Autor Thema: Smetana und das Stromgewässer  (Gelesen 2211 mal)

Martin Römer

  • Gast
Smetana und das Stromgewässer
« am: April 29, 2020, 15:23:19 »

Wir brauchen wahrlich keinen Narrenspaß zur Stunde.
Was hab ich schon erzählt? Ich hasse Laub und Lehm…
Erquicklich war mir deine andachtsvolle Kunde
und doch ist mir der schiere Friedhof nicht genehm.

Ein dummes Flüsslein macht doch keinen Musenschall.
Wer möchte ohne Dürstungskleidchen mich umfassen?
Wir wollen buntes Schweifen, keinen Überfall
und doch die Waffen ungepriesen glänzen lassen.

Ich habe meine Klippenwanderung bestanden
und bin gelind den Redlichen zurückgekehrt,
obgleich Brutalperverse freudenreich mich fanden.
O Böhmenwald, bin ich dir jemals wieder wert?



Sufnus

Re: Smetana und das Stromgewässer
« Antwort #1 am: April 29, 2020, 17:12:13 »
Es gibt Programm-Musik, das "Nacherzählen" einer Begebenheit, einer Stimmung oder eines Vorgangs mit den Mitteln der Musik. Die sinfonische Dichtung "Vltava" (Moldau) aus dem Zyklus "Má Vlast" (Mein Vaterland) von Smetana ist wohl bis heute die populärste Programm-Musik.

Gibt es auch Programm-Lyrik? Oder beinhaltet Lyrik naturgemäß immer ein Programm, so dass sich die Bezeichnung hier pleonastisch erübrigt? Ist Lyrik dann nur ein Vehikel zur Übermittlung von Inhalten? Vielleicht ein besonders schönes und erhabenes Vehikel, aber doch nicht mehr als das? Hat Lyrik keinen Wesenskern, der tiefer reicht, als die mit ihrer Hilfe vermittelten Inhalte?

Die Programm-Musik fand ihren vorläufigen Höhepunkt wohl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Doch schon damals war sie umstritten, dem Verdacht der Verkitschtheit ausgesetzt, wurde gar als Erniedrigung der Musik angesehen: Die Progamm-Musik habe die Welt der Töne anderen Kunstformen dienstbar macht. Dem wurde das Ideal einer absoluten Musik entgegengestellt, einem reinen Gebilde aus Tönen und Rhythmen, in dem musikalischer Inhalt und Tonsprache nicht voneinander zu trennen sind.

Gibt es absolute Lyrik?

Martins Zeilen beziehen sich jedenfalls erkennbar auf Smetanas Liebeserklärung an die Vltava, deren konsonantreicher Name uns so slawisch in den Ohren klingt, aber doch aus dem Germanischen stammt, Wilth-Ahwa. Das Adjektiv "wilth" hat im Deutschen nur die Schreibweise nicht den Klang geändert: Wild. Und in Ahwa erkennen wir unschwer Aqua, das Wasser. Auf halber Strecke zwischen Prag und der Grenze nach Deutschland fließen dann die Vltava und die Labe (Elbe) zusammen und obwohl die Elbe an dieser Stelle der kleinere der beiden Ströme ist, trägt das Fließgewässer ab da ihren Namen, so dass Hamburg und Magdeburg sich regelwidrig als Elb- und nicht als Moldau-Städte verstehen.

Und wie steht nun unser Martin zu alledem? So ganz scheint er weder von der Naturschönheit der Vltava noch von der musikalischen Unanfechtbarkeit des gleichnamigen Musikstücks von Smetana überzeugt zu sein. Narrenspaß, ich hasse Laub und Lehm, Friedhof, dummes Flüsslein... das spricht nicht für eine unkritische Zugewandtheit. Und doch enden seine Zeilen in einer hymnischen Anrufung des Böhmerwalds, Martin hat den Namen nicht zu seinem Nachteil etwas abgewandelt, dieser grünen Heimat des Flusses und die eigentliche Inspiration für Smetanas Musik, eines der schönsten Landschaftsensembles, das sich aus der Durchdringung von Kultur- und Naturraum ergibt, für kurze Zeit durch einen eisernen Vorhang getrennt und heute wieder verbindendes Element dreier Länder des guten, alten Europa. Keine unkritische Zugewandtheit beim Dichter, wahrlich nicht, aber doch eine tiefe Versöhnlichkeit. Wollen wir also das Banner senken und auch den Streit zwischen Programm und  absoluter Kunst einen Moment ruhen lassen.

Sehr sehr gerne gelesen!

S.


« Letzte Änderung: April 29, 2020, 17:37:34 von Sufnus »

Martin Römer

  • Gast
Re: Smetana und das Stromgewässer
« Antwort #2 am: April 29, 2020, 18:47:38 »
Werter Gefährte,

da hast du dir ordentlich Mühe gemacht, wenn du die pädagogische Floskel verzeihst.
Hübschen Dank für diesen so selten gewordenen Verstandsreichtum.

Hier hat Ericus einmal mehr Pate gestanden.
Die viele Nörgelung über meinen Gebrauch von Bildern und dergleichen.
Er mag hier und da was mystisch finden, aber lieber wäre mir doch, nicht auf einem Friedhof zu wandeln.
Drum ist mir das Klanggemälde der Moldau eingefallen, um sozusagen aus einem andern Blickwinkel darüber nachzusinnen.
Diese unruhigen Geigen, dieses Strudeln, der Schmelz der Melodie, die Posaunen, heftige Kunstopulenz - als ginge es nur um das Flüsslein....
In der umgekehrten Logik hieße es wohl: kein zärtliches Kennenlernen, keine Prüfung in Moll, keine rauschhafte Besiegelung.
Klingt nicht besonders festlich.

Vielleicht habe ich dir mit dieser Erklärung des Impetus auch bzgl. der Programmmusikdebatte weitergeholfen.
Ich denke schon, dass Lyrik von sich aus immer ein Programm hat.
Ob man jetzt besonders sterile Dinggedichte als "absolut" etikettieren möchte - wen interessierts.
Programmmusik wiederum ist für mich ein kleiner Nebenzweig, ein Ausfluss der Romantik.
Ansonsten ist Musik von Renaissance bis Neuzeit eigentlich generell Sprache und Schilderung in welchem Sinne auch immer.
Vielleicht nicht das wilde Geschrei des späten Beethoven, um das noch schmunzelnd anzufügen.
Eben Träume von seligeren Zuständen, schönerer Geselligkeit, größerer Vertrautheit - oder die raren seligen Momente eingefangen und in Töne gesetzt.

Am Ende ein paar geschwollene Töne von dir - je nun, es gibt Böhmens Hain und Flur, also Böhmenhain.
In meinem Zustand bin ich froh, überhaupt irgendwelche vernünftigen Sätze zustande zu bringen.

Aber die angeblich hymnische Anrufung der mildvergoldeten Landschaft hat es in sich!
Zumindest früher war es so: der schlimme nüchterne Westen hier und dort die Freiheit auf den Fluren von Wien und Tschechien.
Biersaufen im deutschen und im böhmischen Garten - hach ja....
Doch, was Leben und Liebe bedeuten können, wird in der Musik streckenweise grandios zum Ausdruck gebracht.
Wenn ich aber demnächst mit oder ohne Mafia durch die Welt rasend Mord und Totschlag mache, weiß ich nicht,
ob mir nach allem nicht gar noch das Holdeste der Welt pharisäisch entgegentreten würde und ich ingleichen abgeneigt wäre.


Schluchzende Grüße
M.

Erich Kykal

Re: Smetana und das Stromgewässer
« Antwort #3 am: April 30, 2020, 10:39:31 »
Hi Martin, Suf!

Diesmal habe ich das Werk fast verstanden, und mit Sufnus Kommi wurde einiges noch deutlicher.

Dass dich meine "Kritik" so berührt, wusste ich nicht - ich entschuldige mich, sollte ich zu unverhohlen geschrieben haben - ich habe zuzeiten ein Problemchen damit, meine Wirkung auf andere einzuschätzen, da ich dazu tendiere, mir selbst eher wenig Bedeutung und damit Einfluss zuzumessen. Das ist keine falsche Bescheidenheit, sondern einem tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex geschuldet, den ich mein ganzes Leben mit mir heumschleppen werde.
Zudem bin ich ein Kopfmensch, der sehr selten und nur aus sehr wenigen Anlässen emotional wird, aber wenn es denn mal geschieht, gleicht es einem Vulkanausbruch! Im Augenblick vielleicht zerstörerisch - aber ich bemühe mich immer, wenigstens fruchtbare Erde zu speien!  ;) ::)

Ich finde, du zeigst Größe, dich hierin zu bemühen, weniger symbolhaft zu schreiben. Suf nennt es "Programmlyrik", die dennoch versucht, absolut zu wirken. Ich glaube, darin den Kern unserer unterschiedlichen Verstehensweisen von Lyrik gefunden zu haben:
Du schreibst "absolut", so vergeistigt und in symbolhaften Begriffen und Bildern, dass die eigentliche Aussage, sprich der Inhalt, zu einem Rätsel werden, zumindest für jene, die nicht in Bildern und Gleichnissen zu denken gewohnt sind. Ich hingegen bin viel mehr der "Programmlyriker", ich folge einem klaren roten Faden, wenn ich schreibe, beschreibe Gesehenes und Gefühle dazu geradeheraus und in deutlich nachvollziehbarem Kontext. Bei mir ist Lesen gleich Verstehen, bei dir ist das Verstehen eine zu lösende Aufgabe, die der Autor stellt.

Das mag man nun mögen, wie man will.  :)

Sehr gern gelesen!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Martin Römer

  • Gast
Re: Smetana und das Stromgewässer
« Antwort #4 am: April 30, 2020, 14:16:47 »
Werter Wiesenfreund -

über sowas wie gefühlsduselige Antastungen brauchst du dir keine Sorgen zu machen.
Du kannst mich höchstens mit Andeutungen von Acedia ("Belassen wirs dabei!") in der ohnehin schon schrecklichen Zeit erbittern.
Es hat sich ja in den letzten Nächten auch das Geistlein empört, dass ein rechtschaffener Austausch so gut wie nicht mehr stattfindet.
Hier allerdings lediglich ein süßes "hmmhmh herrje..." und die Moldau wollte ich schon immer mal berühren.

Das ist ja - pardon für die beschwingten Worte! - unter den Meisterwerken eines von so anrührender Natur.
Wie üblich sollte man natürlich zu historisch informiert greifen, sonst ist es Kitsch.
Der Schmelz, das Düster, das schließliche Fest - das muss eine geweihte Stunde gewesen sein.
Die letzten ruhigen Takte sagen mir: wir gehen ohne schattenvollen Groll nach Hause, befriedigt von befriedigender Liebe.
So seien sie mir - die Nymphelein und Brüderlein im Herzenshain.....

Lass dir künden von einem schon fast aberwitzigen Blick:
ich hab den Dreck des Lebens seit 20 Jahren, ich liebe meine zarten Liebesvisionen, die Welt umfängt die Endzeit.
Dass ich darüber noch nicht verrückt geworden bin - das Erstaunen hält sich bei der Qual in Grenzen....
Womöglich kann ich in einem Jährchen das hier nochmals lesen und lachen oder ich geselle mich via Grab den Musen bei.

Deinen Worten über die unterschiedliche Herangehensweise kann man kaum noch was hinzufügen - Weiser!
Vielleicht gibt es auch bei mir irgendwo einen Minderwertigkeitskomplex, um Stalindiktion aufzugreifen -
nicht so sehr aus der eigenen Seelengosse nehmen, keine Allerweltsdiktion betreiben, sich in die Höhe schwingen usw.

Heut morgen hab ich musikalisch nachgedacht:
Eroica ist Krieg und Sieg mit dem Programm des weltlichen Napoleon,
die glanzvolle Jupitersinfonie beschreibt ebenfalls unverkennbar Krieg und Sieg - aber in der geistigen Sphäre.
Was jene Debatte anbelangt, sag ich natürlich: hinfort mit dieser Unersprießlichkeit.
Jenseits der einigermaßen symbollos beschriebenen bitteren Realitätsprobleme präferiere ich den anmutigen Jüngling.

Hier müsste noch angemerkt werden, dass meine Zartheit kaum der gewöhnlichen Zartheit entspricht.
Kultivierte Leute mit Sehnsucht - eine erbärmliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen.
Sieh es bitte nicht als Unverschämtheit, aber ich wünsche mir ganz logisch Kreise, wo die Sprache unverzüglich verstanden wird.
Hierüber ließe es sich ein ander Mal vielleicht genüsslich schwatzen, denn du hast es ja offenkundig weder mit Verbrechern noch mit einem Leiden an übergroßer Vereinsamung zu tun.

Wenn ein Krieg im Herzen stattfindet, welche Diktion springt einen an?...
Als die Wiesenfürstin bspw. davon sprach, im Schlafe büßend in eine weiße Rose zu fließen, hieltest du dich bedeckt.....
Genug, du hast vernünftig die Wahrheit auf den Tisch gelegt.
Noch ein paar wenige Male werde ich schwach herankriechen, um den verklärten Busen auszuschütten.


Angenehme Grüße
M.