ihnen vom Wasser davongerissen wurden oder später an Unterkühlung starben. Das hätte er sich nicht antun müssen - aber er hat es sich angetan. Er musste vielleicht, denn jeder sterbende Soldat war die Garantie dafür, dass zwei oder drei weitere Soldaten ans andere Ufer kam. Wie bei den Ameisen.

Die Pferde tun dir leid, Erich, und natürlich spricht das für dich. Aber wir sind im Frieden, wo Pferde dem Vergnügen oder manchmal noch der Feldbestellung dienen, hauptsächlich aber ein Sportgerät sind.

Gerät waren sie damals auch, reine Nutztiere, die grauenhaft umkamen. Zehntausende bereits beim Eintritt in Russland aufgrund gravierend schlechter Klima- und Bodenverhältnisse. Später kamen Kriegsbeschuss, Hunger und Kälte dazu, beim Übergang über die Beresina wurden viele zu Tode getrampelt, weil sie sich, zwischen die Holzbohlen geraten, die Beine brachen und stürzten. Aber sie wurden gebraucht.

Es gibt aber auch positive Berichte von Franzosen, die mit Weitblick und Lebenserfahrung handelten und nicht nur heil nach Hause kamen, sondern auch ihr Pferd heil mitbrachten.

Warum tun sich Menschen das gegenseitig an, und warum tun sie es ahnungslosen Tieren an? So dachte ich oft beim Lesen dieses Buches.

Ich kann es empfehlen, es wird von der Presse ohnehin hochgelobt. Aber streckenweise muss der Leser einen gesunden, starken Magen haben, um durchzukommen.

VG
Aspasia
« Letzte Änderung: September 07, 2014, 14:04:00 von Aspasia »

Aspasia

  • Gast
Re:Winter 1812
« Antwort #4 am: September 07, 2014, 14:00:28 »
Ich habe meine alten Geschichtsbücher noch. Damals dachte damals, die Beresina sei sehr breit, aber es sind kaum 50 m. 

Dein Gedicht habe ich sehr gern gelesen.


LG gummibaum

Danke, gummibaum, für deine Aufmerksamkeit. 150.000 ... ich wusste nicht, dass es insgesamt so viele waren. Ich weiß nur, dass es Situationen gab, an denen Zehntausende pro Tag zu Tode kamen.

Die Beresina war nicht breit. An der Stelle, wo die erste Brücke gezimmert wurde, soll sie sogar nur zwanzig Meter breit gewesen sein. Es wurden auch an anderen Stellen Brücken errichtet. Vielleicht war die Beresina an der weitesten Stelle 50 Meter breit, aber wo die Brücken gebaut wurden, hing auch von einem Täuschungsmanöver ab, das Napoleon gelang. Die Russen hatten mit einer ganz anderen Übergangsstelle gerechnet.

20 Meter - da fragt man sich: Weshalb nicht einfach reinspringen und schwimmen.

Leicht gesagt, wenn sich Kanonen, mit Beute beladene Pferdewagen sowie Zivilisten mit Babys auf dem Arm oder Frauen, die gerade entbinden, im Tross befinden.

Abgesehen davon, dass die Beresina trotz Tauwetter Eisschollen trug und einen unterkühlten Schwimmer schnell ins Nirgendwo riß.

Es gab Menschen, die es schwimmend schafften.

Trotz der vielen Menschen, die dem Gang über die Beresina zum Opfer fielen, gilt dieser Übergang als eine Meisterleistung in der Militärgeschichte.  Die Option, sich zu ergeben und dann elendig zugrunde zu gehen, wurde nicht gezogen. So schaffte es mehr als die Hälfte der Armee, ans andere Ufer zu kommen.

cyparis

Re:Winter 1812
« Antwort #5 am: September 08, 2014, 12:06:14 »
Für mich gibt es nur einen kürzesten Kommentar:

Grausig gut!


Freundlichen Gruß vorerst
von
Cyparis


Ich melde mich wieder.
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
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