Autor Thema: Lebensmatt  (Gelesen 2190 mal)

Erich Kykal

Lebensmatt
« am: September 06, 2021, 12:04:26 »
Ich lebe still im Reigen meiner Räume,
ins raue Äußere verirre ich mich nie.
Ich gehe in mich, wo ich zärtlich träume,
und werde eins mit meiner Phantasie.

Ich wache stumm durch meine dürren Stunden,
nur meine Bücher sind mir Flucht und Halt.
An niemand anderen bin ich gebunden,
nur an des eignen Leibes Ungestalt.

Ich denke manchmal an die frühen Jahre,
das rege Kind, dem alles offen stand.
Es wurde alt, verlor das Wunderbare
und alle Gaben, die sein Glühen fand.

Ich kenne nun das Mühlwerk meiner Tage
zu gut seit langem, um noch froh zu sein.
Das wenige, das ich an Hoffnung wage,
macht bebend sich vor Ungesagtem klein.

Ich fürchte mich vor einem langen Sterben,
darin ich mir entgleite, Stück um Stück,
und kein Vermächtnis bliebe zu vererben,
und kein Gedanke an ein Fünkchen Glück.

Ich sehne mich zugleich nach jener Stunde,
die irgendwann als letzte übrig bleibt,
und mit dem Blut der nie verheilten Wunde
des Überlebens endlich „Ende“ schreibt.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

hans beislschmidt

Re: Lebensmatt
« Antwort #1 am: September 06, 2021, 19:37:25 »
Das ist saustark mein lieber Erich.
"Lyrik braucht Straßendreck unter den Fingernägeln" (Thomas Kling)

Erich Kykal

Re: Lebensmatt
« Antwort #2 am: September 06, 2021, 23:31:05 »
Hi Hans!

Sei bedankt!  :)

Das glitt mir heute vormittag wie von selbst aus der Feder, entsprechend meiner niedergeschlagenen Stimmung - wie jedesmal zum Ende der großen Ferien hin! Nächste Woche geht es für mich wieder los mit der Fron! Noch mindestens acht weitere Jahre, so es die Gesundheit hergibt ... - und ich fühle mich eigentlich schon SEHR berufsmüde.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Lebensmatt
« Antwort #3 am: September 07, 2021, 14:32:56 »
Lieber Erich,

ein wunderbares Gedicht über den aller Freude und Hoffnung verlustig Gegangenen, der nur noch in sich selbst geborgen und vor anderen verborgen Angst vor kommenden Leiden und doch Sehnsucht nach dem Tod fühlt.

Mit Genuss gelesen.

Chapeau von gummibaum


 

Erich Kykal

Re: Lebensmatt
« Antwort #4 am: September 07, 2021, 14:37:10 »
Hi Gum!

Auch dir Dank für die verbale Akklamation!  :)

Wie ich schon Hans schrieb: Es geht mir immer etwas mieser zu dieser Zeit des Jahres, an den letzten Ferientagen. Du weißt warum!

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

a.c.larin

Re: Lebensmatt
« Antwort #5 am: September 19, 2021, 07:22:57 »
Lieber Erich,
ich kann deine Erschöpfung gut nachvollziehen - es erging mir nicht viel anders.

Mein Tipp: Nutze die Möglichkeit, auf Geld zu verzichten, weniger zu arbeiten....

Auch ein Jahr Berufspause kann etwas Erholung bringen. Notfalls mit ärztlicher Unterstützung. 😉

Ganz liebe Grüße,
larin

Erich Kykal

Re: Lebensmatt
« Antwort #6 am: September 19, 2021, 11:46:48 »
Hi liebe larin!

Vielen Dank für deine wohlwollenden Tipps. Natürlich habe ich mir schon lang Gedanken dazu gemacht. Allerdings bin ich ohnehin schon seit 12 Jahren auf eingeschränkter Lehrverpflichtung (16 Wochenstunden statt 21), erst wegen der nervlichen Belastung, dann wegen meiner Erkrankung. Das drückt mir die Pension schon mehr als genug! Zudem scheue ich den bürokratischen und organisatorischen Aufwand einer Berufspause, und wer weiß, wo ich hinterher lande, um meine letzten Jahre "abzusitzen"?  ::) :o

Was mich zur Zeit am meisten ärgert, ist die Zwangsverpflichtung zur Fortbildung über 20 Stunden in der unterrichtsfreien Zeit! Und das bis zur Pensionierung - als ob man nach über 30 Jahren Unterrichtspraxis immer noch Schulungsbedarf haben müsste wie ein berufsunmündiger Anfänger!
Abgesehen davon gibt es in der unterrichtsfreien Zeit, die zur Verfügung steht, meist nie genug fachspezifische Kurse, von persönlich interessant empfundenen ganz zu schweigen!
Ich finde, dass man mich auf meine letzten paar Jahre damit in Ruhe lässt, hätte ich mir längst verdient! Ich war sogar bereit, auf die Bezahlung für entsprechend so viele Stunden zu verzichten, nur um nicht mehr damit belästigt zu werden - aber das wurde mir von der Direktion verweigert! Warum auch immer.  >:(

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
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a.c.larin

Re: Lebensmatt
« Antwort #7 am: September 20, 2021, 19:18:06 »
Ach ja, die letzten Berufsjahre.....
Ich kann die wechselvollen Emotionen gut nachvollziehen - ich hab diese Zeit grad hinter mich gebracht.😅
(Hab mir zur Selbsthilfe ein 'Erschöpfungstagebuch" zugelegt, in das ich hineinsuderte, wenns mir nötig erschien.)

Irgendwann ist man einfach müde. Der Körper verbraucht sich, die Psyche auch. Das Nervenkostüm ist auch nicht grenzenlos strapazierbar.
Bei meinem Mann hat die Bildschirmarbeit zu Nackenverspannungen, Bluthochdruck und Augenproblemen geführt.
Da gibts halt in jedem Beruf andere Verschleißerscheinungen...
Irgendwann hat man genug - auch vom Guten!
Zu meinen Kollegen, die mich fragten, wie das so ist für mich, hab ich gesagt: Nach fünf Schnitzeln will ich kein sechstes mehr!
Das haben sie gut verstanden.
Genug ist einfach genug.
Ein Glas, das voll ist, kann nicht noch voller werden.

Pass gut auf dich auf!
Und sieh die Fortbildung gelassen.
Mitunter muss man seine Schulzeit einfach "absitzen". Machen manche deiner Schüler bestimmt auch nicht anders....😉

Lg, larin




Erich Kykal

Re: Lebensmatt
« Antwort #8 am: Oktober 04, 2021, 09:36:31 »
Hi larin!

Sonderlich auf mich aufgepasst habe ich nie - eigentlich tat ich fast alles, um diesen ungeliebten Körper, in dem ich leben muss, zu sabotieren und zu verwüsten!
Seltsam - ein Teil von mir freut sich sehnlichst, endlich nicht mehr darin bestehen zu müssen ...

Vielen Dank für die Einblicke in deine Lebenserfahrung!  :)

LG, eKy
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hans beislschmidt

Re: Lebensmatt
« Antwort #9 am: Oktober 05, 2021, 20:11:51 »
.....sehr gut, dein Schnitzelvergleich liebe Larin. Nach 38 Jahren Gastro und Kleinkunst ist es genug. Alles hat seine Zeit und ich hätte eine spannende Zeit. Jetzt lasse ich es ganz gemütlich angehen und ertappe mich dabei einen kompletten Tag mit Nichtstun zu verbringen. Entspannt euch, Gruß vom Hans
"Lyrik braucht Straßendreck unter den Fingernägeln" (Thomas Kling)

Erich Kykal

Re: Lebensmatt
« Antwort #10 am: August 01, 2025, 11:50:02 »
Nun wurde ich doch früher in den Ruhestand geschickt - kranheitsbedingt. Ich lerne langsam, wie schön und überraschend erfüllend es sein kann, eigene Interessen zu verfolgen - oder auch nicht, ganz nach Tagesverfassung und Laune. Kein Druck, kein Zwang, keine verfluchte 'Pflicht'!

HAAAAAAAAHHHHHHH! (Unendlich erleichtertes Ausatmen)


LG, eKy
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Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

a.c.larin

Re: Lebensmatt
« Antwort #11 am: August 08, 2025, 20:01:11 »
Lieber Erich,

auch wenn der Anlass in deinem Fall kaum Grund zum Jubeln gibt, wenn die Last des Berufsalltages abfällt, so ist das schon eine große Erleichterung! Insoferne also: Willkommen im Club und herzlichen Glückwunsch!

Irgendwann ists genug - und jetzt kommt noch mal.was Anderes. Mögen die neuen Ufer noch viel Überraschendes und Schönes bringen!

Liebe Grüße von der - derzeit viel Beschäfigten -
Larin

Erich Kykal

Re: Lebensmatt
« Antwort #12 am: August 08, 2025, 21:24:14 »
Hi Larin!

Pensioniert wurde ich ja schon im Jänner, nachdem ich vor Weihnachten 2 Wochen im Spital war, weil meine Werte so mies waren - meine alte Chemo wirkte nicht mehr, schleichend.

Davor war ich zu einer amtsärztlichen Begutachtung geschickt worden und wurde für nicht mehr dienstfähig erklärt.

Die neue Chemo funktioniert bislang, auch wenn ich allgemein nicht mehr viel Puste habe - solche Ausflüge wie damals bei unseren Dichtetreffen würden mich heute schon konditionell überfordern.

Vielen Dank für deine freundlichen Worte!


LG, eKy
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a.c.larin

Re: Lebensmatt
« Antwort #13 am: August 09, 2025, 04:05:34 »
Hi Erich,
Jaaa....dieses : damals gings noch besser - das können wir alle!
Wie lange ist das schon her? 10, 12, 13 Jahre? Oder gar noch länger? Das macht in unserem Alter einen Riiiiiiesenunterschied.

Und wenn man mit einer Erkrankung känpft, dann sowieso.
Heuer im Frühjahr hat mich ein grippaler Infekt erwischt, der allerhand Spuk erzeugt hat, ein paar Wochen lang. Vor allem Herzstolpern.
Zum Jammern hab ich aber keine Zeit ( und auch keinen Grund)
Nach dem Tod meiner Mutter kümmere ich um meinen Herrn Papa ( mittlerweile im 92. Lebensjahr). Der alte Herr ist noch sehr rührig und ich konnte ihn gut auffangen und jetzt bin ich täglicher Frühstücksgast bei ihm und er Mittagsgast bei uns zu Haus.
Habe also 2 Männer zu bespaßen. Und demnächst wohl auch einen dritten: Enkel Oscar, anderthalb! Allmählich kann die Schwiegertochter auch mal loslassen und die Oma darf ran!

Diese Kleinen sind soo witzig, da wird man selber auch noch mal zum Kind ( und ich kann ja recht albern sein, wie du weißt!)
Mittlerweile ist auch Enkelkind Numero 2 im Anflug. Und diesmal bekommen wir Verstärkung auf der weiblichen Seite!

Tochter und Schwiegersohn werden Haus bauen ( nicht weit von uns). Also für Action ist gesorgt.

Fürs Mattsein hab ich nicht viel Zeit im Moment ( besser so!) - und noch dazu lege ich seit geraumer Zeit nächtliche Wachphasen ein ( Nachdenken, Ausdenken, Kopfweh, Kreuzweh - oder sonst einem Blödsinn)
Nennt man das "senile Bettflucht"? 😁

"Alt werden ist nichts für Feiglinge" hat mal jemand gesagt.
Also dann: Lass uns tapfer bleiben - und die Gunst der Stunde nützen - wofür auch immer!

Nächtliche Grüße aus Wien,
Larin
« Letzte Änderung: August 09, 2025, 04:07:27 von a.c.larin »

Erich Kykal

Re: Lebensmatt
« Antwort #14 am: August 10, 2025, 09:55:53 »
Hi Larin!

Vielen Dank für die kleinen Einblicke in deinen Alltag. Ich freue mich für dich.

Bei mir ist es eher so, dass ich nicht mehr als 5-6 Stunden mehr am Stück schlafen kann. Als Abendmensch gehe ich kaum je vor 3h morgens ins Bett. Dafür übermannt mich immer öfter ein kleines Nachmittagsschläfchen um in etwa dieselbe Uhrzeit - bloß am Tage.

Ich bin dankbar, dass meine Erkrankung nicht von der schmerzleidenden Sorte ist, acht bis neun Tabletten täglich sind zehrend genug ...

Enkel wird es für mich keine mehr geben, das war auch nie vorgesehen, soweit es mich betrifft. Meine genetische Disposition wollte ich einem fühlenden Wesen nie bewusst antun. Jaja, ich hätte es noch viel schlimmer treffen können, als bloß klein, fett, kahl, schaßaugad, behaart und sonstiges zu sein, ich weiß - aber mir und meinem Anspruch auf Würde und Ästhetik hat's gereicht!
In meinem Leben gab es wenig, auf das ich stolz hätte sein können, und dieses wenige habe ich in meiner früh unterdrückten sozialen Bedürftigkeit meist so aufdringlich Anerkennung heischend vor mir hergetragen, dass ich auf andere eher selbstgefällig oder arrogant wirkte.
Als du mich kennengelernt hast, war ich ja schon vergleichsweise gesetzt und 'weise' ...  ;)

Es tut gut, dass wir wieder mal voneinander lesen. Gern mher davon! Dichtest du noch?

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.