Autor Thema: Alters Armut  (Gelesen 2128 mal)

Agneta

  • Gast
Alters Armut
« am: November 04, 2020, 12:24:37 »

gelöscht
« Letzte Änderung: Februar 10, 2021, 22:32:31 von Agneta »

Erich Kykal

Re: Alters Armut
« Antwort #1 am: November 04, 2020, 13:45:47 »
Hi Agneta!

Sehr gelungener Text! (Ein Gleichnis auf deine Wohnsituation, möchte ich vermuten, wobei das "Boot, das nicht deines war" für die Wohnung steht, um die der brüllende Wind böswilliger Nachbarschaft weht ...)

Sehr gern gelesen!  :) Ich hoffe, der rettende Hafen ist nicht fern!  ;)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

  • Gast
Re: Alters Armut
« Antwort #2 am: November 04, 2020, 20:04:34 »
hm. ich klär es mal noch nicht auf. Nein, es geht nicht um die Nachbarschaft, lieber Erich. ( Wohl aber um die menschliche Reaktion auf etwas, die sich im Alter durch Beschränkungen möglicherweise anders gestaltet, als man eigentlich ist und immer war...die Armut des Alters.
Mal sehen, ob die anderen die verschlüsselte Botschaft erkennen.
Danke dir und lG von Agneta

Erich Kykal

Re: Alters Armut
« Antwort #3 am: November 05, 2020, 00:40:14 »
Hmm, dann denke ich, es geht um die Mängel, die das Altern so mit sich bringt: Die geistige Anpassungsfähigkeit nimmt ab, ebenso wie die Kraft des Körpers, auf Unvorhergesehenes adäquat zu reagieren. Wenn dann plötzlich eine große Veränderung eintritt, überwältigt sie den Verstand und den Leib, der es sich in seiner kleinen Blase eingerichteter - aber illusionärer - Sicherheit bequem gemacht hatte.

Gemeint wären also Armut an Kraft und der Fähigkeit, sich Neuem anzupassen. Der Gealterte, die Epoche, in der er zu Hause war, lang überdauert habend, fällt quasi aus der Zeit, die ihn überholt und zurücklässt, an nichts mehr teilhabend, weil es nicht mehr seines ist und sich seinem Verständnis entzieht.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Agneta

  • Gast
Re: Alters Armut
« Antwort #4 am: November 05, 2020, 18:14:54 »
ja, da kommst du der Sache schon nahe, lieber Erich. Interessant, dass du auf Grund deiner Lebenserfahrungen das Gedicht so interpretierst: an nichts mehr teilhabend, weil es sich seinem Verständnis entzieht. Also eher passives LI. Aber ok, es wäre schlüssig und jeder liest es so, wie seine Lebenserfahrungen sind.
ich meinte es mehr als bewusste falsche Entscheidung . Also aktives LI. Wollt nicht mehr steuern... und die Erkenntnis, dass genau diese Verhaltensweise nicht die vom LI ist.
Beides Lesarten wären aber möglich.
Danke, dass du dich nochmal reingekniet hast. ;)
LG von Agneta

Sufnus

Re: Alters Armut
« Antwort #5 am: November 08, 2020, 18:12:31 »
Hi Agneta,
ich mag ganz besonders den lapidaren Alltagston, den Du in diesem Gedicht mit einer bildmächtigen Metapher kontrastiert! Sehr schön finde ich das! :)
Zur Deutung: Ohne den Titel würde ich das Boot als Symbol für das Leben des LI auffassen und dann weist die Zeile "weil dieses Boot (Leben) nicht meines war" darauf hin, dass das LI quasi durch Untätigkeit den "Besitzanspruch" am eigenen Leben verloren hat, letztlich hat sich das LI aufgrund seiner Passivität nicht "selbstverwirklicht", hat sein eigentliches Leben nicht gelebt. Eigener Wille und Schicksal (= Wind) streiten in diesem Bild um die Entscheidungshoheit im Leben. In gewisser Weise eine Antithese zu gums Gedicht über das Schicksal. Ich halte die Lesarten beider Gedicht für entgegengesetzt und gleichermaßen richtig. :)
Der Titel fügt sich allerdings m. E. nicht ganz nahtlos in diesen, meinen Deutungsansatz ein. Natürlich könnt man sagen, dass der Titel einen Rückblick auf ein Leben anzeigt, das durch Passivität hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben ist. Aber die "Armut" verweist auf eine Dürftigkeit in der auch Be-Dürftigkeit steckt... ich muss darüber noch etwas nachsinnen... :)
Sehr gern gelesen!
S.

Agneta

  • Gast
Re: Alters Armut
« Antwort #6 am: November 08, 2020, 18:59:37 »
Lieber Sufnus, du bist ja so nah dran... ;D Wenn du nun mal eine andre Lesart nimmst:

das LI hat sich verwirklicht! -  den Wind (Schicksal) nahm  sie/er stets als Freund, Helfer oder als herausforderung.
 Plötzlich, im Alter ist er das Gegenteil. Weil die Kräfte fehlen... Die Passivität ist also selbstauferlegt, dem Alter geschuldet, frei gewählt oder auch nicht (Krankheit). Insofern kommen wir dann zu Alters Armut. Und zudem Boot(Leben), das eigentlich nicht das des LI s gewesen wäre, Wäre LI nicht alt...
LG und danke fürs Nachdenken von Agneta

gummibaum

Re: Alters Armut
« Antwort #7 am: November 12, 2020, 08:58:15 »
Sehr schönes Gedicht, liebe Agneta.

Das Umschlagen und die unvermutete Kraft des Windes ... ich dachte im ersten Augenblick an Liebe, mit der man nicht mehr rechnet ... und das Boot, in dem man sitzt, ist plötzlich viel zu groß, um es noch auf Kurs zu halten. 

Liebe Grüße von gummibaum   

Agneta

  • Gast
Re: Alters Armut
« Antwort #8 am: November 12, 2020, 12:07:14 »
vielen Dank, lieber Gum. Es freut mich, dass das werk scheinbar so ein breites Spektrum an Interpretationen zulässt. LG von Agneta

AlteLyrikerin

Re: Alters Armut
« Antwort #9 am: November 12, 2020, 13:39:16 »
Liebe Agneta,

ein feiner, bildhafter Text mit vielen Interpretationsmöglichkeiten. Das ist gerade, das schöne, dass er nicht so eindeutig ist.
LyRI lässt sich treiben, mag sich mit nichts mehr auseinandersetzen ("steuern oder streiten"). Das ist auch ganz gut möglich, weil der Wind wohlgesonnen ist.
Doch dann kommt es anders. Die Situation wird bedrohlich und gutes Steuern wäre jetzt enorm wichtig. Aber das geht nicht ohne weiteres, weil "dieses Boot nicht meines war". Es wäre also doch erforderlich gewesen sich mit dem Boot und seinen Steuerungsmöglichkeiten vertraut zu machen.
Das hat mich an die Oper Rigoletto erinnert. Der Narr des Herzogs von Mantua sieht genau, wie die Frauen der Edlen am Hofe umgarnt, sexuell benutzt und dann weggeworfen werden. Er macht sogar seine Späße darüber und glaubt, er könne sich einer kritischen gesellschaftlichen Stellungnahme entziehen. Es reiche, wenn er seine Tochter behütet, abseits des Hofes in einer privaten Idylle. Aber auch dort findet sie der Herzog, wenn auch per Zufall, und bedient sich wie gewohnt. Der Narr muss angesichts seiner sterbenden Tochter erkennen, dass es ein Irrtum ist zu glauben, man könne sich aus allen Konfliktfällen heraushalten und seine private Idylle leben.


Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.

Agneta

  • Gast
Re: Alters Armut
« Antwort #10 am: November 12, 2020, 18:46:57 »
du kommst der Intention des Werkes sehr nahe, liebe AL. dazu kommt dann noch, wenn diese Steuerunwilligkeit altersbedingt ist. Ich danke dir für deine Gedanken zu meinem Werk und freue mich darüber. LG von Agneta