Autor Thema: Tätige Ablenkung  (Gelesen 9073 mal)

Erich Kykal

Tätige Ablenkung
« am: August 12, 2024, 08:35:32 »
Wer sagt, dass Regen Segen brächte?
Kaum regst du dich, trägt man dir auf,
packt dich am Stolz und am Gemächte
und webt dich in der Welten Lauf.

Da plagst du dich mit krummem Buckel
und sehnst dich nach der stillen Zeit,
da du noch selig lagst am Nuckel
der eigenen Besinnlichkeit.
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Rocco

Re: Tätige Ablenkung
« Antwort #1 am: August 31, 2024, 18:19:26 »
Hallo Erich,

spontan fällt mir dazu ein, dass eine Tätigkeit immer in dem Maße sinnvoll ist, wie man ihr Sinn zu geben vermag.

Besinnlichkeit braucht Ruhe, ja, aber die findet man nicht nur in einer stillen Zeit.

Mir ist aufgefallen, dass Zeit nicht immer Zeit ist. Es gibt eine Zeit, da bin ich für mich und fühle mich wohl dabei, auch kreativ und überhaupt lebendig.

Dann habe ich Zeiten mit Freunden und Bekannten, die hektisch sind, aber trotzdem wirkt diese Zeit elektrisierend und anregend. Ich will sie nicht missen!

Ja, sich regen kann Segen bringen. Zumal niemand in einer Glaskugel die Zukunft vorhersagen kann.

Das ist mein Argument dafür, sich zu regen. Offen sein für Eindrücke und Gedanken.

Besinnlichkeit gibt es auf vielen Wegen. Man muss suchen.

Und ja: Ablenkung kann vieles sein.
Aber wer bestimmt das? Nur andere?

Dir einen schönen Tag!

Rocco
"Erst in Rage werde ich grob -
aber gelte als der Hitzkopf?!"

Yusuf Ben Goldstein, aus Rocco Mondrians Komödie: Yusuf Ben Goldstein, ein aufrechter Deutscher

Erich Kykal

Re: Tätige Ablenkung
« Antwort #2 am: Oktober 09, 2024, 20:22:19 »
Hi Roc!

In dem Gedicht geht es darum, sich nicht vereinnahmen zu lassen, vor allem nicht vom modernen Diktat der ständigen Betriebsamkeit.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Tätige Ablenkung
« Antwort #3 am: Januar 20, 2025, 03:54:12 »
Ich dachte zuerst an die zum Teil fragwürdigen Aufgaben (wie Protokoll schreiben für jeden lächerlichen Beschluss in einer Gruppe), die gern verteilt werden, und wo jeder versucht, sich schnell zu ducken, um übersehen zu werden. Aber es gibt ja auch Gruppen, deren Mitglieder sich permanent um Aufgaben drängeln, um Punkte zu sammeln/Karriere-Portfolios aufzuhübschen... Das steht jeder sinnvollen Kontemplation entgegen. Und wenn es für stromlinienförmiges Verhalten heißt „unsere Philosophie ist“, zeigt das ein völliges Missverstehen und Pervertieren einstmals weisen Denkens.

Gern gelesen, lieber Erich.

LG g



Erich Kykal

Re: Tätige Ablenkung
« Antwort #4 am: Januar 05, 2026, 10:28:46 »
Hi Gum!

Es geht nicht nur um Gruppen - nein um das Mindset ganzer Zivilisationen, ganzer Kulturen. Immer mehr, immer weiter, immer höher, immer effizienter - dieser Wahn wurde uns doch schon mit der Flasche eingeimpft, oder? Gesellschaften im Diktat der ständigen Steigerung von allem - das kann nie gutgehen! Und einen gesunden Reset ohne Krieg und Katastrophe kriegen wir einfach nicht hin! Und danach muss erst recht rangeklotzt werden, um die Schäden möglischt rasch auszubessern. Die Mühle des Kulturdiktats von der dauerhaften optimierten Leistungsfähgikeit mahlt uns alle klein, macht uns zu ihren Sklaven - und die Uhr schwingt die Peitsche.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Curd Belesos

Re: Tätige Ablenkung
« Antwort #5 am: September 06, 2026, 10:09:32 »
Moin,
Müßiggang ist kein Laster, wenn man es sich leisten kann und versteht, es kreativ zu gestalten, auch wenn das Sprichwort vom Ursprung her einen negativen Anstrich hat.
Nur wer frei ist, kann müßig gehen, entschleunigt den anderen entgegengehen.

LG
CB
« Letzte Änderung: September 06, 2026, 10:11:35 von Curd Belesos »
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

Erich Kykal

Re: Tätige Ablenkung
« Antwort #6 am: September 06, 2026, 20:45:01 »
Hi Curd!

Schön, dass es dich noch gibt!  :)

Ja, so wie du es schreibst hatte ich es auch gemeint, so am Nuckel der eigenen Besinnlichkeit.

Aber jeder weiß, wie das so ist: Man erklärt sich zu etwas bereit, und schon kommen ein paar weitere Sachen hinzu, aus 'Kulanz', Goodwill, oder weil Sache eins ohne die anderen gar nicht erst funktionieren würde - und schon hast du einen ganzen Rattenschwanz neuer Verpflichtungen am Hals, weil jedes Ding sofort 'Junge kiegt', und weitere 'Bittsteller' auf deine Freundlichkeit und dein Wohlmeinen bauen, als wäre das im sozialen Kontext wie automatisch vorausgesetzt.
Und warst erst EINMAL altruistisch, rechnet sofort jeder um dich herum damit, dass das auch fürderhin so bleibt, und sie jederzeit mit etwas zu dir kommen können, weil du doch so gutherzig und hilfsbereit bist, oder?

Ich habe nichts gegen Menschenfreundlichkeit, aber ich möchte auch nicht das Gefühl haben, dass meine Gutmütigkeit ständig ausgenutzt wird, und leider war das nicht selten der Fall, vor allem im Kollegium meines Berufslebens. Dabei unterstelle ich den Leuten, die 'Gefallen' von mir haben wollen, noch nicht einmal irgendeine unlautere Absicht. Nein, wenn sie einen einmal so wahrgenommen haben, als verlässlichen Kumpel, den man zu allem breitschlagen kann, dann nutzen sie das intuitiv aus und glauben sogar noch, derjenige täte das doch gerne, jederzeit, überall, und für jeden.

Es scheint ein Teil der sozialen Übereinkünfte unseres allgemeinen Zusammenlebens zu sein, der, einmal getriggert, kein Ende mehr findet, und lehnt sich der Betroffene dagegen auf, erachtet man ihn sofort als unsozial, miesepetrig oder berechnend, so als wäre es plötzlich SEINE Schuld, wenn er mal wieder seine Ruhe haben möchte ...

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Curd Belesos

Re: Tätige Ablenkung
« Antwort #7 am: September 07, 2026, 13:54:32 »
Moin Erich,
manchmal kommt ein NEIN aus Verzweiflung, weil man der "Ausbeutung" ein Ende setzen will. Manchmal aber ist es die nicht erwartete Antwort auf eine Frage, die man nun mal mit Ja oder Nein beantworten werden kann. Letzteres ist die freie Entscheidung eines freien Geistes. Das Erstgenannte aber wohl der von dir in S2 / Z2 beschriebenen Ohnmacht geschuldet, wenn du dich dazu durchringst, der von dir in S1 / Z3 beschriebenen Aufforderung innerlich zu widerstehen. Also ein NEIN als Antwort zu dir selbst, wie auch zu dem Fragenden.

Interessierte Grüße, CB.

PS: Mir fällt es jetzt, im Alter, unglaublich leicht müßig zu gehen, da ich endlich frei von den Empfänglichkeiten aus S1 / Z3 bin und mich nicht mehr einweben lasse.
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch