Autor Thema: Lolitus  (Gelesen 18 mal)

Erich Kykal

Lolitus
« am: Februar 19, 2026, 11:03:47 »
Zu früh verführt von Internet und Knete,
an einen Sugardaddy hin verhurt,
bekommt er Geld, damit er richtig spurt
bei jedem Filmchen, das man mit ihm drehte.

So lang er klein und glatt ist überm Pimmel,
darf er sich glücklich schätzen und begehrt,
- egal, wes Cis-Moral sich drob empört -
'haucht' er auch Daddys Freunde in den Himmel.

Ein süßer Fratz, verludert und verdorben,
ihm macht kein Bürgerlicher mehr was vor!
Sie alle wünschen ihn zu sich empor
und wären für die Lust auf ihn gestorben.

Sein ganzer Selbstwert hängt an dem Begehren,
mit dem ihn diese Szene derb umwirbt,
bis irgendetwas still in ihm verstirbt,
das ihn ermahnen wollte und belehren.

Moral ist nur der Trug, der uns umfächelt,
den man erzählt, damit die Gier nicht kneift,
die einen Kerl hin und wieder streift,
wenn allzu mädchenhaft ein Knabe lächelt.
« Letzte Änderung: Februar 19, 2026, 11:07:34 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Lolitus
« Antwort #1 am: Februar 19, 2026, 14:36:30 »
Lieber Erich,

Im Titel anknüpfend an Nabokovs Roman gestaltest du das Leben eines Jungen, der, über das Internet verführt und verdorben, zum Opfer pädophiler Homosexueller und zum Darsteller in Kinderpornos wird. Der Junge wird früh desillusioniert über das scheinheilige Bürgertum und in seinem Vertrauen beschädigt, er kann auch keinen Selbstwert entwickeln außer dem flüchtigen und unguten, ein sexueller Stimulus für Kinderschänder zu sein.
Es ist wichtig, die Schwere dieser Verbrechen aus der weitgehenden Zerstörung eines unschuldigen Lebens zu begreifen. Immer noch kaufen sich die reichen Täter von Strafe frei.

Sehr gut gedichtet. Traurig und zornig gelesen.
LG g

Im vorletzten Vers fehlt eine Silbe (so hin und wieder)
« Letzte Änderung: Februar 19, 2026, 16:53:33 von gummibaum »

Copper

Re: Lolitus
« Antwort #2 am: Februar 19, 2026, 21:09:12 »
Hallo Erich,

ein Thema, das schon in seiner Vorstellung unerträglich ist. Durch deine gekonnte Lyrik wird das Schreckliche ganz deutlich sichtbar. Das Gedicht erweckt in mir, dem Lesenden, den Drang eingreifen zu müssen. Dies ist die besondere Tragik in Deinem Gedicht. Der Lesende fühlt sich machtlos dem Geschehen gegenüber. Er ist ein Betrachter der nicht eingreifen kann in dieses Milieu. Eine Gefühl von Wut und Abscheu habe ich gespürt und mit dem Ergebnis, was ist der Mensch doch für ein Ungeheuer spinne ich meine Gedanken weiter. Das machen gute Gedichte wohl aus. Sie gehen tief in die Seele, machen sich breit in der Gedankenwelt und hallen dort noch lange nach.

Danke fürs Lesen dürfen.

Viele Grüß, Copper