Autor Thema: Klage des Dichters  (Gelesen 1892 mal)

Fridolin

Klage des Dichters
« am: Mai 14, 2016, 15:18:59 »
Du kannst der Nachwelt, Dichter, Seit um Seite schenken,
wenn ihren Blick darein nicht mal Gescheite senken.
An deinen Werken, Dichter, wird kein Wicht genesen,
man kennt dich nicht, es ist, als wärst du nicht gewesen.


Erich Kykal

Re: Klage des Dichters
« Antwort #1 am: Mai 14, 2016, 15:45:47 »
Hi, Fridolin!

Eine bittere Wahrheit - gut geschüttelt! ::)

Meine These: Drei Faktoren haben die klassische Lyrik als gesellschaftlich breitenwirksame Kunstform sabotiert:

1) Die sog. "moderne" Lyrik, die plötzlich nicht mehr reimen wollte, und die Sprache sollte auch nicht mehr harmonisch, melodisch, fließend und schön sein! Viele wandten sich ganz ab, weil ihnen der neue "Stil" nicht zusagte (oh wie gut kann ich das verstehen! ::)).
2) Die Weltkriege. Die Menschen hatten währenddessen und die Jahre danach andere Sorgen als schöne Sprache! Viele lyrisch Interessierte starben, wanderten ab oder verloren das Interesse.
3) Die modernen Massenmedien. Früher gab es weder Fernsehen noch Kino noch Internet noch Stereoanlage noch Radio, und Theater oder Oper waren selten leistbar für die Masse, auch für gebildete Schichten. Man beschäftigte sich - neben vielen anderen kulturellen Interessen und Tätigkeiten - gern mit Lyrik. Heute gibt es zuviel Ablenkung, zu viele Möglichkeiten - nur wirklich sehr Engagierte beschäftigen sich noch damit und führen ein entsprechendes Nischendasein.


Die alte Floskel "Land der Dichter und Denker", worin die Poeten sogar die Erstgenannten waren, klingt heute nur umso mehr wie blanker Hohn! ::) :'(

Sehr gern - und traurig zugleich - gelesen!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

cyparis

Re: Klage des Dichters
« Antwort #2 am: Mai 17, 2016, 17:17:30 »
Lieber Fridolin,

Deine geschüttelte Klage trifft zielgenau ins Schwarze.
Und ebenso trüb und schwarz können des Dichters Gedanken werden, liest er "Neue Deutsche Dichtung".
Eben das, was erich unter Punkt 1 genannt hat.

Wohin treibt die einst große Gabe der Wortkunst?
Wir sind doch eine Gilde der aussterbenden Statthalter; bald hat uns die SmS&S - Sprachverwilderung, -verkümmerung und -armut überholt.

Trübsinnigen Gruß in die Runde
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
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