Autor Thema: Scham  (Gelesen 3039 mal)

Erich Kykal

Scham
« am: November 08, 2016, 21:06:30 »
Auf  Pfaden der Nacht
sind sie alle Gefährten,
erwählt und bewacht
in verschwiegenen Gärten
und im Gewühle.

Bis zum Morgen danach
sind sie alle Gefährten,
verleugnen ihr Ungemach
mit Mut, den sie nährten
in nächtlicher Kühle.

Wo das Licht sie besucht,
sehen all die Gefährten,
was fremd und verrucht
sie einander gewährten
in fiebriger Schwüle.

Und waren nie dort,
und wenden sich fort
und schämen sich ihrer Gefühle.
« Letzte Änderung: November 08, 2016, 21:10:05 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Copper

Re: Scham
« Antwort #1 am: November 10, 2016, 14:28:01 »
Hallo Erich,

dein Gedicht hinterlässt bei mir einen tiefen Eindruck, denn wie immer klasse geschrieben und die Bestätigung für Deine Gedanken findet sich auch in meinem Leben.

So habe ich mir oft Gedanken gemacht, weshalb ehemalige Wegbegleiter mit mir gebrochen haben, obwohl es keinen Grund für eine totale Distanzierung gab.

Gerade Menschen, denen ich behilflich sein durfte in ihrer schwächsten Lebensphase, haben alle Verbindungen zu mir abgebrochen.

Es fiel nie ein böses Wort, keinen Streit. Keinen Verrat oder ähnliches. Ihr Verhalten ist wohl ein Selbstschutz. Sie haben sich damals mir gegenüber ganz geöffnet, denn sie suchten Halt bei mir. Nun haben sie diese schwere Phase überwunden und wollen diese Vergangenheit hinter sich lassen. Somit brechen sie alle Verbindungen ab. Auch zu jenen Menschen die damals eine große Stütze waren. Vielleicht  aus Scham. Vielleicht auch um Erinnerungen aus den Weg zu gehen. Sobald sie mich sehen werden sie wohl wieder mit dieser Zeit konfrontiert. Sie bauen sich einen neuen Freundeskreis. Das gehört wohl auch zum Neuanfang.
Ein neuer Frühling verlangt nach neuen Kleidern.

Erst war ich menschlich enttäuscht. Falls ich jedoch mit meiner Annahme richtig liege, dann habe ich auch Verständnis dafür.

In der Nacht sind wir einander Begleiter. Es fällt der Vorhang der Eitelkeiten. Am Tag schämen wir uns für dieses " sich öffnen," fürs Demaskieren. Wir schämen uns unserer Schwachheit. 

Ich glaube damit die Kernaussage deines Gedichtes erkannt zu haben. Oder ?

Danke für diese Zeilen. LG. Copper

« Letzte Änderung: November 10, 2016, 14:34:26 von Copper »

Erich Kykal

Re: Scham
« Antwort #2 am: November 10, 2016, 16:49:29 »
Hi Copper!

Du liegst durchaus richtig und hast es mit deinen Ausführungen sogar noch erweitert!

Ich hatte die abendländische "Ausgehkultur" vor Augen. Menschen machen sich fein, treffen sich auf sog. "In-Locations" oder schlicht in der Disco, balzen und werben, oder suchen einfach nur was für den gepflegten Samstagabendfuck.
Obwohl gesellschaftlich "anerkannt", ist dies doch oft ein vom Alkohol enthemmtes Sicheinandergewähren, dessen man sich hinterher doch schämt. Manche flüchten in eine Art Jetzt-erst-recht-Mentalität und geben mit ihren "Eroberungen" an, aber die meisten verdrücken sich einfach still und leise am Morgen danach, denn mehr als ein Abreagieren der Lust war ja nie geplant ...

Da schlägt der lust- und körperfeindliche katholische Wertekanon leider immer noch gnadenlos zu! die Angst vor AIDS oder Geschlechtskrankheiten tut ein Übriges. Man schämt sich insgeheim, verdrängt lieber - und plant das nächste Wochenende ...

Deine zusätzliche Ebene mit der Scham bezüglich der Rückschau auf schwache Momente im Leben passt sehr gut dazu! Ist ja im Grunde auch dasselbe Moment.

LG, eKy
« Letzte Änderung: Januar 28, 2017, 16:32:48 von Erich Kykal »
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

gummibaum

Re: Scham
« Antwort #3 am: November 13, 2016, 19:07:17 »
Lieber Erich,

diese weißen Westen tragen die meisten so gern, verleugnen sich, geben andere auf oder liefern sie sogar ans Messer.

Ungewöhnlich für dich sind hier die Kürze der Verse und der Wechsel ihrer Silbenzahl.

Sehr gern gelesen.

LG g

 

Erich Kykal

Re: Scham
« Antwort #4 am: November 13, 2016, 19:36:09 »
Hi Gum!

Ein Relikt aus meiner poetischen Frühperiode, wo ich öfter mal so schrieb und auch noch keine Heber zählte. Hier tat ich das zwar, und mir fielen die Ungleichgeichte, vor allem in der Silbenzahl im Vergleich mit gleichen Zeilen der anderen Strophen, auch auf - indes, ich schrieb dies nur so zwischendurch und war dabei auch nicht sonderlich bei der Sache. Es schien mir die Mühe nicht wert, noch nachträglich dran rumzudoktern. Nehmen wir dies also als das Schlimmste an, dessen ich lyrisch fähig bin ...  ;) ;D ::)

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.

Curd Belesos

Re: Scham
« Antwort #5 am: November 16, 2016, 00:10:46 »
OK  >:D
Nur wenn du frei bist " IF " ....dann bist du ein Mensch

cyparis

Re: Scham
« Antwort #6 am: Januar 28, 2017, 13:33:35 »
Lieber Erich,

ein vielfach interpretierbares Gedicht, das auch bei mir "Eindruck schindet".
Von wann ist das Gedicht?
Es zeigt Deine hohe Wortkunst auf unübertreffliche Weise.

In sehr viel früheren solventen Nächten hatte auch ich meine Schatten und Schattenmomente.
Die ich mir zunutze machte. Und nur äußerst selten zu bereuen hatte.
Scham? Eigentlich nie.

Du hast Erinnerungen geweckt, die ich längst begraben hatte.

Lieben Gruß
von
Cyparis
Der Schönheit treu ergeben
(Lady Anne von Camster & Glencairn)
copyright auf alle Texte

Erich Kykal

Re: Scham
« Antwort #7 am: Januar 28, 2017, 16:37:43 »
Hi Cypi!

Meine Gedichte in den Foren sind (fast) immer zu dem Zeitpunkt entstanden, den das Datum darüber nennt - ich stelle so gut wie nie ältere Sachen ein. Nur der obige Stil gemahnt an meine lyrische Frühzeit.

LG, eKy
Ironie: Ich halte euch einen Spiegel vor, damit wir herzlich lachen können.
Sarkasmus: Ich halte euch einen Spiegel vor, weil ich von euch enttäuscht bin.
Zynismus: Ich halte euch einen Spiegel vor, aber ich glaube nicht mehr an euch.